Ruanda Alptraum ohne Ausweg

© Scott Peterson/Getty Images
Vor 20 Jahren kostete der Völkermord in Ruanda Hunderttausende das Leben. Eine Gruppe deutscher Entwicklungshelfer erlebte das Morden im eigenen Haus. Trifft sie Schuld? Von

Es ist ein gutes Leben, das die Europäer im Norden von Ruanda führen, in einer Landschaft aus kegelförmigen Hügeln. Mais, Kartoffeln und Bohnen ziehen sich in wohl bestellten Feldern die Hänge hinauf. Barfüßige Männer und Frauen grüßen freundlich auf den Serpentinenpfaden. Aus den über die Hügel gesprenkelten Hütten dringen die Geräusche des Alltags, Frauenstimmen, Kindergeschrei, Ziegenmeckern. 

Projektleiter Thomas Magura, 36 Jahre alt, die 31-jährige Agraringenieurin Sabine Kramer, ein Student im Praktikum und ein belgischer Kollege sind das Team im Projekt der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) in Giciye. Sie helfen den Bauern mit verbessertem Saatgut und zeigen ihnen, wie man Felder in Terrassen anlegt, sodass der Boden nicht abgespült wird und die Erträge steigen. Zum Feierabend trinken sie mit den einheimischen Kollegen belgisches Bier und essen Brochettes, Spießchen mit Ziegenfleisch. Nach Einbruch der Dunkelheit zünden die Entwicklungshelfer in ihrem Haus den Kamin an, denn abends wird es kalt auf über 2.000 Metern Höhe.

So leben die Europäer in Giciye bis zum 6. April 1994. An diesem Tag zwingt ein Flugzeugabsturz in der ruandischen Hauptstadt Kigali sie in eine Situation ohne Ausweg, in der es nur eine Wahl gibt: zwischen Schuld und Tod.

An diesem Abend wird die Maschine des ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana abgeschossen, wahrscheinlich von Tutsi-Rebellen, die in der Hauptstadt versteckt operieren. Der Abschuss löst einen Völkermord aus, dem in den darauffolgenden 100 Tagen bis zu 800.000 Menschen zum Opfer fallen werden. Die Propaganda-Radiosender der Hutu-Regierung mobilisieren über Nacht das ganze Land. "Macht eure Arbeit, erledigt die Kakerlaken", sagen die Sprecher. Überall in den Dörfern des Bürgerkriegslandes haben sich die Hutu in paramilitärischen Gruppen organisiert. Die jungen Milizionäre der Interahamwe, zu deutsch "Die miteinander angreifen", verstehen die Botschaft aus dem Radio: Sie sollen die Angehörigen der Tutsi-Minderheit töten.  

Die deutschen Helfer ahnen vom Ausmaß des Hasses nichts

Um 5.30 Uhr am nächsten Morgen klingelt bei den Entwicklungshelfern in Giciye das Telefon. Am Apparat ist Christophe Bazivamo, der Ruander, der das Projekt zusammen mit Thomas Magura leitet und gerade eine Schulung in Kigali besucht. Bazivamos Familie lebt im Haus neben den Europäern. Er will seine Frau Eudosie sprechen. Nach wenigen Sekunden legt sie auf und eilt in ihr Haus zurück, um zu packen. Eudosie Bazivamo, eine freundliche, zurückhaltende Lehrerin und Mutter von zwei Kleinkindern, hat Angst. Sie ist Tutsi, eine der wenigen, die noch in der Region sind.

Um 8.30 Uhr erkundet Thomas Magura die Lage und fährt zu den GTZ-Büros im Tal. Er erfährt, dass auf allen Überlandstraßen des Landes, Sperren errichtet wurden – auch der Weg aus Giciye ist damit versperrt. Denn niemand weiß, wer dort wartet: Reguläre und relativ disziplinierte Soldaten? Oder betrunkene Jugendliche der Interahamwe? Aus Kigali bekommt Magura die Anweisung, das Risiko einer Fahrt nicht einzugehen. Die Entwicklungshelfer decken sich im Laden des Ortes mit Lebensmitteln ein, kaufen Bier, Cola, einen Sack Kartoffeln. Trotzdem bittet Magura seinen Werkstattleiter Gervais Ndagijimana, die Geländewagen für die Abfahrt vorzubereiten.

