© Ferdinand Dyck

Invasive Arten: Alle aufessen

Bouillabaisse von der Wollhandkrabbe, Gulasch vom Waschbären: Kann der Mensch das ökologische Gleichgewicht wiederherstellen, wenn er zum Fressfeind invasiver Arten wird? Eine Reportage von

Für einen ökologischen Problemfall schmeckt die Wollhandkrabbe überraschend köstlich. Das feine weiße Fleisch zwischen Panzer, Beinen und Scheren geht aromatisch leicht ins Nussige. Streng, muffig oder schmierig gar, wie mitunter behauptet wird, ist nichts an diesem Krebs, der in China schon seit Jahrhunderten als Delikatesse gehandelt wird. Nur in Deutschland hat noch immer kaum jemand von der Wollhandkrabbe gekostet – obwohl sie seit Anfang des 20. Jahrhunderts auch in unseren Flüssen lebt, als invasive Art.

Damals gelangte der Krebs mit dem bis zu zehn Zentimeter breiten Panzer im Ballastwasser von Segelschiffen aus China nach Hamburg. 1912 wurde er zum ersten Mal in der Aller entdeckt. Seitdem breitete er sich nach Informationen des Bundesamtes für Naturschutz etwa in Elbe, Weser, Ems und Rhein aus – "invasionsartig", wie es im Management- und Maßnahmenblatt Wollhandkrabbe heißt. Zwölf Kilometer weit können Wollhandkrabben mit ihren kräftigen stark behaarten Beinen, die ihnen einst ihren Namen gaben, über Flussgründe und Festland wandern. Bis in die Havel nach Sachsen-Anhalt und Brandenburg haben es die Tiere mittlerweile geschafft. 40 Kilogramm Wollhandkrabben gehen einzelnen Fischern dort mitunter in nur einer Nacht in die Reusen. Zusammen mehr als zehn Tonnen wurden laut Jahresbericht Binnenfischerei des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft im Jahr 2017 in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gefangen.

Vom Fischer geht es für die lebenden Krebse meist in eines der zahlreichen chinesischen Restaurants Berlins oder auf den vietnamesischen Großmarkt im Stadtteil Lichtenberg. Ein überschaubarer Teil allerdings gelangt mittlerweile auch in die Küche einer noch recht kleinen Unternehmung, die sich ein großes Ziel gesetzt hat. Das Berliner Food-Start-up Holycrab will Tiere, die deutsche Ökosysteme bedrohen, auf die Speisekarte bringen: Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte, die man guten Gewissens essen könne, so das Versprechen: weil die Tiere, von denen sie stammen, in Deutschland nichts zu suchen haben und deshalb aus ökologischen Gründen eh gefangen oder geschossen werden müssen.

Andreas Michelus mit einer im Ganzen gekochten Wollhandkrabbe © Ferdinand Dyck

Ein Donnerstagabend in "Vom Einfachen das Gute", einer Feinkosthandlung in Berlin-Mitte. Hinten ist ein Holztisch gedeckt. Zwölf Gäste haben sich für die Veranstaltung angemeldet. Für jeweils 69 Euro bekommen sie nun Wein und unter anderem zweimal Wollhandkrabbe serviert, erst als cremige Bouillabaisse, dann im Ganzen gekocht.

Im kleinen Lagerraum des Ladens hat Andreas Michelus seine provisorische Küche eingerichtet. Als er den Deckel einer der Edelstahlwannen hebt, die er mitgebracht hat, beginnt es darin, wie wütend zu klappern. Vielleicht 25 Wollhandkrabben befinden sich in der Wanne, die oberen recken dem Koch nun ihre Scheren entgegen. "Man sollte nicht zu nah herangehen", sagt Lukas Bosch, neben Michelus einer der drei Geschäftsführer von Holycrab. "Die haben richtig miese Laune."

Eine halbe Stunde später sind die Krebse nicht mehr grau, sondern rot, gekocht im großen Topf. Und in Deutschland gibt es einige Dutzend Wollhandkrabben weniger.

In Sachen Populationskontrolle ist das natürlich nur ein kleiner Schritt. Doch könnte die Sache etwas bringen, wenn man sie im größeren Maßstab denkt? Könnten wir invasive Arten aufessen und dabei Genuss und ethisches Handeln im ökologisch-kulinarischen Win-win-Szenario vereinen?

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