Andersrum ist auch nicht besser : Wir Prototypen

© Gustavo Caballero/​Getty Images
Aus der Serie: Beziehungen

In den vergangenen Monaten hat man wieder viel von uns gehört. Von uns schwulen Männern, meine ich. Anfangs war das einem hübschen Fußballspieler zu verdanken, den lange niemand für schwul gehalten hätte, weil er so "normal" aussah. Eine ziemliche Geschichte. Viele Leute stellen sich den prototypischen schwulen Mann scheinbar noch immer so vor wie den Designer Harald Glööckler, der gnadenlos aufgerüscht durch Welt und Fernsehen rauscht. Seit jener wochenlangen Aufregung, bei der es später aus einem unerfindlichen Grund auch um baden-württembergische Lehrpläne ging, bin ich wieder überrascht davon, wie groß die Befangenheit uns Homos gegenüber manchmal noch ist. Hätte ich nicht für möglich gehalten.

Ich möchte hier jetzt keine Volte gegen irgendwelche Vorurteile starten, kann man wahrscheinlich auch gar nicht in so einer Kolumne. Und ich habe ja selbst auch Vorurteile genug: gegen Kampfhundbesitzer zum Beispiel oder Leute, die nicht ins Museum gehen. Aber natürlich muss man mal darüber reden. Da existiert etwa die lustige Vorstellung, dass wir alle wilde Sexmaschinen sind. Oft ist das gar nicht abwertend gemeint. Einige Hetero-Männer, die ich kenne, bringen ihre Vermutung, dass ich ständig unfassbar viel Sex hätte, immer mit einer Mischung aus Anerkennung und Neid zum Ausdruck. Mit ein wenig mehr Selbstmitleid seufzen auch Frauen gerne in die Runde, dass es für uns Schwule ja so einfach sei. Wir könnten schließlich immer und überall Sex haben, wenn wir wollten innerhalb von zehn Minuten. Um es an dieser Stelle einmal klarzustellen: Auch die meisten schwulen Männer sind nicht so eingerichtet, dass sie einfach mit jedem ins Bett gehen können. Oder wollen.

Die Eizelle des russischen Models

Die Wahrheit ist natürlich auch, dass es jede Menge Sexmaschinen unter uns gibt. Aber wir wissen alle, das ist unter Heteros nicht anders. Sonst könnte Alice Schwarzer nicht alle paar Jahre langwierige Prostitutionsdebatten anzetteln. Ich würde schätzen, dass ungefähr ein Drittel von uns Schwulen viel anonymen oder halbanonymen Sex hat. Oder es zumindest versucht. Dank Apps wie Grindr oder Scruff und Websites wie Gay Romeo oder Manroulette. In Saunas, im Berghain oder im Berliner Grunewald. Und dieses Drittel hat unser Image nun scheinbar auf immer bestimmt.

Die Hälfte der schwulen Männer, die ich kenne, beklagt sich darüber, keinen festen Partner zu finden. Die andere Hälfte lebt in langjährigen Beziehungen. Mit gemeinsamer Wohnung, Schwiegerelternbesuchen und allem. Einige von ihnen hätten, wenn sie in Großbritannien oder Spanien wohnen würden, wo Schwule und Lesben vor dem Gesetz nicht mehr wie Bürger zweiter Klasse behandelt werden, sicherlich auch schon geheiratet. Oder, wie zwei Tel Aviver Freunde von mir, mithilfe von In-vitro und der Eizelle eines russischen Models ein bildschönes Baby bekommen.

Ich selbst konnte mit unpersönlichem Sex nie wirklich etwas anfangen. Ich habe mir das oft gewünscht, weil ich dachte, er mache das Leben unkomplizierter. Keine Beziehungsdramen, keine Enttäuschungen, keine Zerreißproben. Inzwischen bin ich mir sicher, dass das meistens nicht so ist. Ein Freund von mir etwa erklärt oft, dass er Liebe für nichts anderes als eine Form von Psychose halte. Was tatsächlich ein lustiger Gedanke ist. Aber kaum jemand hat mehr emotionale Probleme als er. Und steckt öfter in Beziehungsdramen – mit Männern, mit denen er eigentlich keine Beziehung hat.

Die ideale Dreierbeziehung

In schwierigen Lebensphasen habe ich den Eindruck, dass man in Berlin, das seit Jahren den Ruf eines internationalen Eldorados für Geschlechtsverkehr genießt, immer ein bisschen naiv wirkt, wenn man eine richtige Beziehung will. Jeder hier scheint zu glauben, dass um die Ecke jemand wartet, der noch besser zu einem passt, der hübscher ist, erfolgreicher, und mehr sexuelles Glück verspricht.

In guten Lebensphasen aber denke ich, dass jeder irgendwann jemanden findet, der zu ihm passt. Einige meiner Freunde führen zum Beispiel offene Beziehungen, mal mehr, mal weniger erfolgreich, mal zufrieden, mal überhaupt nicht. Vor ein paar Jahren versuchte mich ein Paar monatelang zu einer Dreierbeziehung zu überreden. Die zwei hätten das ideal gefunden. Ich nicht, ich wollte nur etwas von einem der beiden. Und außerdem kam ich langsam in ein Alter, in dem mir die Geduld ausging für solche Kompromisse.

Neulich war ich in London, einer kleinen Romanze wegen, die inzwischen leider wieder vorbei ist. Ich glaube, das einzig Wichtige ist, dass man einfach weitermacht. Auf dem Flug dorthin bin ich tatsächlich Harald Glööckler begegnet. Zusammen mit einer kleinen Entourage saß er ein paar Reihen vor mir im Flugzeug. Er sieht wirklich ein bisschen aus wie eine beinharte Dragqueen. Gar nicht unsympathisch eigentlich.


Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren
#1  —  8. Mai 2014, 1:31 Uhr
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Bei meinem Partner und mir würde niemand vermuten, dass wir homosexuell (bzw. bisexuell) sind. Ich hätte mir auch zuvor nicht vorstellen können, eine Beziehung mit einem Mann einzugehen. Doch nun hält die Beziehung schon mehr als ein halbes Jahr und im September ist bereits gemeinsamer Urlaub geplant.
Einigen meiner Freunde habe ich von der Beziehung erzählt. Manche haben gesagt, sie hätten "es schon immer geahnt". Diese Formulierung ärgert mich innerlich immer wieder aufs Neue. Dennoch kann ich nicht behaupten, von ihnen in irgendwelche Schubladen gesteckt worden zu sein.
Ganz anders sieht das bei meinem Partner aus, der in seinem Umfeld sogar Bedenken hat, es nur irgendwem zu erzählen. Sicherlich mag dabei eine gewisse Feigheit eine Rolle spielen, die ich ihm nicht verübeln kann, dennoch ist es auch einfach die Angst vor der Prototypisierung, die von Leuten ausgeht, die ihn nur flüchtig kennen.