Es gibt Grenzen, wie tief man in die lokale Gesellschaft eindringen kann.
Thomas Magura

Wie Christophe Bazivamo stammt auch der Werkstattleiter, der teure Ersatzteile und wertvolles Benzin verwaltet, nicht aus der Gegend. So vermeiden die Europäer Korruption und Klüngel. Im Dorf scheint Gervais Ndagijimana, auch er ist ein Tutsi, beliebt und integriert. Geduldig repariert er abends und am Wochenende die Mopeds der Dörfler. Doch die Einheimischen sehen in Ndagijimana einen Eindringling, der sie um ihre Pfründe bringt. Die gut bezahlten Jobs im Entwicklungsprojekt stehen in ihren Augen Ortsansässigen zu. Die fremden Ruander sind vor Ort verhasst. Die deutschen Helfer ahnen vom Ausmaß dieses Hasses nichts. Ruander zeigen ihre Gefühle kaum. Das gilt als unklug.  

"Es gibt Grenzen, wie tief man in die lokale Gesellschaft eindringen kann", sagt Thomas Magura. Er sitzt in seinem Büro in Den Haag, wo er heute lebt. Er war gleich zu einem Gespräch über Giciye bereit. Seine sonore Stimme füllt den Raum. Er wirkt ruhig und sicher. Manchmal schließt er die Augen, als ob ihm das dabei hilft, sich an die Details des 7. Aprils 1994 zu erinnern.

Gegen 10.30 Uhr bringt Alois Nzabanita, auch er ist ein Mitarbeiter des GTZ-Projekts, den Werkstattleiter auf seinem Motorrad ins GTZ-Haus. Gervais Ndagijimana entschuldigt sich für seine Verspätung, er hat am Morgen sein Haus verbarrikadiert, um seine Frau und seine beiden Kinder zu schützen. Magura schlägt ihm vor, die Familie ins GTZ-Haus zu holen. Eudosie Bazivamo ist bereits ins Haus der Deutschen umgezogen, zusammen mit ihren Kindern, ihrer achtjährigen Schwester Marie, einem Kindermädchen und sieben Koffern.

Sie haben eine Stunde Zeit, alle Tutsi auszuliefern
Poulain Hakizimungu

Der Werkstattleiter geht sofort wieder los, um seine Familie zu holen. Doch nur Minuten später ist er zurück: "Ils ont déjà commencé à couper les têtes!", schreit er. "Sie haben begonnen, die Leute zu köpfen!" Alois Nzabanita hat die Gefälligkeit, den Werkstattleiter auf seinem Motorrad mitzunehmen, vor wenigen Augenblicken mit dem Leben bezahlt.

Jetzt begreifen die Europäer, wie ernst die Lage im Haus ist. "Es klingt vielleicht merkwürdig", sagt Sabine Kramer, "aber in Afrika genießt man als Weißer immer noch Respekt: Zunächst glaubten wir, dass uns nichts getan wird und wir die Ruander schützen können." Gervais Ndagijimana versucht nach dem Mord an seinem Kollegen auf Schleichwegen zu seinem Haus zu gelangen, um seine Familie zu retten.

Gegen 11.30 Uhr beobachten die Entwicklungshelfer vom Garten ihres Hauses, wie unten im Ort eine mit Lanzen, Macheten und Keulen bewaffnete Menge zum Haus des Werkstattleiters zieht. Sie hören die Männer johlen, wie im Fußballstadion, wenn ein Tor fällt. Kurz darauf kommt Gervais den Hang hinaufgerannt, er erreicht das GTZ-Haus unter Schock. Seine Frau und seine Kinder sind eben ermordet worden.

Die Menge unten im Ort formiert sich neu und wendet sich dem Hang zu, hinauf zum Haus der GTZ. Die Deutschen kennen einen der Anführer: Poulain Hakizimungu ist ein ehemaliger Projektmitarbeiter. Er war immer ausgesucht freundlich zu seinen Vorgesetzten, bis er ein halbes Jahr zuvor wegen Betrügereien entlassen wurde. Magura geht hinaus. Hakizimungu hält ihm eine Handgranate entgegen und sagt: "Sie haben eine Stunde Zeit, alle Tutsi auszuliefern. Wenn Sie darauf eingehen, geschieht den Weißen nichts. Ansonsten werfen wir Granaten in die Fenster."

"Das war schon spannend", sagt Thomas Magura.

Thomas Maguro in Den Haag © Uli Reinhardt/Zeitenspiegel

Thomas Magura hat sich entschieden, dem unvorstellbaren Schrecken dieses Tages mit größtmöglicher Distanziertheit zu begegnen. Könnte so eine Situation überall auf der Welt entstehen? "Ja, das ist Teil des menschlichen Seins." Magura will Haltung bewahren. Er redet artikuliert, doziert wie ein Lehrer. Er berichtet die Fakten wie ein Außenstehender, über seine Gefühle spricht er nicht. Hatte er Angst? Magura weicht dieser Frage aus. "Sie müssen sich auf die Situation einstellen und das beste daraus machen", sagt er. "Und das konnte nur heißen: Zeit gewinnen."

