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Vegane Ernährung: Burger aus der Erbse

Aminosäuren, Lipide, Spurenelemente, Wasser: Das ist Fleisch. Kann man im Labor nachbauen, nun boomt der Markt für pflanzliche Burger. Wer macht hier mit wem Geschäfte? Von

Tyson Foods gehört nicht zu der Sorte Unternehmen, die Nachhaltigkeitspreise gewinnt. Das Aufmacherfoto auf der Homepage des zweitgrößten Fleischkonzerns der Welt zeigt drei Masthähnchen, hinter denen sich, wenn auch verschwommen, ein Massentierhaltungsstall öffnet. Keine gackernden Hühner auf grüner Wiese, nirgends.

Als protein leader – in etwa: "führender Eiweißlieferant" – beschreibt sich das Unternehmen aus Springdale im US-Bundesstaat Arkansas in nüchternem Business-to-Business-Englisch. Die Schlagzeilen, die es verlässlich produziert, lesen sich aufregender: "120.000 Pfund Chicken Nuggets zurückgezogen, weil Gummi in ihnen gefunden wurde", meldete unter anderem die New York Times im Januar. Im März hieß es: "Tyson zieht zwölf Millionen Pfund Hähnchenstreifen wieder ein, weil Verbraucher Metallteile darin entdeckten."

Unappetitlich geht es bei Tyson Foods auch im übertragenen Sinne zu. Ob beim Tierschutz, bei der Verschmutzung des Grundwassers, dem hohen Einsatz von Antibiotika bei der Tiermast, den Arbeitsbedingungen für undokumentierte Einwanderer oder den Preismanipulationen: Wenn es dreckig wird im globalisierten Lebensmittelsystem, fällt der Name Tyson Foods ziemlich schnell.

Wenn nun ausgerechnet dieses Unternehmen von der bekanntesten Tierrechtsorganisation der Welt gelobt wird, wundert man sich erst mal. "Schwer begeistert" zeigte man sich bei People for the Ethical Treatment of Animals (Peta) bereits 2016 von Tyson Foods' strategischer Entscheidung, in ein veganes Start-up zu investieren. Über ein von McDonald's vermarktetes veganes Produkt des Schweizer Lebensmittelmultis Nestlé – der sonst eher Schlagzeilen wie "Sklavenarbeit auf den Kuttern des Lebensmittelmulti" verantwortet – urteilte Peta vor einem Monat, das sei "eine tolle Alternative zu Burgern, für die Tiere getötet werden". Und von einem veganen Burger, der in Deutschland von Lidl vermarktet wird – parallel zum Angebot der Woche, 320 Gramm Putenhacksteaks für 1,49 Euro –, heißt es, "nicht umsonst schwärmen Hollywoodstars wie Snoop Dogg und Leonardo DiCaprio" davon.

Haben die Leute bei Peta ihre Prinzipien stark nach unten korrigiert? Oder kündigt sich tatsächlich so etwas wie eine grundlegende Wende an im Big Food – dem großen Geschäft mit dem Essen?

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1.300.000 Menschen in Deutschland ernähren sich vegan.

Alles begann vor zehn Jahren, mit einem ungewöhnlichen Investment von Tyson Foods. Der Fleischkonzern gehörte damals – neben dem erklärten Menschenfreund Bill Gates und der Tierrechtsorganisation Humane Society – zu den Geburtshelfern eines kleinen Unternehmens in der Nähe von Los Angeles. Die Diskrepanz zwischen Geldgeber und -nehmer war offensichtlich. Auf der einen Seite der Fleischriese mit seinen 122.000 Angestellten, einem jährlichen Umsatz von 40 Milliarden Dollar und mehreren Millionen geschlachteter Tiere pro Tag. Auf der anderen Seite Beyond Meat; ein kleines Gründerteam aus Wissenschaftlern und Umweltschützern, die öffentlichkeitswirksam das Ziel formulierten, eines Tages solle überhaupt kein Tier mehr geschlachtet werden müssen. Die Idee: Fleisch aus Pflanzenstoffen kopieren und in den Supermarkt bringen. Und zwar in die Fleischtheke, nicht ins Regal für Veganerinnen und Veganer.

Die Geschichte des fleischlosen Fleisches geht auf die Achtzigerjahre zurück. Damals richtete ein Lebensmittelwissenschaftler namens Fu-hung Hsieh an der Universität von Missouri ein Programm für Food Engineering ein. Er schaffte einen Extruder an – so nennt man Industriemaschinen, die feste oder dickflüssige Massen unter Einfluss von Druck oder Hitze aus Düsen pressen und dadurch deren Form und Konsistenz entscheidend verändern – und arbeitete fortan daran, Muskelfasern aus Pflanzenstoffen nachzubauen. Ende der Nullerjahre wurde Ethan Brown, ein junger veganer Umweltaktivist, auf Hsiehs Arbeit aufmerksam. Die beiden tüftelten fortan gemeinsam an der perfekten Faser, Brown ließ sich das Verfahren 2009 patentieren und gründete Beyond Meat. 2012 kam das erste Produkt der Firma in den Handel. Die Chicken-free Strips (hühnchenfreie Streifen) wurden sofort zum Verkaufshit. Es folgten vegane Würste, veganes Hackfleisch und eben der vegane Burger.

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