© Tom Medici/​The Fish & the Knife

Herrengedeck: Bier + Bourbon = Freunde fürs Leben

Es kommt immer auf die Qualität der Zutaten an. Dieses Prinzip verhilft sogar dem berüchtigten Herrengedeck überraschend zu einem geschmacklichen Höhenflug. Von
Aus der Serie: Absacker

Ist ein Mojito ein Longdrink? Muss bei einer Margarita immer ein Salzrand ans Glas? Und wie viel Zitrone gehört in einen Whiskey Sour? Unsere Serie "Absacker" beantwortet diese Fragen und verrät Ihnen, wie Sie sich selbst den richtigen Drink für einen perfekten Abend mixen können. Denn hinter jedem Drink verbirgt sich ein Lebensgefühl.

Das Herrengedeck ist der Mindestverzehr – das war bis in die Siebzigerjahre hinein die Forderung vieler Kneipen auf der Hamburger Reeperbahn. Ursprünglich verstand man darunter ein Duo von Bier und Piccolo, also einem trockenen oder halbtrockenen Minisekt. Allein der Name ruft Bilder wach von Räumen, die so verraucht sind, dass man kaum die Schnapsleiche auf dem nächsten Barhocker erkennen kann: eine Atmosphäre, wie sie Heinz Strunk schildert in seinem Roman Der goldene Handschuh, benannt nach einer berüchtigten Kneipe in St. Pauli. Sekt kommt für die männlichen Besucher nicht infrage, stattdessen genehmigen sie sich reichlich Schnaps. Außerhalb Hamburgs versteht man unter dem Herrengedeck dann auch die Kombination von Bier und einem Shotglas Hochprozentigem, in der Regel Korn. 

Leider ist die Bar ein Ort, an dem Geschlechterstereotype noch immer Hochkonjunktur haben. Angeblich trinken Männer Dosenbier und Whiskey on the rocks, Frauen Erdbeersekt und Skinny Bitch, eine Mischung aus Wodka und Sprudelwasser. Dieses Klischee kennt auch Sophia Wenzel, die 2015 als Deutschlands beste Biersommeliére ausgezeichnet wurde. Natürlich trinken Frauen Bier, Punkt. Und sie sind, sagt Wenzel, ihrer Erfahrung nach um einiges experimentierfreudiger als Männer, wenn es ums Kombinieren verschiedener Geschmacksrichtungen geht.

Genau wie für Wein gibt es auch für Bierexperten eine spezielle Ausbildung, kein Wunder bei weltweit über 10.000 verschiedenen Sorten. In Deutschland ist Bier mit jährlich 102 Litern pro Kopf das alkoholische Lieblingsgetränk Nummer eins. Hier wurde das Reinheitsgebot erfunden, was es wiederum schwierig macht für Experimente, weil Bier dem Gesetz nach nicht mehr enthalten darf als Hopfen, Malz, Hefe und Wasser. "In Industriebieren sind trotzdem bis zu 60 Zusatzstoffe erlaubt", erklärt die 31-jährige Sommeliére. "Kommt aber zum Beispiel etwas wie Koriander hinzu, darf das Ergebnis nicht mehr als Bier bezeichnet werden. Verrückt, oder?"

Sophia Wenzel wurde 2015 als Deutschlands beste Biersommelière ausgezeichnet. © Anatol Kotte

Sophia Wenzel stammt aus Hamburg, wo sie eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau absolviert, in Tim Mälzers Bullerei gearbeitet und das Braugasthaus Altes Mädchen mit aufgebaut hat. Zum Herrengedeck hat sie ein spezielles Verhältnis: "Ob als Lütt un Lütt mit Kümmel zum Bier oder ganz klassisch als Pils und Korn – spätestens seit den Siebzigern genießt es in Hamburg Kultstatus." Davon ausgehend hat sie ihre eigene Version kreiert, mit Bourbon statt Korn. Die ist schnell erklärt: "Erst ein kräftiger Schluck Bourbon, dann im Anschluss ein Schluck Bier. Das Aroma des Bourbons wird weicher, wärmer, seine zarten Noten vervielfältigen sich."

In einer x-beliebigen Kiezkneipe wird man diese Version eines Herrengedecks vermutlich nicht bekommen. Dafür ist sie umso leichter nachzumachen. Wie immer bei alkoholischen Getränken sollte an der Qualität nicht gespart werden. Wenzel rät zu einem eichenfassgelagerten Bourbon mit Noten von Pfeffer und Vanille und einem leicht trüben IPA. Das Ergebnis schmeckt Männern und Frauen gleichermaßen, was auch sonst.

Das weibliche Pendant zum Herrengedeck heißt übrigens Damengedeck und besteht aus Sekt und einem alkoholfreien Getränk. Über solche Klischees kann man nur lachen. Oder darüber hinwegprosten.

Rezept für Herrengedeck 2.0

Zutaten:

  • 2 cl Bourbon, etwa Bulleit Bourbon Whiskey
  • 1 Flasche IPA, etwa World White IPA von ÜberQuell

Zubereitung:
Whiskey in einen Tumbler gießen. Zusammen mit dem Bier servieren.

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