Über Funk hat die deutsche Botschaft geraten, sich keinesfalls schützend vor die Ruander zu stellen. Doch die Europäer im GTZ-Haus haben eine Hoffnung: Die Gendarmerie in der eine Autostunde entfernten Provinzstadt Gisenye. Ein über Funk alarmierter GTZ-Kollege in Gisenye versucht, die Gendarmen zu einer Fahrt nach Giciye zu bewegen, in der Hoffnung, dass die Beamten noch Recht und Gesetz dienen.

Wenn Du rausgehst, hilfst Du den anderen

Gegen 13 Uhr krachen die ersten Steine ans Wohnzimmerfenster des GTZ-Hauses. Magura geht wieder hinaus. Der Anführer des Mobs macht ein neues Angebot: Wenn Werkstattleiter Gervais herausgegeben werde, würden die Weißen, Eudosie Bazivamo und ihre Kinder verschont.

Kann man einen so furchtbaren Vorschlag überhaupt begreifen? Wenn von einer Stunde zur anderen Anarchie und Irrsinn herrschen, Recht und Anstand plötzlich nicht mehr gelten und man einen Menschen in den Tod schicken soll – wie hält man so etwas aus? "Es war knüppelhart", sagt Thomas Magura heute. "Aber mir war klar, wir haben keinen Verhandlungsspielraum. Ich war so unter Spannung, dass ich die ganze Zeit wie neben mir stand und mich selbst beobachtete: Was macht er jetzt? Man funktioniert einfach."

Zurück im Haus, präsentiert Magura dem Werkstattleiter die Forderung. "Wenn du rausgehst, Gervais, hilfst du den anderen", sagt Magura. Der Werkstattleiter wehrt sich nicht. Er steht unter Schock. 

Es war eine menschenverachtende, groteske Situation, die niemand begreifen kann.
Sabine Kramer

Wieder geht Magura hinaus und stellt den Mördern die Bedingung, dass Gervais Ndagijimana das Haus nur verlasse, wenn er ein Auto benutzen dürfe. Sie wird akzeptiert. Magura stellt ein Auto vor die Tür, lässt den Motor laufen. Im Haus zieht sich Werkstattleiter andere Kleidung an, wickelt sich ein Tuch um den Kopf, in der Hoffnung, dass ihn die Meute nicht sofort erkennt, wenn er zur Tür hinausstürmt. Die Europäer geben ihm Geld. Vielleicht kann er sein Leben freikaufen, wenn er es bis zu einer Straßensperre auf der Landstraße schafft.    

Dann springt Gervais in den Geländewagen und rast an der Menge am Rande des Hofes vorbei in Richtung Tal. Steinwürfe zerschmettern die Scheiben. Kurz darauf: Schüsse. Der Gemeindepolizist trifft die Reifen des Wagens, der Werkstattleiter flüchtet zu Fuß weiter in sein Lager. Dann hören die Europäer vier, fünf Explosionen von Handgranaten. Sie sehen aus der Ferne, wie Männer die Dachverkleidung des Lagers entfernen. Später erfahren sie, dass die Mörder Gervais Leiche den Kopf abtrennen und in einen Fluss werfen.

"Es war eine menschenverachtende, groteske Situation, die niemand begreifen kann", sagt Sabine Kramer heute in ihrem Haus in einer Universitätsstadt in Hessen. "Aber wir konnten Gervais nicht retten. Die wollten ihn haben, er stand auf ihrer Liste ganz oben." Die Verhandlungen, die Möglichkeit zur Flucht im Auto, die neuen Kleider zur Tarnung, das Geld: "Das war das Einzige, was wir tun konnten." Kramer nimmt einen Schluck Mineralwasser. Sie trinkt sehr viel während des Gesprächs. "Eine Diät", sagt sie gedankenverloren. 

Nach dem Tod von Gervais herrscht Ruhe im GTZ-Haus. Fast fühlen sich die Deutschen erleichtert. Der Mob hat sich ins Dorf zurückgezogen. Die Entwicklungshelfer reden wenig, diskutieren nicht, ob sie richtig gehandelt haben. Jeder sucht sich eine Beschäftigung. Nur nicht ins Nachdenken kommen. "Wir durften keine Angst oder Panik zulassen. Sie hätte uns schwach gemacht", sagt Sabine Kramer. "Es war ein bisschen wie bei einer gefährlichen Situation im Auto: Instinktiv reagiert man richtig, das Herzklopfen kommt erst hinterher. Nur dass bei uns aus Sekunden der Gefahr Stunden wurden."

