Andersrum ist auch nicht besser: Die Lesbe in mir

Aus der Serie: Beziehungen

Neulich las ich ein Interview mit einer Tierärztin. Es ging darum, welche Tiere man zusammen in einem Käfig halten kann. Niemals Kaninchen mit Meerschweinchen, sagte sie. Auch wenn die beiden Arten sich irgendwie ähnlich sähen, würden sie sich nicht verstehen. Keine Kommunikationsbasis. Die Ärztin wählte ein drastisches Bild: Das sei so, als würde man einen Menschen mit einem Gorilla in ein Zimmer sperren. Mir fiel noch ein Vergleich ein: Das Meerschweinchen muss sich fühlen wie ich, wenn ich auf Lesben treffe.

Ich will damit nicht sagen, dass sich lesbische Frauen in meiner Gegenwart je wie Menschenaffen aufgeführt hätten. Sondern: Ich verstehe Lesben nicht. Und sie verstehen mich nicht. Ich kann nicht nachvollziehen, warum viele von ihnen aussehen wie Justin Bieber. Und Lesben verstehen nicht, warum ich Golden Girls mag. Ich wage zu behaupten: Schwule und Lesben haben generell nur begrenztes Verständnis füreinander.

Die Erklärung ist wohl, dass es keine gesellschaftliche Gruppe gibt, mit der ich als Schwuler weniger Gemeinsamkeiten habe: Mit Hetero-Männern eint mich, dass wir Männer sind. Mit Hetero-Frauen teile ich das Interesse an Männern. Lesben und Schwule verbindet allenfalls, dass sie sich nicht durch Sex fortpflanzen.

In der Hetero-Welt scheint das noch niemandem aufgefallen zu sein. Alexander Dobrindt von der CSU bezeichnet Schwule und Lesben gemeinsam als schrille Minderheit. Dabei kenne ich keine einzige Lesbe, die sich mit dem Attribut "schrill" beschreiben ließe. Die meisten zeichnen sich eher durch etwas aus, was ich "nüchterne Geselligkeit" nennen möchte.

Um zu verstehen, wie Lesben ticken, habe ich mir den Film Blau ist eine warme Farbe angesehen. Die Liebesgeschichte der beiden Frauen packte mich, lachend und weinend saß ich im Kinosaal. Vor allem aber beeindruckten mich die ausführlichen Sexszenen, mit offenem Mund starrte ich auf die Leinwand und dachte: So geht das also! Jetzt glaubte ich, alles verstanden zu haben.

Doch danach musste ich lernen: Lesben auf der ganzen Welt empören sich über diesen Film. Sie sagen, lesbischer Sex werde hier völlig unrealistisch dargestellt, nämlich als lüsterne Hetero-Männer-Phantasie. Ich war überrascht, dass selbst beim Thema Lesbensex mein erotisches und ästhetisches Empfinden eher dem eines Hetero-Mannes entspricht, als dem einer durchschnittlichen Lesbe.

Mir war beim Schauen nicht einmal aufgefallen, dass ein Mann diesen Film gemacht hatte. Für die Lesben muss der Film so gewesen sein, wie wenn ich mir einen schwulen Liebesfilm angucken müsste, bei dem eine Hetero-Frau Regie geführt hat: Die Schwulen wären die ganze Zeit nett und zuvorkommend, hielten einander die Tür auf und schenkten sich kleine Aufmerksamkeiten. Schlimme Vorstellung.

Vielleicht sollte ich mal auf eine Girls-only-Party gehen, aber ich traue mich nicht. Ich habe Angst, dass die lesbischen Frauen dort nicht begeistert über mein Erscheinen sind. In meiner Vorstellung schubsen sie mich auf der Tanzfläche umher und schütten mir Bier in den Nacken. Sicher ist meine Angst nur Resultat übler Vorurteile. Aber ganz allgemein darf ich sagen, dass mir Lesben Respekt einflößen. Weil ich mir als schwuler Mann unter ihnen immer vorkomme wie eine verzärtelte Topfpflanze.

Die Lesben, die ich kenne, lassen sich nichts gefallen. Die Lesben, die ich kenne, werden mir auf diesen Text mit wütenden Kommentaren antworten. Sie sind stolz und kämpferisch. Ich wäre gerne ein bisschen mehr Lesbe.

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