© Ferdinand Dyck für ZEITmagazin ONLINE

Astronautennahrung: Houston, der Krabbencocktail ist alle

Rindergulasch oder Frikadellen: Astronautenessen soll an Hausmannskost erinnern. Aber schmeckt die Paste auch? Ein Kochversuch in der kulinarischen Schwerelosigkeit. Von

Juli 1969, Millionen Menschen sitzen vor Flimmerkisten und Neil Armstrong hüpft auf den Mond. Wie groß war dieser Schritt für die Wissenschaft? Und müssen Menschen da wieder hin? Reisen Sie in unserem Schwerpunkt "Zum Mond und zurück" in die Geschichte und die Zukunft. Für diesen Beitrag hat unser Autor Weltraumnahrung zubereitet, auch jenen Shrimps-Cocktail, den die Astronauten der Apollo-11-Mission mit an Bord hatten.

Ungefähr zehn Minuten, bevor der Übersetzer Neil Armstrongs Jahrhundertsatz mit dem kleinen Schritt und der Menschheit versemmelt, explodiert mir in der Küche die Tube mit dem Borschtsch. Ich hatte zu fest zugedrückt, schon spritzte die blassrote Suppe in alle Richtungen. 

Hier unten auf der Erde war das kein Problem, gibt es hier doch Küchenrolle, fließend Wasser und Schwerkraft. 384.400 Kilometer weiter oben allerdings, auf dem Mond, hätte solch ein Malheur gefährlich werden können.

An einem Samstag im Juli des Jahres 2019 – fast auf den Tag genau 50 Jahre nach dem Start der Apollo-11-Mission – treffe ich meine Freunde Christoph und Sophie in einer Altbauwohnung in Berlin-Neukölln. Wir haben uns verabredet, um gemeinsam von mir zubereitete Weltraumnahrung zu kosten. Die Ausstattung passt. Im Wohnzimmer steht ein Miniaturmodell des Columbia-Raumschiffs. Im Esszimmer mimt ein Astronaut aus Porzellan mit golden-glänzendem Helm eine Blumenvase. Und an der Wand hängen Raketen-Kunstdrucke. Über YouTube läuft derweil die Live-Übertragung der Mondlandung im WDR. In einer Endlostelefonschalte ruft ein Reporter in Houston immer wieder aufgeregt, dass "wir in Amerika auch noch keine Bilder haben". Wie sehr die Apollo-11-Mission die Menschen überall auf der Erde in Bann gehalten haben muss, vermittelt sich noch heute eindrücklich. Dass sich, gemessen an der unendlichen Menge an Blogeinträgen und Nasa-Presseerklärungen zum Thema, so viele Leute auch für das Essen begeistern, das die Astronauten im All zu sich genommen haben, ist schon etwas mysteriöser.

Auf dem Küchentisch steht unsere Versuchsanordnung: ein Fläschchen selbst angerührte Kochsalzlösung, ein Stapel Tortillafladen, ein Plastikbeutel gefüllt mit Shrimps in Cocktailsauce, vier weitere Beutel mit Rindergulasch, Kartoffelbrei, Preiselbeeren und Applesauce (eine Art besonders süßer, dünner Apfelbrei) – und die Tube Borschtsch natürlich. Einige der Gerichte hatten Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins so oder so ähnlich vor 50 Jahren tatsächlich dabei. Andere waren für die Entwicklung des Essens im All derart entscheidend, dass sie zusätzlich in unseren Menüplan aufgenommen wurden. Sie alle versprechen keine ganz große kulinarischen Verheißung, zugegeben. Aber warten wir ab.

Bei diesem Anblick würde Major Tom wahrscheinlich ganz melancholisch. © Ferdinand Dyck für ZEITmagazin ONLINE

Gang 1: eine Tube Saures

Im Grunde sei das Besondere an der Weltraumnahrung, schrieb die US-Journalistin Megan Garber, dass es sich dabei um ziemlich normale Speisen handle – nur dass sie halt im All gegessen werden. Bei einem Blick auf die Verpflegungspläne der Nasa für ihre Apollo-Missionen 11-16 staunt man tatsächlich, steht da doch etwas von "Speckwürfeln", "Hühnercremesuppe", "Obstsalat" und "Spaghetti mit Fleischsauce". Ich hatte eher an trockene Riegel, Pillen und Pülverchen gedacht. Doch die Mondlandung war keineswegs die Stunde null der Weltraumküche. Acht Jahre zuvor, am 12. April 1961, war der russische Kosmonaut Juri Gagarin zum ersten bemannten Raumflug der Geschichte aufgebrochen. Auf knapp über 100.000 Kilometern umrundete er die Erde. Mit an Bord: ein paar Tuben, mindestens eine davon gefüllt mit Borschtsch, unserem ersten Gericht.

