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Esskultur: Und alle machen mmmh!

Als Superfood noch Energiebällchen hieß – und das Schwein zum Saumagen und nicht zum Pulled Pork wurde: eine Reise durch sieben Jahrzehnte deutsche Küchenkultur. Von
Aus der Serie: Deutschland 70/30

70 Jahre Grundgesetz, 30 Jahre Mauerfall: Wir wollen die historischen Jubiläen dieses Jahres als etwas Zusammenhängendes betrachten. Deshalb haben wir die Serie "Deutschland 70/30" gestartet. Hier erzählt unser Autor davon, wie sich mit dem Land auch die Lieblingsgerichte verändert haben.

Eigentlich ist der Avocadotoast unserer Tage kaum etwas anderes als der Toast Hawaii der Fünfzigerjahre: sehr weit hergeholt. Dass es auch kurz nach Gründung der BRD schon flächendeckende Küchentrends gab, das zeigt dieser Überblick über 70 Jahre Essen und Trinken in Deutschland – Jahrzehnt für Jahrzehnt, vom Goldbroiler bis zum Grünkernbratling. Auch das Superfood ist übrigens älter, als man denkt. Nur hieß es damals noch Energiebällchen. Und brutal regional? War in den Achtzigern kein so großes Ding wie heute, sondern wurde als "Deutschtümelei" abgetan.

1950 – Wirtschaftswundervöllerei

"Deutschland, Deutschland, Deutschland, ohne alles, ohne Butter, ohne Speck – und das bisschen Marmelade frisst uns die Besatzung weg", singt man im Ruhrgebiet. Deutschland liegt in Trümmern und ernährt sich aus Carepaketen und Schrebergärten. Doch mit der Währungsreform im Juni 1948 bessert sich die Lage, die D-Mark ist da, die Läden füllen sich mit Waren. Im Mai 1950 wird die Rationierung in der BRD, 1958 schließlich auch in der DDR beendet.

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Der Mangel verwandelt sich in Wirtschaftswundervöllerei – aber was soll man kochen? Auftritt Carl Clemens Hahn! Am 20. Februar 1953 tritt der gescheiterte Schauspieler und leidenschaftliche Küchenautodidakt erstmals vor die Zuschauer an den Endgeräten. Hahn wird unter dem Künstlernamen Clemens Wilmenrod der erste Fernsehkoch Deutschlands. "Ihr lieben, goldigen Menschen! Liebe Brüder und Schwestern in Lucullus!", begrüßt er alle überschwänglich zu seiner Sendung Bitte in zehn Minuten zu Tisch. Ausgestrahlt wird sie am Freitagabend zur besten Sendezeit.

Wilmenrod erschafft – überwiegend aus Konserven – zahlreiche Klassiker der Wirtschaftswunderjahre. Galant und mit schnittigem Menjou-Bärtchen reicht er Kullerpfirsich in Sekt und wickelt Dosenspargelstangen in Kochschinken. Die wohl berühmteste Kreation des Showkochpioniers ist aber der Toast Hawaii. Der gebutterte Schinkentoast mit Schmelzkäsescheibe und Belegkirsche war Futter gegen den Nachkriegshunger, die davon inspirierte Pizza Hawaii folgte bald.

Derweil machen sich zwei Österreicher auf, den Deutschen ordentlich aufzutischen. Neben der Anzahl an Lebensjahren trennt die beiden Herren auch der kulinarische Ansatz: Der Linzer Kellner Friedrich Jahn eröffnet 1955 seinen ersten Hühnergrillimbiss in der Amalienstraße in München-Schwabing. 25 Jahre später wird er Herr über 1.500 Wienerwald-Lokale in 18 Ländern sein. In Bad Gastein tritt der 15-jährige Schneidersohn Eckart Witzigmann gegen den Willen der Eltern am 1. Mai 1957 seine Stelle als Kochlehrling im Straubinger Hof an. Die Welt wird bald von ihm hören.

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