Andersrum ist auch nicht besser Ein kosmisches Geschenk

© sör alex / photocase.de
Aus der Serie: Beziehungen

Am Wochenende, bevor ich meiner schwulen Bürgerpflicht nachging und zur Kreuzberger CSD-Parade ging, telefonierte ich noch kurz mit meiner Mutter. Als sie davon erzählte, wem in unserer weitläufigen Familie es gerade wie geht, kam sie ganz begeistert darauf, dass einer meiner Neffen eine neue Freundin habe. Ich kann mich noch zu gut daran erinnern, wie besagter Neffe in Windeln durch den Garten meiner Schwester hüpfte, und fragte, ob er dafür nicht ein bisschen jung sei. "Fabian ist schon 23!", antwortete sie, gestand dann aber, dass sie neulich selbst überlegen musste, wann er geboren wurde. "Und dabei ist mir auch aufgefallen, wie alt du schon bist!" Sie meinte das völlig ernst. Es war ihr nicht mehr bewusst gewesen, dass ich 36 bin.

Ich war ihr nicht böse, im Gegenteil. Ich bin jedem dankbar, der mich für nicht so alt hält, wie ich bin. Und außerdem habe ich es ja ihrem Genpool zu verdanken, dass ich bei Karstadt oder beim Zahnarzt immer noch völlig ironiefrei als "junger Mann" angesprochen werde. Bisher hatte ich wirklich Glück, was das Altern betrifft. Ich habe zwar ein paar einzelne graue Haare an den Schläfen, aber so gut wie keine Falten.

Das ist bei vielen schwulen Männern so. Wir sehen oft einfach besser aus als unsere heterosexuellen Altersgenossen. Ich habe verschiedene Theorien, woran das liegt. Zum einen hat es, glaube ich, damit zu tun, dass die meisten von uns keine Kinder haben. Kinder sind toll und sie großzuziehen hat viele Vorteile. Aber aus irgendeinem Grund machen sie alt. Vielleicht sind es die Spätfolgen des Schlafdefizits, das man als Elternteil aufbaut, wenn die Kleinen im Säuglingsalter sind. Vielleicht liegt es daran, dass man sie zwar liebhat und so, sie aber meistens ziemlich anstrengend sind und wertvolle Zeit rauben. Zeit, die man auch im Schwimmbad oder im Fitnessstudio verbringen könnte. 

Alle meine Geschwister haben Kinder bekommen. Selbst mein jüngerer Bruder, gerade mal Anfang 30, hat das vor seinem Coming-out noch irgendwie bewerkstelligt und führt heute mit seinem Lebensgefährten ein vorbildliches Patchworkfamilienleben. Aber immer, wenn uns Leute zum ersten Mal zusammen sehen, denken sie, dass ich jünger bin als er. Ich muss dann natürlich so tun, als würde mich das nicht tangieren. In Wahrheit führe ich innere Freudentänze auf. Ein frisches Aussehen ist der einzige wirkliche Vorteil, den man als Kinderloser hat. Ein karmischer Ausgleich sozusagen, ein kosmisches Geschenk.

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht so tun, als wäre ich nicht eitel. Ich versuche, gesund zu essen. Ich rauche und trinke nicht mehr. Und weil ich immer wieder zu Gewichtsproblemen neige, mache ich seit einiger Zeit sechsmal die Woche Sport. Ich laufe um das Tempelhofer Feld, schwimme im Freibad und begebe meinen Körper in Yogapositionen, bei denen ich nach einer Weile nicht mehr weiß, wie ich aus ihnen herauskomme. Ich stemme Gewichte, gehe zu Spinning-Kursen und lasse mich jeden Sonntag anderthalb Stunden von einem militanten Tae-Bo-Trainer antreiben. Die Überreste von Scham und Selbsthass, die man, wenn man schwul ist, bereits im Kindergarten und auf dem Schulhof eingeimpft bekommt, sind bei diesem Jungbrunnenprogramm natürlich eine große Hilfe. Wenigstens sind sie mal für irgendetwas gut.