Ich schneide in meiner Küche Rote Bete, Zwiebeln, Sellerie, Karotten, Lauch, Weißkohl, Kartoffeln und Knoblauch klein und koche alles mit Lorbeerblättern, Piment und Brühe zur Suppe auf, schmecke mit Zucker, Salz und Essig ab, püriere das Ganze – und habe Mitleid mit Juri. Als Vorspeise oder als Snack zum Wodka mag Borschtsch ja taugen. Warum genau man diese sensorisch dünne, saure Suppe allerdings im All essen soll, erschließt sich nicht. Immerhin hatte Gagarin auch andere Tuben-Pürees mit an Bord: Steak mit Kartoffeln zum Beispiel. In allen zusammen sollen genau 2.772 Kalorien gesteckt haben. Aus rein systemerhaltender Sicht dürfte das für die 108 Minuten, die Gagarin unterwegs war, natürlich gereicht haben. Nach seiner Rückkehr auf die Erde gab der damals 27-Jährige allerdings zu Protokoll, er habe zwar "keine Probleme" bei der Nahrungsaufnahme gehabt, die pürierten Lebensmittel taugten aber nicht als Ersatz für das Essen auf der Erde.

Die Metalltube blieb dennoch bis in die Achtzigerjahre einer der wichtigsten Container für das Essen im All und somit auch prägend für das popkulturelle Verständnis von der Weltraumkost. Für unser Experiment bereitet das allerdings Probleme: Wie, bitteschön, kriegt man Borschtsch in eine Tomatenmarktube? Nach ein paar Versuchen klappe ich die gefaltete Tube hinten mit einem stumpfen Messer auf, löffle das Mark in ein Glas, spüle die Tube ein aus und kippe den Borschtsch hinein: zufalten, noch mal abwaschen – fertig.



Viele Astronauten essen ihre Tortillas am liebsten mit Ketchup und Senf. Auch fern der Erde gibt es halt Geschmacksverirrungen. © Ferdinand Dyck für ZEITmagazin ONLINE

Gang 2: die Geschmacklosigkeit des Raums

Die Schwerelosigkeit im All hat eine bedauerliche Konsequenz für den Geschmackssinn, die, wie gerade gehört, schon Juri Gagarin spürte und für die er wohl zu Unrecht die Pürees aus der Tube verantwortlich machte: Man schmeckt da oben einfach weniger.

Die Nasa erklärt das Phänomen so: Die Körperflüssigkeit werde auf der Erde hinunter in die Füße gezogen, in der relativen Schwerelosigkeit des Weltraums sei sie dagegen gleichmäßig verteilt. Dadurch blockierten etwa die Nasenkanäle, gerade in den ersten Tagen im All fühlten sich Astronauten deshalb immer leicht erkältet. Und dass man bei einer Erkältung weniger schmeckt, davon hat man sogar auf der Erde schon gehört.
Doch es gibt ein simples Gegenmittel gegen faden Geschmack: stärker würzen. "Eine Vielzahl an Saucen" stünden ihren Raumfahrerinnen und Raumfahrern heute zur Verfügung, so die Nasa, unter anderem Honig, BBQ- und Taco-Sauce. Anfangs waren die Würzmittel einfacher. Es gab Pfeffer und Salz, allerdings ebenfalls in flüssiger Form. Alles andere wäre auch gemeingefährlich gewesen. Was man im Prinzip schon vor 25 Jahren in einer berühmten Simpsons-Folge hätte lernen können.

In Deep Space Homer öffnet Homer Simpson beim Flug Richtung All eine Tüte Chips, die er an Bord geschmuggelt hatte. Im Kontrollzentrum bricht daraufhin Panik aus, weil Chips-Brösel, die schwerelos durch die Raumfähre fliegen, in den feinen Zwischenräumen der Armaturen landen könnten. Was ich nicht wusste: Diese Episode kommt der echten Raumfahrtgeschichte überraschend nahe. Im Jahr 1965, also vier Jahre vor der Mondlandung, zog der damals 34-jährige Astronaut John Young während des ersten bemannten Flugs einer Gemini-Raumfähre plötzlich ein zwei Tage altes Sandwich mit gekochter Rinderbrust aus seinem Raumanzug. Das soll nicht nur fürchterlich gerochen haben, Brot ist in der Regel als Weltraumnahrung verboten, weil Weizenteig-Krümel der Bordelektronik ebenfalls gefährlich werden können. Da eines der Hauptziele der Mission darin bestand, eine neue Form von mit Gelatine ummantelten Weltraum-Gerichten im All auf ihre Praktikabilität zu testen, bekam Young später sogar Ärger mit dem US-Kongress. Er habe das Missionsziel unterlaufen, was die Steuerzahler Millionen hätte kosten können. Geschadet hat ihm die Episode allerdings nicht. Young wurde zum Nasa-Raumfahrer mit der längsten Karriere und steuerte als bisher einziger Astronaut vier unterschiedliche Fähren ins All.

Seit den Achtzigerjahren gibt es auf den Nasa-Missionen übrigens standardmäßig Weizentortillas, angeblich erstmals eingeführt von einem mexikanischen Crewmitglied. Tortillas krümeln nämlich nicht. Als ich die Fladen aus Weizenmehl, Backpulver, Öl, Salz und Wasser, einen nach dem anderen, in der sehr heißen Pfanne gebacken habe, löse ich noch ein paar Esslöffel Salz in einem kleinen Glas heißem Wasser auf. In einem zweiten setze ich einen Pfeffer-Auszug an. Weil handelsübliches Salz aus feinen Kristallen besteht und weil Pfeffer einem auch nur im gemahlenen Zustand wirklich weiterhilft, waren beide im Originalzustand an Bord von Raumfähren tabu.


Neben der Miniaturausgabe der Landefähre Eagle sieht dieser Shrimps-Cocktail wie ein gruseliges Weltall-Monster aus. Ähnlich schmeckt er wohl auch. © Ferdinand Dyck für ZEITmagazin ONLINE

Gang 3: Der Mond ist, kulinarisch gesehen, wie eine Dinnerparty im Hobbykeller

Was, frage ich mich, als ich zum ersten Mal davon lese, haben Garnelen im Weltall verloren? Was soll man mit einem Lebensmittel, das – egal ob zubereitet oder roh – nur im besonders frischen Zustand kulinarischen Sinn macht, in einer Raumfähre, wo es ja eh immer nur vakuumiert, dehydriert oder sonst wie verschandelt ankommt? Aber in den Sechzigerjahren gab es auf dem Mond halt dieselben kulinarischen Trends wie unten auf der Erde. Mag der Shrimps-Cocktail heute nicht viel mehr sein als ein in Pastelltönen matt glänzender kulinarischer Anachronismus. Noch bis in die Achtziger war er in Großbritannien und den USA die Vorspeise schlechthin.

Ich erkläre mir das so: Lebensmittel sollten damals zwar einen Hauch kosmopolitischer Extravaganz versprühen ("Schau an, Shrimps, in einem Glas!"), sich geschmacklich aber über das wohlig Vertraute nicht allzu weit hinaus wagen. Da war es völlig in Ordnung, den feinen, dezenten Geschmack der Garnelen in einer Sauce aus Mayonnaise, Ketchup und Tabasco zu ertränken. Überhaupt: Frankfurter Würstchen, Speck mit Apfelsauce, Lachssalat und Bananenpudding, viele der Gerichte, die die Nasa den ersten Mondfahrern in ihre Fähre legte, könnten auch auf einer Dinnerparty im Hobbykeller aufgetischt worden sein. Immerhin: Toast Hawaii war nicht dabei.

Der Shrimps-Cocktail entwickelte sich derweil zu einem regelrechten kulinarischen Dauerbrenner im All. Schon Edward White, Crewmitglied der Gemini-4-Mission 1965, erklärte ihn zu seinem Lieblingsessen. Ein Astronaut namens Bill Gregory verputzte 1995 zu 48 Mahlzeiten jeweils einen Shrimps-Cocktail. Story Musgrave, der einzige Astronaut, der mit allen fünf Spaceshuttles ins All flog, aß ihn zu jeder Mahlzeit, sogar zum Frühstück. Und auf dem Rückflug vom Mond berichtete Buzz Aldrin dem gebannt lauschenden Fernsehpublikum, dass einer seiner beiden Kollegen gerade einen Shrimps-Cocktail zu sich genommen habe. Noch 2011 verriet die Nasa-Rezeptentwicklerin Vickie Kloeris in einem Interview, dass getrocknete Garnelen mit einer Cocktail-Sauce in Pulverform zu den Lieblingsgerichten der Astronautinnen und Astronauten gehörten. Die Schärfe gebe dem Gericht einen "netten kleinen Kick".

Ich erlaube mir, ganz leicht den Kopf zu schütteln während jener 60 Sekunden, die es dauert, Mayonnaise, Zitronensaft, Ketchup, Senf, Tabasco, Pfeffer und Salz zu verrühren und eine Tüte Bio-Garnelen hinterherzuwerfen.