Sabine Kramer bedient das Funkgerät. Irgendwann packt sie eine Nottasche. Sie will für eine Flucht gerüstet sein. Der Tisch steht voller Schüsseln mit Speisen. Koch Emmanuelle, ein einheimischer Hutu, brät seit dem Morgen Kartoffeln, macht Salate, kocht Gemüse. Sie essen. Niemand hat Appetit, die Entwicklungshelfer essen schweigend. Die Frau von Christophe Bazivamo hat sich in Todesangst in einem der Schlafzimmer verbarrikadiert. Noch keine Nachricht, ob die Gendarmerie zu Hilfe kommen wird.

* Name von der Redaktion geändert

Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Sie brauchen sich dafür nicht "zutiefst" zu schämen. Bereits vor der deutschen (und später: belgischen) Kolonialisierung führte König Kigeri IV. (König Ruandas von 1853-1895) die ethnische Unterscheidung zwischen Hutus und Tutsis ein.
Die Kolonisten bauten auf einem bereits bestehenden Diskriminierungssystem auf, wenngleich die Volkszählung in den 1930-Jahren unter belgischer Herrschaft den Gegensatz verschärfte.

Zum Artikel: Ich möchte mir wahrlich nicht anmaßen, hier Kritik zu üben. Wie hätte ich in einer solchen Extremsituation gehandelt?

Ich weiß es nicht.

Ruanda 1994. Ein unfassbares Ereignis. In drei Monaten wurden 500 000 bis eine Million Menschen hingemordet, meist mit Macheten.

Was bleibt, ist Sprachlosigkeit.

natürlich waren die Helfer schuld-schon dass an orts-und Stammesfremde zur Hilfe geholt hat, um die Korruption zu vermeiden, hat klar gezeigt, dass die jungen Leute Null Anhnung haben, dass eine gute Beziehung zur örtlichen Prominenz das A&O einer guten Arbeit ist, dazu gehört eben auch, dass man dem zB Dorfältesten hofiert, wer das nicht begreift, sollte eben zuhause bleiben, aber das ist immer das selbe Elend, junge Leute mit , Vielleicht .viel Idealismus, aber mit kaum Kenntnis der örtlichen Sitten und Gebräuche wollen jahrhunderte alte Riten in 3 Wochen ändern-und einfach sagen: wir hatten Todesangst-da opfern wir lieber unsere Freunde-ist doch menschlich !

Da der alte Kommentar im System verschwand in Kurzform:
[...], wenn sie meinen dass es dieser kleine Faktor war, der diese grausamen Morde hätte verhindern können.
Wo steht irgendetwas davon, dass man sich nicht lokale Freunde gemacht hätte ?
Wo steht etwas von 3 Wochen oder dem "Andern von Riten" ?
Wo lesen sie, dass keine ortskundige Fachleute vor Ort waren ?
Kann einem ja das Blut kochen, bei so viel... "Naivität", um es mal glimpflich zu formulieren...

Gekürzt. Wir wünschen uns eine lebendige Debatte, aber bleiben Sie bitte sachlich. Danke, die Redaktion/sg

Ich würde mir nicht anmaßen, über Schuld zu sprechen. Die Europäer, die dort hinfahren haben versucht, etwas Sinnvolles mit und für die Menschen dort zu unternehmen. Wie das gelingen kann, darüber kann man streiten - aber nicht meckern, wenn man hier auf der Couch sitzt und gar nichts tut, verdammt. Wie könnte die Welt aussehen, wenn jede/r hier nur einen Bruchteil der Verantwortung für den Rest der Welt übernähme, die diese Leute übernommen haben. Und dass sie sich nicht vorher überlegt haben, dass dort ein Völkermord passieren könne, kann man ihnen nicht vorwerfen.
Ich glaube nicht, dass ihnen jemand die Schuldfrage abnehmen kann. Aber ich denke, dass ein Stück davon auch irgendwo vor meiner, Ihrer Tür liegt. Wer von uns entscheidet sich nicht täglich, dass das "gute Leben, das die Europäer im Norden von...." führen, ihm/ihr wichtiger ist, als für das Leben der Millionen zu sorgen, die allein nur verhungern. Entscheiden wir nicht täglich so, bloß mit paar tausend Kilometern mehr dazwischen?

Man kann keine unerfahrenen Leute nach Afrika schicken, in einem 3Satbericht war das gut dargesetllt, 4 junge Leute, unter 30, wollen in einem afrikanischen Dorf deutsche Normen einführen und die Dorfstrukturen verändern, die jungen Leute wissen garnicht, in welcher Gefahr sie schweben und habsén es nur ihrem Dolmetscher zu verdanken, dass ihnen die Einheimischen nicht das Haus anzünden, Hallo, wer glaubt denn, dass die armen Schwarzen auf Weise gewartet haben, die WEisen haben sicher zuviel von Edgar Wallace Afrikagecshcihten gelesen