Beim CSD-Umzug in Kreuzberg sah ich meine Theorie übrigens völlig bestätigt. Überdurchschnittlich viele schwule Männer sehen sportlich aus, jung und schön. Das Gleiche gilt für lesbische Frauen, zumindest bis sie das erste Kind bekommen. Trotz sporadischer Regenschauer war der Samstag ein ziemliches Fest und alle hatten großen Spaß. Irgendwann wurde ich von einem Freund in die Arme eines großgewachsenen griechischen Künstlers geschubst, den ich so nett fand, dass ich mit ihm den Rest des Tages verbrachte. Um Fußball zu gucken. Er war zehn Jahre älter als ich, sah aber allenfalls aus, als sei er gerade 40 geworden. Und sein Leben war mindestens genauso chaotisch wie meines. Vielleicht, dachte ich da, sehen so viele von uns jünger aus, weil wir einfach länger brauchen, um herauszufinden, was wir aus unserem Leben machen wollen. Weil wir länger brauchen, um unseren Platz zu suchen und festzustellen, wer wir wirklich sind.   

Kommentare

24 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Wow,

abgesehen davon, dass es doch (bitte, bitte) im Leben noch mehr geben muss als jung und schön auszusehen (keine Kinder zu kriegen schützt vor Falten - geht's noch?!?) klingt die körperliche Selbst-Optimierung......

....'Ich stemme Gewichte, gehe zu Spinning-Kursen und lasse mich jeden Sonntag anderthalb Stunden von einem militanten Tae-Bo-Trainer antreiben. Die Überreste von Scham und Selbsthass, die man, wenn man schwul ist, bereits im Kindergarten und auf dem Schulhof eingeimpft bekommt, sind bei diesem Jungbrunnenprogramm natürlich eine große Hilfe. Wenigstens sind sie mal für irgendetwas gut.'

...nicht nach einem gesunden Therapieansatz.

Wenn homosexuelle Männer im Allgemeinen wirklich besser aussehen, dann liegt das wohl daran, dass sie auch im Allgemeinen mehr (Zeit & Geld) in ihr Aussehen investieren; die arbeiten eben mehr an ihrem Körper als der Durchschnittsmann. Dafür sind Sie das beste Beispiel.

Tipp: Frauen machen das im Allgemeinen schon sehr viel länger.

Und noch einer: Früher oder später holt jeden das Altern ein und es ist dann manchmal schon peinlich, wenn man sieht, wie sich Menschen an die Jugend knüpfen. Ich bin ganz froh, kein 20er mehr zu sein; und ich genieße jetzt die 30er. Irgendwann kommen die 40er und die werden bestimmt auch wieder anders – manches wird besser, anderes schlechter.

Na ja, das macht die Brille. Es gibt viele Menschen jeder Auslegung, die sehen schon in jungen Jahren in der alt aus. So auch umgekehrt. Schwule machen etwas für ihr Aussehen, das kann in der Tat nicht schaden. Aber alt oder icht so alt aussehen, kommt doch eher von innen. Es gibt viele alte Menschen, greise manchmal, denen sprüht aus ihren Augen jugendliche Frische. Es gibt alte Schwulen in großer Anzahl, die sehen verharmt aus. Also, die Brille, die man trägt, gibt die verschiedenen Farbtöne dar, wie man sie möchte. Und, so nebenbei: ich viele meiner Freunde haben Kinder zwischen zwei und vieren, sind zwischen siebzig und achtzig - wir nehmen es gerne mit Ihnen auf, was "jugendliche" und geistige Spritzigkeit betrifft.

Wow, Schwule beschweren sich, natürlich zurecht, dass sie diskriminiert werden, sind in Sachen Oberflächlichkeit und Arroganz kein Stück besser ....

"Ich mache dies für meinen Körper und das auch noch, ich sehe ja so jung und schön aus, aber im Kopf, da hab ich nichts drin...."

Mit keinem Wort wird erwähnt, dass sie auch mal was für ihren Kopf machen, um sich nicht auf der gleichen Stufe mit denen zu bewegen, die sie diskriminieren, aber naja, jedem das seine ....

Und ja, ich habe was gegen Menschen die mit so einem oberflächlichem Gefasel daherkommen, denn das bringt uns dahin wo wir jetzt sind.
Auf der einen Seite leben die Menschen im Überfluss, auf der anderen Seite verhungern sie, aber hey, Hauptsache ich sehe gut aus ....

Natürlich, ein gesunder Lebensstil ist nichts schlechtes, im Gegenteil, aber damit anzugeben, dass ist etwas schlechtes.