Gesellschaftskritik Prometheus unserer Zeit

Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Sehr geehrter Herr West, lieber Kanye,

wir haben soeben Ihr bahnbrechendes Interview in einem amerikanischen Herrenmagazin gelesen. Es hat uns zutiefst bewegt, ein wenig beschämt, kurzum: Wir möchten unserer Hochachtung in diesem Brief Ausdruck verleihen und uns im Namen der Weltgesellschaft für all die Ignoranz entschuldigen, die Ihnen zuteil wurde.

Was Sie, 37, wirkungsmächtigster Rapper des Planeten, in Ihrem Leben geleistet haben, muss endlich anerkannt werden. Danke, dass Sie uns in dem siebenseitigen Zeitschriftengespräch noch einmal die besten Argumente an die Hand geben. Es muss nun jedem noch so kulturpessimistischen Elfenbeintürmler Ihr Licht aufgehen: Sie sind der Größte.  

Alle Kritiker müssen verstummen, denn welcher dieser Schmutzfinken hat schon, wie Sie richtig anmerken, ein Werk von so künstlerischer Bedeutung geschaffen wie Ihr Album Yeezus. Es ist so unkonventionell, dass man diese ästhetische Pioniertat möglicherweise erst in rund 100 Jahren vollends verstehen wird. "Nichts, was ich tue, ist uncool. Alles ist innovativ. Manche können es nur noch nicht erkennen." Diese Aussage dürfen wir kulturgeschichtlich stützen mit der Tatsache, dass es Johann Sebastian Bach, 329, deutscher Komponist mit Pauken und Trompeten, ähnlich erging. Es musste erst ein gewisser Mendelssohn Bartholdy kommen, um der Menschheit 80 Jahre nach Bachs Tod dessen Meisterschaft zu vermitteln.

Sie, lieber Kanye, folgen dem Pfad der wahren Kunst. Ihr Mut wird nun zu Recht mit Anerkennung von höchster Stelle belohnt. Sie gehören zum exklusiven Kreis der wichtigsten Personen der Welt. Nach langen Jahren der Ablehnung lädt man Sie nun in die erste Sitzreihe der feinen Modeschauen. Sie sind eine ehrwürdige Persönlichkeit, nicht mehr der peinliche Promi, der sich nicht benehmen kann. Das haben Sie und Ihre Liebste, Kim Kardashian, 33, Reality-Soap-Star, in den vergangenen Wochen eindrücklich bewiesen. Polterabend in Versailles, Hochzeit auf einem Fort in Florenz, Andrea Bocelli sang ein Ständchen, ein renommierter Pariser Florist besorgte die Blumen, Sie und Ihre Frau trugen maßgeschneiderte Roben von Givenchy. Und dann die Marmortische und all diese wirklich professionellen, makellosen Fotos. In Ihrem Interview bringen Sie es auf den Punkt: "Zu sagen 'Hey, Kim, ich find Dich gut' inspiriert die Menschen nicht so sehr wie eine Heirat." Herzlichen Dank, uns wurde gleich ganz anders, als wir an diesem historischen Ereignis aus der Ferne teilhaben durften.

Ihre Gattin ist zu beneiden. Sie als Reimkünstler und lyrisches Ich machen wirklich die allerschönsten Komplimente: Kim sei cool wie ein Dinosaurier oder ein Kampfjet. Wundervoll, dass Sie so ein heißes Geschoss an sich binden konnten. Und wir geben offen zu, wir wären auch gern ein bisschen wie Kim. Dieser Körper, dieses Stilgefühl, die finanzielle Selbständigkeit und dieser Familiensinn, Sie sagen es: "Wer im Leben gewinnen will, braucht Kim-Kardashian-Skills."

Wir schätzen besonders an Ihnen, dass Sie trotz aller Höhensonne selbstkritisch bleiben: "Es ist nicht so leicht, Geschichte zu schreiben." Aber wir sind ganz Ihrer Meinung – es wird Ihnen gelingen. Sie, lieber Kanye, sind auf dem besten Weg, etwas von bleibendem Wert, hoher Integrität und kreativer Strahlkraft zu schaffen. Sie bringen den Menschen Wunder und Zauber. Sie sind der Prometheus unserer Zeit.

Nur ein Satz von Ihnen hat uns irritiert: "Ich bin kein Hai, ich bin ein Kugelfisch." Sie wissen doch, Understatement ist wahrlich etwas für Verlierer.

Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren