Fehlerlesen: Wovon ein Korrektor träumt

© Mónica Rodriguez
Aus der Serie: Fehlerlesen

Sein 16. Fall

Die englische Schauspielerin Rosamund Pike erzählt in der Serie "Ich habe einen Traum" über ihr Nachtleben, das manchmal im Flug vergeht:

Fliegen bedeutet Freiheit, es hat etwas Todesverachtendes. Wenn wir in unseren Träumen fliegen, überwinden wir die Schwerkraft, die Zeit und den Tod. Diesen Traum träume ich häufig in Zeiten, in denen mein Leben in neue Bereiche vorstößt. Er ist ein Signal für einen Aufbruch und hinterlässt immer ein gutes Gefühl nach dem Aufwachen.
Auch sonst erinnere ich mich häufig an meine Träume, wenn ich wach werde, habe ich meist ein sehr klares Bild des Traumes vor Augen. Aber wenn ich dann versuche, dieses Bild in Worte zu übersetzen, spüre ich oft, wie es sich mir entzieht und seine Klarheit verliert.

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Redaktionsempfehlung Oliver Voß
#1.1  —  7. Oktober 2014, 11:57 Uhr

Oh, das wollte ich nicht suggeriert haben:
Wenn ich schreibe, dass "Frau Pike diese beiden Sätze eng zusammenhängend geäußert" hat, dann meine ich damit natürlich eher "diese beiden Aussagen" (und zwar auf Englisch statt auf Deutsch).

Im ZEITmagazin steht unter den Traumtexten als Autorzeile übrigens immer "Aufgezeichnet von X. Y.", es sind also offenbar mündliche Interviews, aus denen die Redaktion im Nachhinein einen Text kondensiert.
Und ich würde schwer davon ausgehen, dass das Gespräch mit Frau Pike auf Englisch geführt wurde - streng genommen müsste in solchen Fällen also drunterstehen: "Aufgezeichnet und übersetzt von X. Y.". Aber das setzen die Kollegen vom ZEITmagazin dann wohl genauso voraus wie ich nun in meiner Kolumne.

Außer an dem fehlenden Semikolon (oder Gedankenstrich/Punkt ...) habe ich mich an dem Mix aus Plural/Singular von Traum gestört:
„Auch sonst erinnere ich mich häufig an meine Träume, wenn ich wach werde, habe ich meist ein sehr klares Bild des Traumes vor Augen.“

„...Signal für einen Aufbruch....“
Es gibt nicht mehrere oder verschiedene Aufbrüche.
Deshalb fände ich besser: „Er ist ein Signal für Aufbruch ...“

Bei „spüre ich oft“ finde ich das „oft“ überflüssig; überhaupt gibt es zu viele Füllwörter „...auch ... sonst ... häufig... meist ...” in einem Satz ....

Kleinigkeit: Im ersten Satz klingt es für mich, als würde auch Freiheit etwas Todesverachtendes haben (auch wenn Komma und kein Doppelpunkt oder Gedankenstrich gesetzt wurde, es also eher Aufzählung sein soll)

„... in denen mein Leben in neue Bereiche vorstößt.“
Ein Leben kann nicht in neue Bereiche vorstoßen. Neue Bereiche können sich vielleicht eröffnen, Veranderungen sich ergeben, Möglichkeiten sich anbieten, die dann die Person ergreift etc, aber das Leben selbst ist kein Objekt, dass sich aktiv bewegt und auf Erkundung geht ...

Je öfter ich den Absatz lese, umso mehr fällt mir auf (geht anderen vielleicht auch so ...), vieles mag subjektiv sein und realiter gibt es verschiedene gleichwertige Lösungen.

Wie immer Danke an Oliver Voss für die Gedankenanregungen zum Sprachgebrauch!

Bedauerlicherweise steht das Semikolon auf der Roten Liste gefährdeter Arten.

Es muss jedoch noch auf eine andere Kleinigkeit eingegangen werden: "Es hat etwas Todesverachtendes."

Auch wenn es vielen Menschen logisch erscheint, aus der "Todesverachtung" ein Partizip "todesverachtend" abzuleiten, ist es nichtsdestotrotz falsch.

Man leitet aus der "Todesqual" ja schließlich auch kein "todesquälend" ab, sondern "zu Tode quälend", wer unter "Todesangst" leidet, "ängstigt sich zu Tode", wer eine "Todesahnung" hat, ist deswegen noch lange nicht "todesahnend", und der "Todesschrei" wird nicht von einem "Todesschreienden" ausgestoßen.

Korrekt sollte es daher heißen: "(den) Tod verachtend", folglich "es hat etwas (den) Tod Verachtendes". Nach neuer Rechtschreibung kann man es auch nicht zusammenziehen.

Mit "todesverachtend" ist aber eigentlich ohnehin "todesmutig" gemeint: "Es hat etwas Todesmutiges".

Wenn man wirklich Wert auf die Verachtung des Todes legt, dann hat es "etwas von Todesverachtung".