Gesellschaftskritik: Und Putin weint

© Reuters/​Alexei Nikolsky/​RIA Novosti/​Kremlin
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Neulich fiel uns bei einem schwer atmenden Rotwein etwas von Hegel ein, das wir an dieser Stelle gerne teilen beziehungsweise sharen wollen, weil die Gesellschaftskritik eine saumoderne Kolumne ist. Hegel sagte, dass Haltungslosigkeit "hässlich und widrig oder lächerlich" sei, vor allem, wenn sie sich in Tränen niederschlage, im Weinen. Hegel war bekanntlich das Gegenteil eines menschlichen Zimmerspringbrunnens, und so sehr er auch die "heitere Ruhe und Seligkeit" schätzte, so sehr verachtete er die leidende Schöntuerei und den haltlosen Jammer. 

Auch heute haftet den Tränen, den öffentlichen zumal, ein Makel an. Die Welt ist so gesehen längst zum Kasernenhof verkommen, und wer wüsste das besser als Wladimir Putin, über den wiederum das Investigativorgan Bild ein Video, Verzeihung, gepostet hat. Als bei einem Staatsempfang in der Mongolei die russische Hymne gespielt wird, bekommt Putin vor Rührung feuchte Augen, die er sich mehrfach ergriffen reibt. Die Häme in den sogenannten Online-Foren ist ihm fortan natürlich sicher. 

Denn die pausenlos am Falschen im Falschen interessierte Öffentlichkeit hat aufgehört, dem Weinenden die Echtheit seiner Tränen zu glauben. Hinter allen ungezügelten Affekten vermutet sie Inszenierung und Schauspiel, zumindest einen Widerspruch, wovon nicht nur die Mächtigen betroffen sind: Jaja, selbst foulen, aber sich auf dem Boden herumwälzen. Jaja, die Freundin betrügen, aber heulen, wenn sie Schluss macht. Jaja, Wagners Götterdämmerung hören, aber beim Zahnarzt um eine Spritze bitten. 

Es bleibt unklar, was Putins Tränen begünstigte, ob das Orchester falsch spielte, der Wind des Wandels in der Mongolei so unerbittlich blies oder ob es später schlichtweg zu jener Entschuldigung kam, die seit Jahrhunderten die eigene Manneshärte über jedweden Zweifel erhebt: Verzeihung, ich hatte nur ein Stück Rinde im Auge. Die russische Bevölkerung hat jedenfalls von Putinleaks nichts erfahren. 

Für das heimische Fernsehen wurden die betreffenden Szenen herausgeschnitten, weswegen die Bild-Zeitung nun spekuliert: "Soll die Welt ihn in der Krise nicht weinen sehen?" Und erwarten Sie jetzt hier keine Antwort auf diese Suggestivfrage, zu der sich vielleicht Näheres im letzten Buch von Peter Scholl-Latour finden lässt, das wir zu diesem Zeitpunkt zuverlässig noch nicht gelesen haben. Wir mussten unser herzdurchglühtes Gemüt nach so viel Aufruhr erst einmal Heinrich Heine zuwenden, der uns gefühlsmäßig viel näher steht als der eiserne Hegel: "Aus meinen Tränen sprießen / Viel blühende Blumen hervor / Und meine Seufzer werden / Ein Nachtigallenchor." So ist es nämlich. Und wer jetzt nicht weint, wird es lange Zeit nicht tun.

Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren
.Wohlstandsdiabetes.
#3  —  10. September 2014, 11:02 Uhr

Das ist das Einzige was Putin gefährlich werden könnte.
Nicht die Sanktionen des Westens.
Sondern das Zerbrechen an der eigenen Größe.
Ich kann mir schon vorstellen, dass die Hymne Putin emotional mitgenommen hat.
Er ist Herrscher über eine der größten Nuklearmächte der Welt.
Ein Raumfahrtnation.
Eine Kulturnation.
etc.

Wie kann ein einzelner Mensch so viel Last tragen?