Digitale Familie Die Drohne über dem Herd

Aus der Serie: Beziehungen

Der große Sohn aktiviert die vier Rotoren. Sofort erfüllt ein aggressives Summen die Luft, ein Geräusch wie aus unguten Träumen. Das rote Fluggerät steigt auf und schwebt stabil in der Luft. Es fliegt nach vorne, zur Seite, weiter nach oben, schließlich fährt es die Wand hoch und unter der Decke entlang. Wir haben offensichtlich ein Pilotentalent unter uns  – das 15 Jahre alt ist, auf dem Sofa sitzt und mit seinem Smartphone eine Drohne durch die Wohnküche jagt.

Direkt über dem Herd löst er die Kamera aus. Auf dem Foto ist nur ein Teil meines Körpers zu sehen, aber immerhin: mein erstes Drohnen-Selfie! Kinder können einen so unverhofft glücklich machen.

Man entdeckt am Nachwuchs ja immer gern neue Talente, die sich vielleicht sogar beruflich ausbauen lassen. Drohnen sind schließlich eine Zukunftsbranche. "Der extremste Bürojob der Welt", schrieb das Vice Magazine kürzlich über den Alltag eines jungen Mannes, der von North Dakota aus Überwachungsdrohnen für das US-Militär fliegt. Der Job bringt geregelte Arbeitszeiten, kurze Anfahrtswege und Aufträge weltweit mit sich – aber auch posttraumatische Belastungsstörungen.

Selbstverständlich wollen wir keinen der drei Söhne zum Militär schicken, sondern ihnen lieber den sehr lustigen und sehr beunruhigenden Auftritt des Satirikers John Oliver zu den US-Drohnen-Einsätzen etwa in Pakistan zeigen. Oder den umfangreichen Essay über unbemannte Flugobjekte im New York Magazine mit ihnen diskutieren. Aber immerhin ist es beruhigend zu sehen, dass die Erfahrungen der Jungs mit Autorennspielen und Flugsimulatoren auf dem Handy offensichtlich noch nützlich sein können.

Mein eigener Jungfernflug verlief nämlich ganz anders: Die Drohne surrte, stieg auf und knallte gegen die Wand. Ich versuchte es noch einmal: Sie surrte, stieg auf und rauschte gegen die Julian-Assange-Biografie im Bücherregal. Ich stellte das Experiment ein. Es war schon spät, und ich wollte dem mittleren Sohn nicht das Geburtstagsgeschenk demolieren, das er am nächsten Morgen bekommen sollte.

Das Kind ist vor Kurzem neun geworden, und da schien mir eine Drohne ein angemessenes Geschenk zu sein. So zeitgemäß. Früher bekamen Jungs Modelleisenbahnen, ein Taschenmesser oder ferngesteuerte Autos, heute eben eine Drohne. Kleine rote Flugmaschinen mit rot leuchtenden Augen, denen man fiese Robotermünder aufkleben kann – perfekt für Neunjährige. Für erwachsene Männer mit ausgeprägtem Spieltrieb auch

Beim ersten Outdoor-Einsatz im Park stellen das Geburtstagskind und ich fest, dass echtes Fliegen schwieriger ist als gedacht, also inklusive Wind und Bäume. Auch der Neunjährige schlägt sich ganz gut am Steuer-Smartphone, nur einmal muss die Familie in Deckung springen vor der roten Hummel. Dann ist der Akku aber auch schon wieder leer. An die aufregenden Aufnahmen, die wir aus der Luft aufnehmen wollten, haben wir vor lauter Aufregung gar nicht gedacht.

Doch der kurze Flug hat ausgereicht, die Familie ist im Drohnen-Fieber. Die Einsatzgebiete erscheinen uns schier endlos: Die Kinder von der Schule und von der Kita abholen – kann in Zukunft doch die Drohne erledigen. Wir müssen uns nicht mehr bei der Babysitterin per SMS erkundigen, wie es auf dem Spielplatz läuft – wir schicken die Drohne. Und wenn beim nächsten Kindergeburtstag bei uns in Prenzlauer Berg wieder Bionade und Champagner ausgehen, steuern wir eben die Drohne zum Spätkauf.

Der Große will nun auch eine, wir sichten Modelle, Akkulaufzeiten und GPS-Module. Und wir sehen uns an, was man damit filmen kann. Es steht fest: In den nächsten Urlaub nehmen wir eine fliegende Kamera mit. Und für die zweite Staffel der Serie Boys looking at fotografieren wir die Jungs aus der Luft. Bis dahin muss ich nur noch fliegen lernen.

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