Endlich Vintage! Einen Dong für die Alterslosen

Aus der Serie: Beziehungen

Auch wenn so einiges an mir zu knittern beginnt, sich fältet oder sonst wie verrutscht – an vier Stellen bin ich so gut wie neu. "Guckt mal, ob ihr sie findet", würde ich quietschen, wenn wir bei RTL wären. Okay, sie sind etwas versteckt – es handelt sich um M 45/46/47 sowie M 35. Perlmutt schimmernde, wegen ihrer Glätte mit der Zunge gern liebkoste, aus cremig weißer Keramik geformte Backenzähne, drei links, einer rechts unten. Zirkonkronen. "Die halten jetzt", sagte mein Zahnarzt, der durchgestählt wirkende Christian H., "um die werden Sie sich nicht mehr kümmern müssen".

So entstand eine kleine Pause. 

Nicht mehr kümmern müssen? Ich öffnete unaufgefordert den Mund und schloss die Augen, um mit dieser fischartigen Position Lautlosigkeit zu markieren. Hatte er sagen wollen, dass die neuen Zähne es länger machen als ich? Dass die Lebenserwartung von Keramikzähnen über meiner liegt? Ob er das tröstlich fand, angesichts einer Rechnung, die ebenfalls deutlich über den von mir vermuteten Pegel gerutscht war? War an eine Wiederverwertung gedacht?

Es ist ungewohnt, in Konkurrenz zu den eigenen Zähnen zu treten. Zirkon ist ein biokompatibler Wirkstoff. Nun, das trifft natürlich auch auf mich zu. Sieht man aber auf einer Zirkon-Seite im Netz nach, wird man nachdenklich: Damit die Zirkonkrone im Mund nicht zu stark leuchte, heißt es, werde auf die Krone eine dünne Keramikschicht aufgetragen, welche die Helligkeitswerte senke, anschliessend eine Art Schmelzschicht appliziert, was eine unterschiedliche Transluzenz ergebe… So viel Sorgfalt! Würde dem Rest von mir auch gut tun, hier ein bisschen gedimmt zu werden, dort ein wenig gehighlightet.

Im Nachhinein kommt es mir sogar so vor, als hätte mein Schöpfer oder besser meine Mutter schon in der ersten Runde bei Zirkon ein bisschen abgekupfert und mich optimiert ausgeliefert, also haltbarer. Die beiden Zirkon-Damen jedenfalls, die mich – eine dunkel, eine blond – mit ihrem transluziden Gebiss aus meinem Mac Air heraus anlächeln, sehen top glasiert aus. In dieser alterslosen Liga zwischen – dreißig? Vierzig?

Wie die eine mit beiden Händen ihr Gesicht umfasst, in fassungslosem Entzücken, die andere die Wange weich auf ihre waagerecht zum Bildausschnitt liegenden Hände bettet – macht einen grad ein bisschen aggressiv. Okay: neidisch. Man ist gereizt, dieser perligen Verteidigungsministerinnenhärte einen kleinen DONG! zu versetzen. Wie genau? Also man könnte erzählen, was neulich Uli beim Klassentreffen erzählte: Wie sein Freund, der Versicherungsagent, mit den Ahnungslosen umgeht, wenn sie lächelnd auftauchen, um mal schnell eine Lebensversicherung abzuschließen. 

Für diesen Fall bewahrt Ulis Freund in der Schublade seines Schreibtischs ein altmodisches Zentimeterband auf, so eines wie von Mutti.

Der Trick geht so: Man fasst das Zentimeterband an einem Ende mit der Linken und hält es hoch, mit Daumen und Zeigefinger fasst man um die Zahl, welche die durchschnittliche Lebenserwartung ist– für meinen Jahrgang (so in den Fünfzigern) bei 70. Oder bisschen drunter. Beziehungsweise drüber. Durchschnitt ist ja keine Garantie. Vierzigjährige kriegen jedenfalls fünf Jahre mehr, Fünfzigjährige aber nur vier. Männer? Können gleich fünf Jahre abziehen. Sorry.

Man knallt dann das Zentimeterband vor sich auf den Tisch – und lässt alles von der Platte in die Tiefe runterrutschen, was schon weggelebt ist. Man sieht dann, was übrig ist. Voilà – die Vintage-Jahre. Was haben wir gelacht! Jetzt mal ernst: Wovor sollte man sich noch fürchten?!

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