© Freunde von Freunden (FvF) für Pauly Saal

Barefoot in the Waldorf: Das Luxushotel unter den Cocktails

Ein Drink zu Ehren einer Großmutter? Das kann eine ziemlich elegante Angelegenheit sein, wenn Whiskey zum Likör kommt und die Park Avenue als Inspirationsquelle dient. Von
Aus der Serie: Absacker

Ist ein Mojito ein Longdrink? Muss bei einer Margarita immer ein Salzrand ans Glas? Und wie viel Zitrone gehört in einen Whiskey Sour? Unsere Serie "Absacker" beantwortet diese Fragen und verrät Ihnen, wie Sie sich selbst den richtigen Drink für einen perfekten Abend mixen können. Denn hinter jedem Drink verbirgt sich ein Lebensgefühl.

"Seit ich denken kann, haben meine Großeltern jeden Abend um 18 Uhr ihren Aperitif zu sich genommen, einen Manhattan on the rocks, und zwar die ganzen 50 Jahre ihrer Ehe hindurch", erzählt Justin Powell, ein höflicher junger Mann mit Ostküstenakzent und kinnlangen dunklen Haaren. "Sie nannten es ihre 'Erwachsenenzeit', was so viel bedeutete wie 'Lass uns allein'." Als er älter wurde, sagt er, begann auch er, dieses Ritual zu lieben: "Sogar wenn wir auswärts essen gingen, bestellten wir erst mal einen Drink und unterhielten uns, bevor wir in die Karte schauten. Leider droht diese Gewohnheit auszusterben."

Man weiß gar nicht, worüber man sich mehr wundern soll, über Paare, die ihr halbes Leben lang zusammenbleiben, oder über Menschen, die nonchalant die Warnung der Weltgesundheitsorganisation ignorieren, wonach täglicher Alkoholkonsum unbedingt zu vermeiden sei. Aus dem Enkel dieses Paares ist jedenfalls ein Bartender geworden. Justin Powell, 41 Jahre, arbeitet in der Pauly Bar, einem eleganten, grün gestrichenen Raum mit Perserteppichen und Blumengestecken, in der ehemaligen jüdischen Mädchenschule in Berlin. Wenn er von seiner Großmutter spricht, dann voller Respekt und Bewunderung. "Schon als Kind begleitete sie ihren Vater auf dessen Geschäftsreisen nach New York City. Später, als sie selbst dort lebte, hatte es ihr vor allem das Waldorf Astoria und dessen cocktail hour angetan."

Bis heute gehört das Waldorf Astoria an der Park Avenue zu den glamourösesten Hotels der Stadt. Es ist auch der Geburtsort eines Drinkklassikers. Ende des 19. Jahrhunderts gelangte schottischer Whisky allmählich in die USA. Alsbald begannen Bartender, damit zu experimentieren, so auch jener im Waldorf Astoria. Er tauschte den Rye Whiskey beziehungsweise Bourbon im Manhattan – einem klassischen Wermutcocktail – gegen schottischen Whisky aus und nannte seine Kreation Rob Roy. Und zwar nicht ohne Grund: 1894 fand in New York die Premiere der gleichnamigen Operette statt. Die wiederum bezog sich auf das Leben des schottischen Nationalhelden Robert Roy MacGregor, der im frühen 18. Jahrhundert als eine Art rinderstehlender Robin Hood für Aufruhr sorgte.

Justin Powell in der Pauly Bar, dahinter seine Arbeitsmaterialien © Freunde von Freunden (FvF) für Pauly Saal

Im Prinzip handelt es sich beim Rob Roy also um eine minimale Abwandlung eines Manhattans, allerdings mit großer Wirkung. Das ursprüngliche Rezept sieht einen süßen roten Wermut und Scotch Whisky zu gleichen Teilen vor, dazu einen Spritzer Bitters. Der Rob Roy, sagt Justin Powell, sei ein Drink für Kenner und für Damen wie seine Großmutter. "Als ich Anfang des Jahres von ihrem Tod erfahren habe, habe ich mir ein Glas Whisky eingegossen und ihr zugeprostet, während all ihre unvergesslichen Geschichten in meinen Gedanken hingen, wie der Dunst über Manhattan in einer alten Schwarz-Weiß-Fotografie."

Eine dieser Geschichten ist diese: Als ihr Enkel vor einigen Jahren seine Sachen für einen Campingtrip packte, zeigte sich die Großmutter wenig begeistert. "'Aber Grandma', habe ich sie gefragt, 'klingt das nicht fantastisch, weit weg von der Welt in den Wäldern zu sein und nachts die Sterne am Himmel zu sehen?' Woraufhin meine Großmutter antwortete: 'Meine Idee eines Campingtrips ist es, mit nackten Füßen durch das Waldorf Astoria zu laufen.' Ihr zu Ehren habe ich diesen Drink kreiert." Mit seinen tiefen, molligen Aromen passt der Barefoot in the Waldorf perfekt in die Vorweihnachtszeit. Er wirkt stark genug, um einen gnädigen Schleier über Last-Minute-Geschenkstress und verpatzte Plätzchenbackaktionen zu legen – und ist gleichzeitig tausend Mal stilvoller als Glühwein. So stilvoll eben wie die Tradition eines lebenslangen Aperitivrituals.

Barefoot in the Waldorf

Zutaten:

  • 5 ml Honiglikör, z.B. Bärenjäger
  • 15 ml Cocchi Amaro
  • 60 ml rauchiger Islay Whiskey, z.B. W&M House Malt

Zubereitung:

Alle Zutaten mit einer Zimtstange kalt rühren. In ein Coupetteglas (eine bauchige Cocktailschale) füllen, mit einer Orangenzeste garnieren und servieren.

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