Gesellschaftskritik: Neue Adjektive braucht das Land

Die Glosse Gesellschaftskritik ist nicht mehr die jüngste. Und was macht man in fortgeschrittenem Alter? Man beschwert sich über die Entwicklung der Sprache. Zum Beispiel über ein Wort, das in den letzten Jahren eine steile Karriere hingelegt hat: "krass". "Krass" ist wohl das ultimative Adjektiv für eine haltungsvermeidende Gesellschaft: Ist etwas "krass", ist es besonders, auffällig, extrem – aber worin diese Besonderheit liegt, und ob die gut oder schlecht ist, das vermeidet man zu sagen. Da bleibt "krass" einfach krass unpräzise, was den praktischen Nebeneffekt hat, dass man es vermeidet, mit seinem Gegenüber in Konflikt zu kommen. Wenn man selber etwas schlimm findet und es "krass" nennt und der Gesprächspartner es super findet und "krass" nennt, hat man trotzdem das Gefühl, einer Meinung zu sein. Ein Wort also, hinter dem man sich ganz gut verstecken kann. Und das alle anderen Adjektive langsam verblassen lässt.

Ein Adjektiv für alles? Wir von der Gesellschaftskritik protestieren: Das darf nicht sein! Das heißt jetzt nicht, dass wir an den alten Worten festhalten wollen, so konservativ sind wir nicht. Dass Sprache sich entwickelt, haben wir begriffen. Wir wollen uns daher an den Schweden orientieren, die bei neuen Wortschöpfungen sehr kreativ sind: Im schwedischen Wörterbuch steht seit einiger Zeit das Verb "zlatanieren", abgeleitet vom Fußballer Zlatan Ibrahimović, es bedeutet so ungefähr "stark dominieren, dabei ordentlich was riskieren und ruhig auch mal die Klappe aufreißen". Eine Haltung, für die es im gleichmacherischen Schweden vorher wohl keinen Ausdruck gab.

Neue Wörter braucht das Land! Schließlich fehlen auch im Deutschen für einige auffällige Verhaltensweisen präzise Ausdrücke. Hier einige Vorschläge von uns an die Duden-Redaktion für das Wörterbuch von übermorgen:

matthäisieren (Verb): jungen, langbeinigen osteuropäischen Frauen nachstellen, die einen als Sprungbrett für die eigene Prominenz benutzen und dann schnell wieder sitzenlassen (siehe auch: Matthäus-Passion)

schönebergern (Verb): dauernd mit den eigenen Gewichtsproblemen kokettieren, wohl wissend, dass sowohl Männer als auch Frauen diese Proportionen (aus unterschiedlichen Gründen) gut finden (engl.: fishing für compliments)

großkreutzig (Adj): 1. sich leidenschaftlich für etwas einzusetzen, dem man seit Kindestagen anhängt; 2. nicht davor zurückschrecken, Konkurrenten anzupöbeln

Synonyme: keine (das frühere Synonym "neuern" hat seine Bedeutung verloren und bildet jetzt mit dem Adjektiv "götzig" eine neue Wortgruppe)

lanzen (Verb): etwas Althergebrachtes, Vertrautes, einstmals Geliebtes durch schlechte Behandlung abschaffen

vandervaartig (Adj): Beschreibung eines betrügerischen Verhaltens, z.B einer Affäre mit der besten Freundin der eigenen Frau ("Das war so was von vandervaartig!")

pilawern (Verb): Synonym für wegmoderieren

kubickig (Adj): Eigenschaft des vorpreschenden Verhaltens ohne Rücksicht auf die Gruppe, wird zumeist bei Provinzfürsten beobachtet (siehe auch: "brüderlig")

sammern (Verb): oberlehrerhaftes Mahnen, ironiefrei vorgetragen, mit maßregelndem Ton

bohlen (Verb): als Kritik getarntes hämisches Lästern, das aber nur auf Schadenfreude abzielt ("Der ist richtig gebohlt worden!")

bushidös (Adj): 1. jemand, der so tut, als würde er gegen alles und alles gegen ihn sein, zugleich aber an Quizshows teilnimmt; 2. jemand, der alles und jeden beleidigt und dafür den Integrations-Echo bekommt

Ihnen fällt noch was besseres ein? Krass! Her damit.

