Gesellschaftskritik: Gnadenbrot für Richter Gnadenlos

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Das Fernsehen ist natürlich ein zynisches, aber auch ein gnädiges Medium, ein freundlicher Inklusionsapparat und in seiner Güte blockiert es selbst für total havarierte Prominente hin und wieder einen Sendeplatz. Wegen neuer echt großer Liebe, beinahe tragisch verlaufener Autopanne oder jüngst erfolgreich renoviertem Gesicht. Und das ist doch im Grunde ein netter Zug, Menschen vor der Selbstkompostierung zu bewahren. Grammatikalisch gesprochen: Ihr plusquamperfektes Leben rückt wieder ins Präsens, bisweilen auch mit Aussicht auf Futur I. 

Zum Beispiel können wir nun allen interessierten Leuten (geschätzt: sechs) sagen, was Ronald Schill im Herbst tun wird: Hamburgs ehemals stählerner Richter und Justizsenator zieht als Insasse ins sogenannte Promi Big Brother-Haus, angeblich für einen sechsstelligen Betrag und nur unter der Bedingung, dass seine neue Freundin, manchen bekannt als "Teppichluder", ihn begleitet. Nun mögen feinsinnige Leser es für eine ironische Wendung halten, dass der einstige Bauwagensiedlungsräumer nun selbst in einer Art Bauwagensiedlung angekommen ist, gewissermaßen im geschlossenen Vollzug, wo einzig der Law&Order-Sender Sat.1 herrscht und keine linksdrehenden Protestkulturen ihn befreien werden. 

Hamburgs Überwacher ist nun selbst zum Überwachten geworden, sein Gefängniswärter ist das Publikum, das immerhin gnädiger ist als jenes der tropischen Strafkolonie im Dschungelcamp. Big Brother gehört ja vielmehr zum Genre des meditativen Realismus, und das ist in dieser Form ästhetisch ohnedies ansprechender als die appetitzügelnden Bilder, die zuletzt von Schill kursierten: aufgequollen und angeblich auf Drogen, mit einer Stimme, die nicht ausgeschlafen klang, sondern eher wie frisch exhumiert, halbnackt in einer Hütte in den Tropen, da tat er einem fast ein bisschen leid. Und deswegen gönnt man ihm geradezu die Rückkehr in ein geregeltes Leben, in eine organisierte Wohngruppe, wo er drei Mahlzeiten am Tag bekommt, eine Sofalandschaft vollsitzen kann und vermutlich sogar gelegentlich duscht. So besehen ist Promi Big Brother eine aufwändig inszenierte Resozialisierung und das ist schon mehr als "Richter Gnadenlos" je seinen Angeklagten zugestanden hat. Wobei, wenn wir hier schon über neue Chancen reden: Die inklusive Komponente dürfte die meisten Zuschauer weniger brennend interessieren, als die Frage, ob Schills reingeklagtes Teppichluder nicht auch Talent zum Fliesenluder, PVC-Luder, Parkett- oder Laminatluder besitzt. Über die Bodenbeläge des Hauses wollte Sat.1 vorab allerdings keine Auskunft geben.

Kommentare

25 Kommentare Seite 2 von 5 Kommentieren

Richter Gnadenlos im BigBrother-Knast!
So "feinsinnig" sind Bild-Leser.
Trotzdem:
Danke für den Artikel!
Hamburg würde zur Feier des Tages am Elbstrand Einen dampfen, wäre es noch erlaubt.

Hierbei ließe sich mit Blick in die Geschichte anmerken, dass auch die (Hamburger) Grünen "ein freundlicher Inklusionsapparat" für politische Freibeuter wie
Ole den Mutigen waren.
Mit der Hofierung dessen seelenverkäuferischer Politik wurde Chili-Chili ein weiteres Mal in den Augen des Bürgertums legitimiert, nicht etwa ideologisch erledigt.
Die Europawahl 2014 mit allen ihren schillernden Clowns und Schillklonen zeigt das große Verdienst der Grünen:
Die Demontage linker UND liberaler Prinzipien zum Zwecke der Koalitionsfähigkeit mit Linkenhassern hat dem Hass auf alles "Linksliberale" ins nächste Level verholfen.

David Hugendick eröffnet uns aber auch einen Blick in die Zukunft unser in behagliches Bioschwarzlicht getauchten Gegenwart:
Schill sitzt bei Sat.1 und verputzt Biodönerfleisch.
Vielleicht wird in der Zeit ja dann darüber gestritten, ob der Preis dafür der richtige war.