Gesellschaftskritik Gerechtigkeit für Rollkoffer

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Sehr, sehr selten wird unseren, in den Höllen des Vermischten geschundenen Seelen eine Pause gestattet. Neulich aber war es soweit. Die Hemden waren gebügelt, die Kragen gestärkt, der Spazierstock war bereits in alle Literaturdebatten eingewickelt, die die Welt so anzettelt, wir waren eingecremt und hatten alle Sätze von Peter Sloterdijk ausgeschnitten, die wir auf eine einsame Insel mitnehmen würden – als uns plötzlich ein Hyperventilationsbeauftragter der Lokalpresse die Reisepläne verdüsterte: Der Rollkoffer sei das neue "Hasssymbol der Hauptstadt". Ein Grollkoffer sozusagen. 

Dieses Gepäckstück werde bevorzugt von Partytouristen verwendet. Angeblich grölen sie abends in Horden, pinkeln und kotzen, und weil der Berliner abends gerne auch grölt, pinkelt und kotzt, gibt es nicht mehr genügend Hauseingänge, in denen er das tun kann – zumindest haben wir das so verstanden.

Und dann seien da diese Koffer, die über das mondscheingesalbte Kopfsteinpflaster klappern, was natürlich empörte Anwohner auf den Plan ruft und auch eine maulige Bezirksbürgermeisterin, die allen Besuchern künftig empfiehlt, Gummirollen unter ihr Gepäck zu montieren und generell sei es an der Zeit, über Benimmregeln für Touristen aus aller Welt nachzudenken.

Über das ohnehin spezielle Verhältnis des Deutschen zu Touristen sei nur soviel gesagt, dass selbst deutsche Touristen sich für ihresgleichen im Ausland schämen, oft sogar so arg, dass die Beschämten anfangen, in Lotharmatthäusenglisch zu sprechen, um für Holländer oder Franzosen gehalten zu werden, aber bloß nicht für die Landsleute, die in der Warteschlange gerade Hackbällchen enttuppern. 

Blaise Pascal hat ja einmal bemerkt, dass das Elend des Menschen anfing, als der sein Zimmer verließ. Gut möglich, dass Pascal den Reisenden damit meinte. Doch es erscheint ebenfalls denkbar, dass er damit vor allem die Schlepperei beklagte, die eine Reise mit sich bringt. Wer nicht aus einer Eduard-von-Keyserling-Novelle gefallen ist, weiß, wovon wir reden. Man verfügt heute eben im Allgemeinen über keinen eilfertigen Büttel, der einem den Kram ins Hostel trägt, während man sich mal kurz im Berghain oder beim Griechen amüsiert. Und irgendwann ist man nicht mehr immatrikuliert genug für Wanderrucksäcke. Man sieht mit solch einem Rucksack sowieso aus wie ein zu groß geratener Grundschüler. 

Deswegen könnte man den Rollkoffer, wie ihn auch die hübsche Diane Kruger gern benutzt, als größte individuelle Errungenschaft des Transportzeitalters feiern und sein Rattern als Grundrhythmus, in dem sich der Mensch heute bester Stimmung durch die Welt bewegt, während die anderen mit schlechter Laune in ihrem eigenen Mief den Lärmschutzwächter spielen. Die Frage lautet ja ohnedies nicht "Wie viele Koffer verträgt der Mensch?", sondern eher "Wie viel Mensch verträgt der Koffer?": Verschwitzte Blusen, mürbe Socken, und sowieso nimmt man ja immer zu viel mit. Das Rattern des Koffers ist so gesehen das Ächzen und Seufzen unter der Last, die wir ihm zumuten. Wer wollte ihm das verübeln? 

Bevor wir uns also leichtfertig überlegen, ob nicht Trolleytroll ein angemessenes Schimpfwort für all jene wäre, die so einen Container hinter sich herziehen, gedenken wir einmal kurz der armen Hartschalen, Reißverschlüsse und Griffgestänge und wer mag, darf von nun an auf jede Häuserwand schreiben: Gerechtigkeit für Rollkoffer!

So, jetzt müssen wir leider los, der Flieger, Sie wissen schon.

Kommentare

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Besser Schweizer als Franzose

Wenn sie sich schon als Nicht-Deutscher ausgeben möchten, würde ich empfehlen eine Schweizer zu imitieren. Schweizer Hochdeutsch ist ähnlich genug um auch ohne Sprachanpasssung z.B. einem Griechen den Schweizer vorzutäuschen. Ein paar lokale Gegebenheiten - man arbeitet bei ABB in Baden in der Nähe von Zürich - und die Maskerade ist perfekt.

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