Kommentare

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Gestern grasz und heute krass ... und morgen exkrasstiniert. Häßlich, ich bin so gräßlich - ich bin ganz krass. Da hilft kein Kodo. Bologna la grassa, das fette (weil reiche!) B. oder doch die tödliche (weil arme!) B.-Reform? Doch nun, Studi, armes Tor - und ist so klug als wie zuvor. Soll heißen, gar nicht. Denn die Sprache, sie ist so tüüümlich - Schland wird schlaaandiger. Do hilft koa Neuer. Nix da: "Gott sandte seinen rohen Kindern Gesetz und Ordnung, Wissenschaft und Kunst, begabte die mit aller Himmelsgunst, der Erde grasses Los zu mindern" (Goethe, wer sonst. Grass?!). An anderer Stelle steht bei G. "krasses Loos" - selber Text, aaah. Das Fehlen sprachlicher Präzision = Erfolg in der Kommunikation (Bingo, liebe Autorin): Jeda(aaah!) denkt sich sein Teil - und gibt es nur zu Teilen preis. Barbara S. la grassa - krasses Teil. Und schon bei Kerner auf der Bank: Hinreichend große Projektionsfläche, ach was! Die Studi-Sprache um 1800 hat lat. crassus mit ahd. grasz (spitz, böse) verschmolzen - janz klammheimlich (aus lat. clam, heimlich und ... eben). Auf der Insel streitet sich Oxbridge um den "Snob" - "s(ine) nob(ilitate)" oder schottischer Lehrjunge. Much kudos to you! Dann lieber "zlatkoisiert" (2000) - weil der mazedonische Automechaniker Shakespeare ablehnte - schon vergessen? Das ist ja unterirdisch, weil "grottenschlecht"! Kickeralltag ist wieder da. Ooch, der arme Krott (= Kröte).

Ich beschwere mich auch über die Entwicklung der Sprache. Zum Beispiel über einen Satz wie diesen: "Zum Beispiel über ein Wort, dass in den letzten Jahren eine steile Karriere hingelegt: "krass"" Da stecken leider gleich zwei gravierende Fehler drin: 1. ein Wort, DAS (Relativpronomen mit einem s), 2. hingelegt HAT (Hier fehlt das Hilfsverb fürs Perfekt).

Nicht nur guten Stil, sondern auch korrekte Rechtschreibung braucht das Land.

Was besseres als den Sprachtod findest du überall - krähte der Hahn. Sie haben es nicht anders gewollt - na denn ... husch, husch ins Kemper-Körbchen!
Jogianer (Substantiv, fast nur maskulin): Juligefallene HosianJogis, vormals skeptisch bis abfällig schmähfreudige Zeitgenossen (von einem anderen Stern Maulmeck), die sich für Kick(er)-Experten halten, aber ihre Umgangsformen gegenüber redlich sich bemühenden vormals "Rumpelfüßlern" (nunmehr: Rasen-Luftgeister und Gauchiburschen) schon beim ersten Blick auf die SpOtz-Online in die Tonne traten. Bekehrt nach mehreren Erweckungserlebnissen (incl. Anmeldung zur nächsten Herztransplatation) und Auswechselbädern, an deren Ende der Ausruf stand: "Jogi, du bist ein Fußball-Götze!" und der öffentlich abgelegten Confessio: "Ich will nie mehr keine anderen Götter nicht neben dir haben!" (kunstvolle dreifache Verneinung!), welche in eine wüste Renegatentirade umschlägt, sobald a) die Argentinien-Revanche nicht mit 3-3,5 dauerverletzten Argies und/oder b) dem Rücktritt des Angebeteten in ein Drittweltland sich schließt. Merke: Jogianer ändern sich nie - es sei denn ihren Namen, ihr Outfit, ihre Schlachtgesänge. Das aber fällt nur anderen auf.

Paul von Arnheim
#4  —  17. Juli 2014, 16:34 Uhr

Wörter, die das Land nicht braucht

Kemper bedauert zu Recht, dass die Simplifizierung durch „krass“ und Konsorten dem Deutschen viel von seinem Charme nimmt und kontert mit der Idee, aus Prominamen Adjektive und andere Wörter zu machen. Sehr hübsch.

Douglas Adams, John Lloyd und Sven Böttcher haben aus Ortsnamen neue Wörter gebildet und unter dem Titel „Der tiefere Sinn des Labenz“ ein „Wörterbuch verfasst (Rogner Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg 1992). Aachen ist das Verb für „seinen Namen ändern, um eher dran zu kommen“. „Eine Samenzelle, die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Bankkaufmann entwickeln wird“, ist ein Absam (das).

So nötig das Land neue Wörter braucht, so unnötig sind andere. „Familienvater“, „Frauenmörder“ und „Afroamerikaner“ sind logische No-Gos, weil es keine „Familienmütter“, „Männermörder“ und „Euroamerikaner“ gibt. Denn die gibt es nicht, weil in der Sprache Männer wichtiger sind als Frauen, Weiße wichtiger als Schwarze und die Vereinigten Staaten von Amerika wichtiger als die anderen amerikanischen Staaten: Ein Amerikaner ist ein weißer US-Amerikaner (oder ein Gebäck), Mörder bringen Männer um und ein Familienvater ist wörtlich übersetzt Besitzer und Namengeber der Ehefrau und der Kinder.

Weil man etwas, aber nicht jemanden missbrauchen kann, verbietet sich das Wort Missbrauch im Zusammenhang mit Menschen: "Kindesmissbrauch" gehört sich auch sprachlich nicht.

Zuviel der deutschen Wörter ist schließlich „Lebensgefahr“, weil damit „Todesgefahr“ gemeint ist.