Gesellschaftskritik Ein Damenbart geht um in Europa

© Leonhard Foeger/Reuters
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Das Wundersamste am Vollbart ist seine verworrene Wirkungsgeschichte. Früher noch als antiker Denkerschmuck getragen, verwies späterhin in Stammesgesellschaften eine höhere Gesichtshaarkonzentration auf den höheren sozialen Rang – bis der Vollbart schließlich irgendwann als Ausdruck hormoneller Leistungsfähigkeit zwar nicht überall gemocht, doch immerhin geduldet wurde. Seine zeitgenössischen Interpretationen kann man in urbanen Ballungsräumen besichtigen. An jungen Männern mit Googlemailadressen, die ihren Bartwuchs tragen wie ein schlechtbelüfteter Busfahrer, aber es natürlich nicht so meinen. Oder er eskaliert in Gesichtern erleuchteter Silicon-Valley-Heimkehrer wie Kai Diekmann, als vorläufiger Endpunkt sozialmedialer Vollverschratung.

Nun wurde bisher selten das integrative Element des Vollbartes beschrieben. Wahrscheinlich weil die Welt bis zum Eurovision Song Contest warten musste, um zu erleben, wie sich ein ganzer Kontinent an einem bärtigen Wesen berauscht und für einen Augenblick eins ist: Conchita Wurst, eine österreichische Dragqueen, hat das geschafft, als sie den Schlagerwettbewerb mit großem Vorsprung gewann. Selbstverständlich erfüllt sie auch spielend alle Anforderungen der modernen steißtätowierten Unterhaltungswelt: wallendes Haar, Engelstenor und eines dieser glitzernden Flatterkleider, in die man sich für gewöhnlich reinhungert, will man zum Ankleiden nicht die Feuerwehr rufen. Aber all das wäre nichts ohne Conchita Wursts Bart. Schon vorher ging er um die Welt, und nachher klebt sich ganz Europa ein Imitat an. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis ein Duplikat als Ikone in den Museen aller europäischen Länder hängt, neben dem ersten Vertrag der Montanunion und der Strickjacke von Helmut Kohl.

Wenn auch die quälende Suche nach einem gemeinsamen europäischen Narrativ schon allmählich einen Bart hat: Dann bitte doch diesen. Die ersten Europawahlplakate sollen schon umgestaltet werden, heißt es aus unrasierten Kreisen. Nicht mehr das Wir entscheidet, sondern der Bart! Martin Schulz, lassen Sie es weiter wachsen! Und wundern wir uns nicht, wenn bald von Stockholm bis Athen Männer ihre geglätteten Freundinnen in die Wüste schicken, wegen des geminderten Erlebniswerts. Wenn sich Pärchen, ungeachtet der sexuellen Orientierung, küssend im Gesichtshaar verkletten – was ließe sich eigentlich Schöneres befürchten? Und wer uns Feuilletonheinis vorwirft, wir drehten auf unseren Glatzen Löckchen: Warten Sie ab, was wir uns erst zusammenzwirbeln, wenn unsere Vollbärte fertig sind!

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