© Jonas Bendiksen/​Magnum Photos/​Agentur Focus

Magnum-Fotografie: Die Welt im Sucher

Der Name Magnum steht für die besten Fotografen der Welt, ihre Bilder prägen das kulturelle Gedächtnis. In New York schmiedet die Agentur ihre Zukunft. Von

Es sollte mal jemand recherchieren, in wie vielen Studenten-WGs auf der Welt diese Bilder aufgehängt wurden: James Dean im Mantel am nassen Times Square, Che Guevara mit Vollbart und Zigarre, Muhammad Alis Faust, Audrey Hepburn am Fenster einer schwarzen Limousine. Diese Fotos zeigen Ikonen – und wurden selbst zu Ikonen. Sie haben sich im kulturellen Bewusstsein eines jeden festgesetzt, der in den vergangenen 50 Jahren in die westliche Mediengesellschaft hineingeboren wurde.

Kontaktbögen im Archiv © Rabea Weihser

Und es gibt die anderen Fotos, die sich nicht so gut in der Küche machen, aber unsere Weltsicht noch stärker geprägt haben. Sie erzählen von Kriegen, Katastrophen und sozialen Unruhen im 20. und 21. Jahrhundert, in Vietnam, in Libyen, den USA oder Afghanistan. Viele dieser berühmten Fotografien stammen von der Agentur Magnum.

Gegründet wurde sie 1947 in Paris, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als Europa zerstört und verwundet dalag. Die Fotografen Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, George Rodger und David "Chim" Seymour schufen eine Kooperative, die sie von kommerziellen Auftraggebern unabhängig machen sollte. Einen Fonds, in den jedes Mitglied einzahlte, um ein Agenturbüro zu unterhalten, aus dem sich aber auch jedes Mitglied Geld leihen konnte, um Reportagereisen zu finanzieren. Der Name fand sich im Rausch: Der Legende nach stand eine Magnum-Flasche Champagner Pate.

Legenden ranken sich viele um diese Agentur, ihre Mitglieder und ihre Gründer. Nicht zuletzt weil zwei von ihnen, Capa und Seymour, innerhalb von nur neun Jahren während ihrer Arbeit als Kriegsberichterstatter ums Leben kamen. Umso schwerer wog das Erbe, das sie den Nachfolgern hinterließen: Magnums Maxime ist der Dienst an der Menschlichkeit. Hier versammeln sich nicht nur einige der besten Fotografen der Welt, sie alle widmen ihre Arbeit zudem der conditio humana. Sie begeben sich an Orte, die niemand freiwillig betreten würde, und dokumentieren dort Leben und Sterben. In der Hoffnung, die Welt verbessern zu können. Ihre Fotos schießen als finstere Nachrichten um den Globus. Und zwischendrin setzen sie ein paar Schlaglichter, Porträts einer jungen Hollywoodschönheit, Bilder des Oscar-Gewinners, heitere Dinge, glänzende Nachrichten.

Wie mag es also zugehen in der Agentur Magnum? Man denkt unwillkürlich an Telefongeklingel, Schreibmaschinengeklapper, Kaffee, Zigarettenrauch und den unwiderstehlichen Dampf von Entwicklerflüssigkeit, der die Fotoagenten in geschäftige Euphorie versetzt. Aber hallo, willkommen im digitalen Zeitalter! Matt Murphy begrüßt den Gast, den der Fahrstuhl direkt vor seinem Tisch im New Yorker Büro ausspuckt. Weiße Arbeitsplätze, Flachbildschirme, die Wände behangen mit Regalen voller schwarzer Mappen. Zwölf Leute arbeiten hier, Murphy ist einer von ihnen. Er ist verantwortlich für den Bildbestand aller Magnum-Mitglieder aus Nord- und Südamerika. In London und Paris gibt es zwei Büros mit anderen territorialen Zuständigkeiten. Die meiste Zeit verbringt Murphy damit, die Onlinedatenbank der Agentur zu pflegen. Sie ist das Schaufenster für die Kunden. Hier informieren sich Magazine und Zeitungen über Archivmaterial und neue Produktionen. Als Nelson Mandela starb, versorgte Magnum sie mit Bildern seines bewegten Lebens und gleichzeitig mit Fotos der aktuellen Geschehnisse in Südafrika.

Magnum-Archiv in New York © Rabea Weihser

"Früher suchten sich die Auftraggeber ihren Lieblingsfotografen aus, flogen ihn ans Ende der Welt und ließen ihn dort eine Woche an einer Geschichte arbeiten", sagt Murphy. Der Handel mit Nachrichtenbildern hat sich inzwischen rasant beschleunigt und logistisch vereinfacht. "Heute muss alles an einem Tag fotografiert werden, deshalb sucht man einen Fotografen in der Nähe. Die Agentur vermittelt das zum Budget passende Angebot." Vom Geist der staatenlosen Magnum-Abenteurer, wie ihn Susan Sontag 2003 in ihrem Fotografie-Aufsatz Das Leiden anderer betrachten beschrieb, ist im Geschäftsalltag nicht viel geblieben. Die Agentur ist darauf allerdings bestens vorbereitet. Die Finanzierungsstruktur von Magnum erlaubt es den Fotografen, sich immer wieder für selbstständige Projekte längerfristig zurückzuziehen. Der Fonds fängt sie auf, die künstlerisch Eigensinnigen finden Rekreation.

Das Grauen auf einem Chip

Gerade war Michael Christopher Brown im Büro. Er ist einer der Jüngeren im Club, Jahrgang '78. Den Winter verbringt er für gewöhnlich im Kongo, jetzt bleibt er für ein paar Wochen in New York. Brown berichtet aus vielen Krisengebieten, die meisten seiner erschütternden Fotos macht er mit dem Handy. Das Grauen der Welt auf einem Chip. Filmrollen benutzen die Magnum-Fotografen nur noch für private Zwecke. Aufträge sollen zeitökonomisch erledigt werden, deshalb läuft alles mit Digitalkameras. Matt Murphy und seine Kollegen in der Zentrale müssen die Bilder schnellstmöglich editieren und an die Kunden weiterleiten können.

Magnum-Büro in New York, 1977 © Collection J.A. Fox/​Magnum Photos/​Agentur Focus

Am 11. September 2001, kurz nach 11 Uhr, teilte der Chef noch Filmrollen aus, erinnert sich Matt Murphy. Das World Trade Center war gerade in Staub und Asche zerfallen. "Wenn Ihr eine Kamera habt, geben wir Euch den Film dazu. Geht raus und fotografiert", habe der Büroleiter zu allen gesagt. Murphy hatte damals gerade bei Magnum angefangen, als einer von 30 Mitarbeitern. An dem denkwürdigen Tag waren zufällig alle amerikanischen Magnum-Fotografen in der Stadt, weil das Quartalstreffen stattfinden sollte. Sie gingen und taten ihre Arbeit. Das gemeinsame Ergebnis wurde schon eine Woche später als Bildband New York September 11 für einen wohltätigen Zweck verkauft. Auch diese Fotos kennt heute fast jeder.

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