© Manuel Haring

Negroni: Happy Birthday, alter Haudegen

Drei Zutaten zu gleichen Teilen, das war's: Ein Negroni ist eine umstandslose, wirkungsvolle und dabei ungemein elegante Angelegenheit. Und das seit 100 Jahren! Von
Aus der Serie: Absacker

Ist ein Mojito ein Longdrink? Muss bei einer Margarita immer ein Salzrand ans Glas? Und wie viel Zitrone gehört in einen Whiskey Sour? Unsere Serie "Absacker" beantwortet diese Fragen und verrät Ihnen, wie Sie sich selbst den richtigen Drink für einen perfekten Abend mixen können. Denn hinter jedem Drink verbirgt sich ein Lebensgefühl.

Ein Mann, ein Wort. Forte solle sein Drink sein, stark, forderte der Graf, allein am Tresen des Caffè Casoni sitzend. Er war im Jahr 1919, nach umtriebigen Jahren in Amerika und Kanada, in seine Heimatstadt Florenz zurückgekehrt und wurde nicht gerade freundlich aufgenommen. Denn er war ein Spieler, zeitweilig so erfolgreich, dass er mit seinen Gewinnen eine Rinderfarm erwarb, außerdem galt er als Frauenheld und war Vater eines unehelichen Kindes, damals ein ziemlicher Skandal.

In dieser Lage wünschte er sich vom Bartender seines Vertrauens ein Getränk, das "so süß, so herb, so bitter ist wie das Leben selbst". Vor allem stärker als der Americano – Campari, Wermut und Soda –, den er vor sich hatte. Fosco Scarselli, der Barkeeper, ersetzte also Soda durch Gin, fügte eine Orangenscheibe hinzu und benannte das Ergebnis nach seinem Gast. Die Liebe von Graf Camillo Negroni (1868–1934) zu diesem Getränk wurde eine große. Sein Arzt empfahl ihm, nicht mehr als 20 davon am Tag zu trinken.

100 Jahre später ist der Negroni so etabliert auf den Tresen dieser Welt, dass er mit einer internationalen Negroni Week gefeiert wird. Die teilnehmenden Bars präsentieren eigene Variationen und spenden die Erlöse einem guten Zweck. Noch bis zum 30. Juni 2019 läuft die Negroni-Woche, mehr als 12.000 Etablissements nehmen weltweit daran teil.

Hubert Peter denkt auch bei Cocktails brutal regional. © Marius Mammerler

Der Negroni gehört grundsätzlich zur Gruppe der Pre-Dinner-Cocktails. Insbesondere in seinem Geburtsland bereichert er den täglichen Aperitivo, jenes gesellige Beisammensein vor dem Abendessen, das von Cocktails und Häppchen begleitet wird. Von dort stammt auch eine der berühmtesten Variationen. Aus Versehen soll ein Bartender Prosecco statt Gin verwendet haben, daher rührt der Name Negroni Sbagliato (sbagliato bedeutet falsch). Weitere Abwandlungen sind der Boulevardier, bei dem Gin durch Bourbon ersetzt wird, und der wodkabasierte Negroski.

Drei Zutaten zu gleichen Teilen, kein Soda, kein Schnickschnack: Gerade weil das Grundrezept so simpel ist, regt es zu Experimenten an. An Ginsorten mangelt es nicht mehr, jede bringt ihre eigenen Aromen mit. Als Wermut kommen oft Antica Formula oder Dolin zum Einsatz – aber weil nach dem Gin nun Wermut im Trend liegt, gibt es auch hier zahlreiche Alternativen.

Bleibt der Campari. Mit seiner Signalfarbe und den unverwechselbaren Bitternoten ist er nicht leicht zu ersetzen, für viele gar nicht. Hubert Peter ist anderer Meinung. Wann immer es geht, arbeitet er mit handwerklich erzeugten Spirituosen, bestenfalls seinen eigenen. Er ist Teilinhaber des Wiener Bruder, einer Mischung aus Restaurant und Bar. Weil sein Geschäftspartner Lucas Steindorfer vorwiegend mit Produkten aus der Region kocht, ist es für Peter logisch, diesen Anspruch auf der Getränkekarte fortzusetzen.

Er setzt seinen eigenen Bitterlikör an, genau wie den Wermut, beides idealerweise im Frühling. Durch den fehlenden Campari ist die "Abendröte in Catania" blasser als das glutrote Vorbild und nicht ganz so stark. "Dieser Cocktail braucht viel Aufmerksamkeit und Mut", sagt Hubert Peter über seine Negroni-Variation. "Er will reifen. Sich Zeit nehmen."

Wer nicht ganz so viel Zeit und Mut hat, kann natürlich auch erst mal mit dem Grundrezept testen, wie groß seine Liebe zum Negroni werden könnte.

Grundrezept Negroni

Zutaten:

  • 1 Teil (3 cl) Campari
  • 1 Teil (3 cl) Gin
  • 1 Teil (3 cl) roter Wermut
  • 1 Orangenscheibe

Zubereitung:

Alle Zutaten nacheinander direkt in einen Tumbler mit Eis geben, verrühren. Mit einer Orangenscheibe garnieren.


"Abendröte in Catania"

Zutaten:

  • 3 cl kräftiger Dry Gin
  • 3 cl selbstgemachter Bitterlikör (siehe unten)
  • 3 cl selbstgemachter Wermut (siehe unten)
  • einige Spritzer Orangensaft
  • 1 schwarze Nuss (kandierte grüne Walnuss)

Für den Bitterlikör:

  • 10 grüne Walnüsse
  • 100 g Weißtanne
  • 75 g grüne Lärchenzapfen
  • 50 g Buchenblätter
  • 25 g Lindenblüten
  • 25 g Haselstrauchblüte
  • 25 g Eicheln
  • 25 g Kirschblüten
  • 30 g Magnolienblüten
  • 25 g Brombeerblätter
  • 50 g Holunderblüten
  • 25 g Löwenzahnblüten
  • 10 g Schafgarbe
  • 10 g Wermutkraut
  • 10 g Tausendgüldenkraut
  • 1 l Wodka 40%
  • 300 g Honig
  • 250 ml Verjus


Alle Zutaten in ein zwei Liter fassendes Einmachglas füllen und gut umrühren, luftdicht verschließen und etwa sechs Monate ziehen lassen.

Für den roten Wermut:

  • 5 Handvoll Wildkräuter nach Wahl
  • 1–2 Zweige Wermutkraut
  • 750 ml kräftiger Rotwein, am besten Blaufränkisch
  • 250 ml Tresterbrand
  • 200 g Honig

Alle Zutaten in ein zwei Liter fassendes Einmachglas füllen und gut umrühren, luftdicht verschließen und etwa vier Monate ziehen lassen.

Zubereitung Drink:

Bitterlikör und Wermut mit Gin im Tumbler kaltrühren, mit einigen Spritzern Orangensaft abschmecken und mit schwarzer Nuss garniert servieren.



Kommentare

44 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren