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Tiki: Südseesehnsucht im Tumbler

Der Tiki-Cocktail hat den Ruf, zügig in den süßen Vollrausch zu führen. Doch mit hochwertigen, lokalen Zutaten schmeckt er nach paradiesischem Urlaub mitten in der Stadt. Von
Aus der Serie: Absacker

Unter dem Pflaster liegt der Strand, das war der Name eines linken Kunstmagazins und ein Slogan der politisch-künstlerischen Bewegung Situationistische Internationale. Der Satz beschreibt aber auch das Gefühl, das einen derzeit beim Flanieren durch deutsche Fußgängerzonen überkommt. Damit sind weder die zahlreichen Beachbars oder Palmenkübel, noch Aperol-Spritz-Tankstellen oder Eismobile gemeint. Deutschland trinkt Tiki. Bereits vor einiger Zeit war in dieser Serie die Rede von Donn Beach und Victor Bergeron, zwei Hawaiianer im Herzen, die sich um die Erfindung dieser Cocktailform stritten und die damit verbundene Südseesehnsuchtswelle. Jetzt haben die barbadosbunten Getränke auch bei uns wetterbedingt Hochkonjunktur. Meist handelt es sich um die Kombination von Spirituose, Fruchtlikör, einem aromatisierten Zucker wie Mandelsirup, Saft und Crushed Ice. Diese Cocktails erinnern an Urlaub und Sand zwischen den Zehen und schmecken besonders gut bei karibischer Witterung. Es gelten dieselben Gesetzmäßigkeiten wie bei einem ausgedehnten Sonnenbad: Erst mit Zeitverzögerung kommt der Kater/Sonnenbrand, dafür umso heftiger. Typischerweise werden sie in sogenannten Tiki-Mugs serviert, in kunstvoll geschnitzten Holzgefäßen, die optisch an Marterpfähle erinnern.

Seine Tiki-Cocktails mixt Robert Schröter nur mit lokalen Zutaten. © Eva Biringer für ZEITmagazin ONLINE

Schon lange verfolgt Robert Schröter die Entwicklung des Tiki-Trends. "Bis in die Sechzigerjahre hat das vielen Leuten gut geschmeckt", sagt der 36-Jährige, der passend zum Anlass Shorts und Hawaiihemd trägt. "Dann war der New-York-Style angesagt, mit hochprozentigen, geradlinigeren Drinks. Wobei in Berlin bereits um die Jahrtausendwende herum eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema stattfand, in der Bar Rum Trader beispielsweise in Form von hochwertigen Säften und selbst gemachten Sirups." In seiner eigenen, mittlerweile geschlossenen Kupfer Bar versuchte Schröter, Gäste behutsam an Tiki heranzuführen. Dabei machte er eine interessante Beobachtung: "Wenn man Unentschlossene fragt, in welche Richtung es gehen soll, sagen die allermeisten erst mal 'auf keinen Fall süß!' Mixt man daraufhin etwas Herbes und stellt – wie ich das gerne mache – etwas zum Nachsüßen auf den Tisch, greifen die meisten zu. Bringt man ihnen hingegen einen dezidiert süßen Drink, beschwert sich kaum jemand." Dennoch wehrt sich Schröter, der inzwischen eine Art reisender Bartender ist, Podcasts herausgibt und ein Cocktailfestival organisiert, gegen die Behauptung, Tiki-Drinks seien lediglich eine gefällige Abkürzung Richtung Vollrausch. Ein Beispiel dafür ist seine eigene Kreation Pear Harbour. Der Name bezieht sich auf den ehemaligen US-Stützpunkt Pearl Harbour auf der Sehnsuchtsinsel Hawaii, spielt aber zugleich auf die Birne als Geschmacksträger an. Verwendet werden nur hochwertige Zutaten und zwar vorwiegend aus Deutschland: Etwa der mit Obstlerhefe hergestellte Rum der Brandenburger Spreewood Distillers und der geräucherte Birnenschnaps der Allgäuer Brennerin Katharina Zott. Seinen Mandelsirup macht Schröter selbst aus mit Zucker und Gewürzen versetzter Nussmilch, ebenso den Birnensaft. Serviert wird das Ganze auch nicht in einem Gefäß, das an ein Pocahontas-Requisit erinnert, sondern in einem klassischen Tumbler ohne Papierschirmchen. Unter unseren Füßen befindet sich schließlich kein Strand, sondern das harte Pflaster der Stadt.

Rezept für Pear Harbour

Zutaten:

  • 20 ml heller Rum, z.B. Butterwood von Spreewood Distillers
  • 20 ml dunkler Rum, z.B. Flor de Cana 4 Jahre
  • 5 ml geräucherte Williams Christ von Zott
  • 10 ml Zitronensaft, frisch gepresst
  • 15 ml Orgeat (siehe unten)
  • 20 ml Birnensaft, frisch gepresst, ersatzweise Van Nahmen

Zur Dekoration:

  • Birnenspalten

Für das Orgeat:

  • 100 g Mandeln
  • 50 g Zucker
  • 5 ml Rum
  • 1 ml Orangenblütenwasser

Zubereitung:

Für das Orgeat Mandeln blanchieren und mithilfe einer Küchenmaschine zerkleinern. Anschließend über Nacht in Wasser einweichen. Am nächsten Tag durch einen Nussmilchbeutel oder ein Küchentuch streichen. Die so gewonnene Flüssigkeit leicht erhitzen, Zucker zugeben, bis er sich aufgelöst hat, dann Rum und Orangenblütenwasser.

Alle Zutaten in einen mit Eiswürfeln gefüllten Shaker geben und kräftig schütteln. In einen mit Eiswürfeln gefüllten Whiskeytumbler abseihen. Mit Birnenspalten dekorieren und sofort servieren.

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