Der Borschtsch lässt sich eigentlich nur mit einem Glas Wodka "genießen". © Ferdinand Dyck für ZEITmagazin ONLINE

Gang 4: wie der Löffel in den Weltraum kam

Für den letzten Schritt dieses Experiments bleibt nicht viel mehr zu tun, als Rindergulasch zu schmoren, Kartoffelbrei zu kochen und Preiselbeeren in einen Plastikbeutel zu füllen. Womit wir endgültig bei der zweifelhaften Geschmackswelt der Weltraumküche angelangt wären.

Zwar gab man den Mondfahrern so alltägliche Gerichte wie "Rindfleisch und Kartoffeln", "Frikadellen aus Wurstbrät" und "Pute mit Bratensauce" mit. Nur musste die Nahrung so verpackt werden, dass sie mindestens acht Tage halten würde und dabei möglichst wenig Platz einnahm. Das "Apollo-Essen-Entwicklungsprogramm", das die Nasa in den Sechzigerjahren aufgelegt hatte, musste sich dabei mit existenziellen Problemen beschäftigen. "Es ist nicht auszuschließen", heißt es in einem Bericht, "dass die Übelkeit, die Essstörungen und einige unerwünschte psychische Reaktionen (die die Astronauten in den ersten Jahren der Raumfahrt zeigten), zum Teil auf das Essen an Bord zurückzuführen sind." Borschtsch und Fleischpüree aus der Tube machen vielleicht satt, aber eben nicht glücklich. Was ja im Prinzip schon Juri Gagarin erkannt hatte.

In der Konsequenz entwickelte die Nasa, gemeinsam mit Vertretern der US-Streitkräfte, der Industrie und Universitäten, eine neue Methode, das Essen haltbar und transportfähig zu machen: Die Lebensmittel wurden bei minus 40 Grad Celsius gefriergetrocknet und danach in einer Vakuumkammer besonders schonend wieder aufgetaut. Am Ende steckten nur noch etwa zwei Prozent Feuchtigkeit in ihnen. Sie wurden in speziellen Plastikbeuteln verpackt, in welche die Astronauten im All durch eine Öffnung 60 Grad heißes Wasser leiten konnten. Durch eine zweite Öffnung konnten sie sich ihre Mahlzeiten, beispielsweise das Rindergulasch, direkt in den Mund drücken. Ein halbes Jahr vor der Mondlandung war es dann erstmals auch möglich, das aufgewärmte, rehydrierte Essen mit einem Löffel aus dem Beutel in den Mund zu schaufeln. Das sah bereits so aus wie bei meinem Gefrierbeutel-Ensemble heute. Der Geschmack allerdings muss sich deutlich unterschieden haben.

Megan Garber, der die zweifelhafte Ehre zuteil wurde, von einer Originalpackung kosten zu dürfen, beschrieb den Brei als "entweder zu trocken oder zu schleimig". Weltraumnahrung versuche, so Garber weiter, echtes Essen zu imitieren, diene am Ende jedoch nur als "traurige Erinnerung an das, was es nicht ist". Unterm Strich: Der Geschmack sei "pretty horrendous" – ziemlich fürchterlich.

Ganz so schlimm gerät die Sache bei unserer vorgezogenen Mondlandungsparty dann nicht. Die Applesauce sei nach amerikanischen Maßstäben zwar definitiv nicht süß genug, meint Christoph, der Weltraum-Nerd. Das Gulasch aber lecker, sagt Sophie. Zum Borschtsch aus der Tube nehmen wir jeweils einen Schluck Wodka, was der Sache guttut. Nur vom Shrimps-Cocktail will keiner kosten, aber das ist zu verschmerzen.

Am Ende setzen wir uns gemeinsam vor den Fernseher, wo die Live-Übertragung von vor 50 Jahren läuft. Wir bemerken, dass man so viel gar nicht erkennen konnte, als Neil Armstrong damals seinen berühmten kleinen Schritt tat. Und die Pointe mit dem "giant leap for mankind", dem großen Sprung für die Menschheit, hatte der WDR-Übersetzer vor Aufregung auch nicht mitbekommen. "Ein kleiner Schritt noch" hebt er an – und schweigt. 

Von der ersten Mahlzeit, die Armstrong und Aldrin damals an Bord der Landefähre Eagle auf dem Mond teilten, erfuhr die Öffentlichkeit übrigens erst später. Aufgetischt wurden laut Nasa Speckwürfelchen, Pfirsiche und Zuckerplätzchen-Kugeln, dazu gab es Kaffee und Ananas-Grapefruit-Saft.

Kommentare

6 Kommentare Kommentieren