Fehlerlesen Können Sie die Sprachkultur pflegen?

© Mónica Rodriguez
Aus der Serie: Fehlerlesen

Ehe ein Satz im ZEITmagazin oder in der ZEIT gedruckt wird oder bei ZEIT ONLINE erscheint, kommt er ins Korrektorat. Dort wartet unter anderem Oliver Voß auf ihn, der strengste aller Korrekturleser. Diese Kolumne will Sie an seinem Sprachwissen teilhaben lassen: Wir zeigen Ihnen jede Woche einen Satz, der in unseren Augen völlig korrekt war. Und der dann trotzdem von Oliver Voß an einer kritischen Stelle mit einer Notiz versehen wurde.

Sein vierter Fall

(Jens Jessen übt Gesellschaftskritik am Kulturpessimismus.)

Die Neigung, aufgrund einer Neuerung den gesamten Lebensbereich zu verfluchen, in dem sie auftritt, vielleicht auch für die Zukunft nichts Gutes mehr zu erwarten, nennt man heute gerne Kulturpessimismus. Alles geht zugrunde! Das Seichte erobert die Welt! Der Pessimismus bezieht sich in dieser Verwendung des Wortes auf den Untergang der Kultur, den man bedauert, aber für sicher hält. Früher wurde das Wort anders verwendet. Der Kulturpessimist des späten 19., beginnenden 20. Jahrhunderts war im Gegenteil jemand, der den Untergang der Kultur wünschte. Sein Pessimismus bezog sich auf den Segen der Kultur, an den er nicht glaubte – er hätte lieber etwas mehr vitale Barbarei gehabt.

Kommentare

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Mich deucht hinwiederum, da fehle ein "und" vor "vielleicht". Gleich zwei satzwertige Partizipgruppen von "Die Neigung" abhängen zu lassen ohne Konjunktion - zumal das Komma nach "auftritt" ohnehin den weiteren eingeschobenen Nebensatz abgrenzen muss, also in der gewählten Konstruktion eine wenig lesefreundliche Doppelfunktion ausübt -, ist stilistisch mindestens so unsauber wie das bemängelte "wünschen", dass mich hingegen nicht stört. ->"Die Neigung, aufgrund einer Neuerung den gesamten Lebensbereich zu verfluchen, in dem sie auftritt, und vielleicht auch für die Zukunft nichts Gutes mehr zu erwarten, nennt man heute gerne Kulturpessimismus." Und siehe da, plötzlich wird der Satz gar verständlich. Übrigens: Duden empfiehlt, völlig zu Recht, "gern" statt "gerne". Weg mit den alten Zöpfen.

Ich dachte, der Fehler liege in der Wendung "Der Kulturpessimist des späten 19., beginnenden 20. Jahrhunderts". Denn das liest sich so, als sei das beginnende 20. Jahrhundert eine nähere Erläuterung des gemeinten Zeitraums im 19. Jahrhundert, was natürlich nicht möglich ist. Deshalb hätte ich so gering wie möglich "korrigiert": "Der Kulturpessimist des späten 19.(,) (oder) des beginnenden 20. Jahrhunderts".