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Nachhaltige Ernährung: Die Zukunft der Landwirtschaft kann ganz schön alt aussehen

Was verbindet das Pommersche Landschaf mit der Gurke namens Johanna? Die Gemeinschaft – dieses Berliner Netzwerk will alte Sorten und Rassen wieder populär machen. Von

Alt ist gerade sehr angesagt. Gemeint sind aber weder blumige Vintagekleider noch weitläufige Jahrhundertwendewohnungen, sondern Nahrungsmittel. Beim Bioladen und auf dem Wochenmarkt, beim Metzger und in den Zutatenlisten von hippen Kochbüchern – überall ist plötzlich von alten Sorten die Rede, ob es nun ums Schwein geht oder um die Wildkräuter.

Sieht die Zukunft unserer Landwirtschaft also alt aus? Diese Frage lässt sich vielleicht in Berlin-Kreuzberg beantworten. Hier befindet sich das Nobelhart & Schmutzig, ein Restaurant, das mit seiner selbst auferlegten Beschränkung auf "brutal lokale" Zutaten Maßstäbe gesetzt hat.

Einmal die Woche liefert David Peacock seine Ware dort persönlich ab. An diesem Tag ist das: Doppelrahmsahne, Milch, Joghurt, Eier der Hühnerrasse Maran, Schweinerückenfett, Leber und Backe. Peacock, 33, stammt aus North Yorkshire, seit 2011 bewirtschaftet er mit seiner Frau einen biodynamischen Bauernhof an der Mecklenburger Seenplatte. Aktuell auf 120 Hektar, wobei er sich in den kommenden Jahren verkleinern will. "Small is beautiful", sagt er, nachdem er sich, in erdfarbener Funktionskleidung, auf einen der eleganten Sessel im Eingangsbereich des Ein-Sterne-Restaurants gesetzt hat.

Auf Peacocks Hof leben Husumer Schweine und rauwollige Pommersche Landschafe, die nicht nur Wolle geben, sondern auch wertvollen Dünger. Bekannt ist der Erdhof Seewalde auch für seine Milchprodukte. Die extra fette Milch stammt vom Angler Rotvieh, einer alten Hausrindrasse, von der es heute deutschlandweit nur noch rund 300 Stück gibt. "Wer Milch trinkt, sollte auch Schnitzel essen", merkt Peacock mit leiser, bedächtiger Stimme an. Ihm zufolge ist die Landwirtschaft schließlich auf Tierhaltung angewiesen, und wohin denn ansonsten mit dem Fleisch? Wenn er Berliner Restaurants wie das Lode & Stijn oder die Markthalle Neun beliefert, dann also nicht nur mit Frischkäse, sondern auch mit Kalbfleisch und Schweinespeck.

Für die Zucht von alten Rassen hat sich der Landwirt entschieden, weil diese "perfekt angepasst an ihren Standort" sind, was dazu führe, dass ihre Pflege weniger Aufwand ist, sagt er.

Alt ist das neue Neu: Die Gemeinschaft will handwerkliche Lebensmittelproduzenten, Köchinnen und Köche zusammenbringen – am besten per Landpartie. © Caroline Prange

So gering ist der Aufwand allerdings nicht: Im Sommer beginnt sein Tag um vier Uhr morgens und endet gegen Mitternacht. Acht bis zwölf Stunden am Tag verbringt er mit Melken und der Verarbeitung der Milchprodukte. Aber es sei nicht nur das Argument der pflegeleichten Haltung, das für alte Rassen spreche. David Peacock schwärmt von Fleisch mit einzigartiger Konsistenz und Geschmack. "Alte Schweinerassen beispielsweise haben mehr Fett und wachsen langsamer", erklärt er. Insgesamt seien die Tiere instinktgetriebener, forderten mehr Platz und verweigerten sich einer industriellen Massentierhaltung. Alles Gründe, die sie für die herkömmliche Landwirtschaft wenig attraktiv machten. Obwohl bereits viele alte Rassen ausgestorben sind, sagt Peacock, tue die Politik wenig dagegen.

An dieser Stelle setzt Die Gemeinschaft an, ein Netzwerk für Köche und handwerkliche Lebensmittelproduzenten, das sich für "eine deutsche Esskultur mit eigener Identität" einsetzt. Neben mehr Zusammenarbeit, Weiterbildung, der Sichtbarmachung und Wertschätzung von Landwirten wie David Peacock fördert der Verein auch den Erhalt alter Sorten und Rassen.

Mitglieder sind, neben den Restaurants Nobelhart & Schmutzig und Horváth, zum Beispiel Lars Odefey, der auf seinem Hof in Uelzen und über Instagram nachhaltige Weidehühner verkauft, die Bildhauerin und Patissière Kristiane Kegelmann, der Koch Patrick Wodni, der vom Fine Dining in eine Krankenhauskantine gewechselt ist, und der Berliner Bäcker Florian Domberger. Und schließlich der 54-jährige Olaf Schnelle, der im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern Wildkräuter sammelt, Gemüse und essbare Blüten anbaut, mit denen er renommierte Restaurants wie das Wolfsburger Aqua beliefert.

Gerade ist er zu Besuch in Berlin, in der Markthalle Neun, die über die Grenzen Berlins hinaus bekannt ist für ihren Wochenmarkt und Veranstaltungen wie die Naturweinmesse RAW oder die Käsemesse Cheese Berlin. Als er im Café einen Americano bestellt, fragt die Bedienung, ob er "der Gemüsemann" sei. Sie selbst hat sich eine Zeit lang für den Verkauf von krummem Gemüse eingesetzt – man kennt sich.

Schnelle trägt einen ergrauten Vollbart und hat eine einnehmende, herzliche Art. Genau wie die von David Peacock erzählen auch seine Hände Geschichten von körperlicher Arbeit. Zum ersten Mal mit Wildkräutern in Berührung kommt er, wie er erzählt, vor Jahren bei einem Überlebenstraining, als er merkt, "dass das alles anders schmeckt als das Zeug aus Opas Garten".

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