Gesellschaftskritik Soziales Plastik

© Vittorio Zunino Celotto/Getty Images
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Und noch ein Tag, an dem sich Deutschland an den USA abarbeitet. Wie im Bundestag, so auf dem Fußballplatz. In den bunten Blättern sowieso. Sarah Connor ist Deutschlands Mariah Carey, Till Lindemann unser Marilyn Manson, Helene Fischer und Florian Silbereisen sind die heimischen Beyoncé und Jay-Z.

Da ist es eine willkommene Abwechslung, wenn sich mal ein großer Geistesamerikaner dem deutschen Kulturpersonal widmet. Die Rede ist von Justin Bieber, Amerikas kanadischem Bill Kaulitz, der wieder auffällig wurde. So wird berichtet, er habe erst Anfang des Monats einen schicken Wohnblock in Beverly Hills bezogen, und schon beschwerten sich die Nachbarn. Ein unglaublicher Gestank mache sich breit im Treppenhaus. Noch dazu höre man laute Musik und ebensolche Stimmen. Man habe Vermieterverband und Polizei rufen müssen.

Das Gezeter zeugt allerdings sowohl von nachbarschaftlicher Intoleranz als auch von ästhetischer Ignoranz. Denn Justin Bieber wäre nicht der Künstler, als der er verehrt wird, wenn sein Verhalten sinn- und zwecklos wäre. Der 20-Jährige erklimmt gerade die nächste intellektuelle Hürde seines jungen Daseins: Alles ist Kunst, alles Performance, sein Leben eine soziale Plastik. Von Beuys to Men, sozusagen.

Wenn Bieber dreimal in der Woche einen Geländewagen zu Schrott fährt, setzt er damit ein Zeichen gegen die westliche Überflussgesellschaft. Wenn er ein kleines Äffchen in der Quarantänestation des deutschen Zolls zurücklässt, protestiert er natürlich gegen Europas Einwanderungspolitik. Und wenn er, wie nun geschehen, in seiner nagelneuen Wohnung eine Hotboxing-Party veranstaltet, also sämtliche Fenster verschließt und die Bude vollkiffen lässt, bis alle Anwesenden durchs Passivrauchen so richtig aktiv abwesend sind, dann ist das, verdammt nochmal, ein Statement in Richtung Düsseldorf!

Denn dort, wo Joseph Beuys lehrte und wirkte, hat das Landgericht heute früh über einen Sozialrentner entschieden, der wegen Kettenrauchens und falschen Lüftungsverhaltens aus seiner Wohnung ausziehen soll. Ein weiterer Fall von German Hotboxing wird demnächst vorm Bundesverfassungsgericht verhandelt. Da kann Bieber nicht ruch- und tatenlos zusehen und setzt wohlüberlegt eine Duftmarke.

Auf kunstvoll subtile Weise ergreift America's Sweetheart mit seiner Aktion sogar Partei für Helene "Kräuterbutter" Fischer und "ihren Florian". Auch deren zukünftige Nachbarn in der Hamburger Hafencity beschweren sich prophylaktisch – aus Angst vor zu vielen Bodyguards, Fangeschrei, Dauerschiffstaufen, Schlafzimmerakrobatik und atemlosen Nächten in Satin. Bieber wirbt um unser aller Kunstverständnis: als soziale Plastik für soziales Plastik. Danke dafür.

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Justin?! Assoziation an ein Kaninchen - Tatort (weiß der Biber, welcher) - Börtie Wocks (Klinsis Ziehvater) trägt einen Rammler auf dem Arm. Dahinter Gartenhäuschen, Explosionsgefahr, wg. Gasboxing - und Börtie sagt: "Das Kaninchen hat uns allen das Leben gerettet" (Stöver/Brockmöller singen "Stormy Weather"). Der Nager sah aus wie ein Biber - und Vogts hat einen Sohn namens - Justin. Teenieschwarm noch nicht mal geboren - aber ich auf der Suche nach dem Motiv, weshalb ein Junge Justin heißen soll. Da - der hl. Justinus, Märtyrer unter Mark Aurel, dessen "Selbstbetrachtungen" ihn nicht zur Toleranz mit abgefallenen Philosophen-Kollegen verpflichteten: Christenverfolgung, hämische Kyniker. Berührungspunkte mit dem umtriebigen J.Bieber?! Oh doch - Justinus hat ausprobiert, was ihm in den Blick geriet. Sollte er ein Geworfener sein, dann in viele unhaltbare Zustände. In rabiater Selbstfindungsphase (B.Vogts: unerbittlicher Terrorist an der Strafraumgrenze, "immer auf die Achillessehne", so Willy "Ente" Lippens) sind verschiedenste Aggregatzustände zu performieren. Der Düsseldorfer "Hotboxer" dagegen ein offen Verstockter, philosophisch. Denn wozu ist ein Bieber gut? Als Projektionsfläche, Tarnung des wahren Ichs. Vgl. Howard Hawks, "Man's Favorite Sport?" (mit nervensägiger Paula Prentiss, personifiziertes Hotboxing) - welches Schlüsselwort vom braven Angestellten Roger, wenn dem Chef die Perücke von der Pläte rutscht? Nein, nicht Justin! Bi(e)ber, natürlich.