"Tatort"-Kritikerspiegel Besser als das wahre Leben?

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Shakespeare, Ulrich Tukur und 40 Leichen: Hat es das im deutschen Fernsehen schon gegeben? Kann das gut gehen? Unsere "Tatort"-Kritiker geben Ausblick auf den Krimiabend.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Die Filmgeschichte ist ein Fundus großer Momente, die besser sind als das wahre Leben. Von Truffaut bis Tarantino. Wir bedienen uns – und schaffen daraus neues wahres Leben. Der kleine deutsche TV-Krimi als große postmoderne Welterfindung.

Lars-Christian Daniels: Jetzt gebt uns endlich den Grimme-Preis, den ihr uns für den Frankfurter Tatort "Weil sie böse sind" 2010 noch verweigert habt!

Kurt Sagatz: Dass die Vergangenheit im historischen Kontext irgendwann zur Geschichte werden kann, im menschlichen Bereich jedoch niemals ganz vergeht, wie Ulrich Tukurs LKA-Ermittler Felix Murot erkennen muss.

Wolfram Eilenberger: Mater semper certa est (Die Mutter ist immer sicher). Der Rest ist Shakespeare.

Ulrich Noller: Wir lieben Theater... – Danke für Ihre Rundfunkgebühren!

Kirstin Lopau: "Intelligenz kann gefährlich sein." Oder ein zu ambitionierter Tatort-Drehbuch-Autor macht aus einem Krimi eine – fast möchte ich meinen: LSD-geschwängerte – Posse aus großer Oper, Shakespeare-Drama in fünf Akten und einer Tarantino-Splatter-Hommage. Sorry, das ist einfach grotesk. Ein Tatort ist ein Tatort ist ein Tatort – und kein Kunstwerk.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 9 Punkte
Lars-Christian Daniels:
10 Punkte
Kurt Sagatz
: 9 Punkte
Wolfram Eilenberger:
10 Punkte – nicht zu vergessen die Schurken!
Ulrich Noller:
7 Punkte
Kirstin Lopau:
Ulrich Tukur, Sie waren ein phantastischer Hamlet im Thalia-Theater, damals, als ich 18 war, aber ein Tatort-Kommissar sind Sie leider nicht: 1 Punkt

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Kommissar Murot schaut mit einem anderen Polizisten ein Überwachungsvideo, auf dem drei Gangster, von Kugeln getroffen, in den Staub sinken. Der Polizist: "Wie ein billiger Western." Murot: "Oder ein guter." Bringt diesen Tatort-Western gut auf den Punkt.

Lars-Christian Daniels: Der epische Shoot-Out mit über vierzig Leichen – natürlich zu stimmungsvollen Walzerklängen. Und etwa sechs Dutzend andere Szenen.

Kurt Sagatz: Der Quentin-Tarantino-reife Shoot-Out vor dem Spielcasino lässt selbst den Til-Schweiger-Tatort aus Hamburg alt aussehen. Eine derart ästhetisierte Orgie der Gewalt zwischen Gangstern und Polizei hat es in einem Sonntagabend-Krimi im deutschen Fernsehen noch nicht gegeben. Respekt für den Mut von Autor, Regisseur und Produzent.

Wolfram Eilenberger: Murot mit Schnellfeuerwaffe vor der Spielbank – verfremdet in ein Standbild irgendwo zwischen Sozialistischem Realismus und Sin City. Gewagt, groß, gelungen.

Ulrich Noller: Ein Tatort mit Erzähler – gewagt und gewonnen.

Kirstin Lopau: Der Abspann. Endlich.

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Schwerbewaffnete hessische Gangster, die eine Vorführung von Shakespeares Kaufmann von Venedig vorbereiten. So peinlich, dass es schon wieder Größe besitzt.

Lars-Christian Daniels: Der brennende Papierkorb – stört aber nicht im Geringsten.

Kurt Sagatz: Eine wirklich peinliche Situation gibt es nicht, dafür einige sehr emotionale Momente. Bewegend ist sicherlich, wie Murot/Tukur erkennt, um wen es sich bei dem Sohn seines Ex-Freundes wirklich handelt.

Wolfram Eilenberger: Dieser Tatort wagt viel und gewinnt alles. Peinlich im Sinne von schmerzhaft ist allein die Einsicht, was auch in Deutschland fernsehtechnisch möglich wäre. Aus dem Plot dieser Folge hätte HBO eine eigene Serie gemacht.

Ulrich Noller: Ein Tatort mit neunmalklugem Erzähler – gewagt und verloren.

Kirstin Lopau: Die Es-werde-Licht-Genesis-Ballett-Szene mit Laserpointer-Zielrohr-Punkt als Pas-de-deux-Partner von Ulrich Matthes.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 10 Punkte
Lars-Christian Daniels:
10 Punkte mit Sternchen
Kurt Sagatz
: 9 Punkte
Wolfram Eilenberger: 10 Punkte
Ulrich Noller:
7 Punkte
Kirstin Lopau: 2 Punkte, aber auch nur für die gute Musik des Symphonie Orchesters des Hessischen Rundfunks.

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ohja, das war durch die Bank ein kollektiv-männliches Bewerbungsschreiben, beim nächsten Hessen-Tatort mitzuwirken, als Tarantino-gewirkte Leichen: Bitte, bitte, besetzt mich .... Jetzt weiß ich auch, was HBO auf postmodern-tatortinisch heißt: Hessen-Baller-Out. Nur die Dame aus dem Reißwolf is not amused - der wiederum ist ein Besuch in Billy Wilders "Some like it hot" zu empfehlen, bei den Freunden der italienischen Oper. Aber ... n'dran-geht-se-nich. Warum nur? Sie ist wahrscheinlich noch von Samuel Fullers "Tote Taube in der Beethovenstraße" geschockt (hey, war auch ein Tatort, und nicht der schlechteste). Ein bißchen Schändung der Klassiker muß jedoch sein - das erzeugt Entrüstungsschnaufer auf der bildungsbürgerlichen Tribüne. (Hier goutiert man allenfalls Shakespeare-Stoffe im kriminalisierenden Lewis-Hathaway-Oxford, wo der verstorbene Inspector Morse Hinweise auf Polonius im Kreuzworträtsel gibt und Tolkien Banjo im Pub gespielt haben soll. Jenseits des Großen Teichs gibt es aber auch Koryphäen im Abreißblock. Jaja, der Chemielehrer Walter White ist dem Namen und dem Rauschfaktor nach verdammt nahe an Walt Whitman, jener amerikanischen Lyrikerlegende). Nun, manchem Kritiker schmeckt eben jeder Truffaut nach Trüffel - some call it pot.

donquichotte, ich habe mir erlaubt mal Ihren Kommentar zum Münster Tatort zu kopieren. Ich darf zitieren?

"Heißa, schrieb da Sauerbier - der Boerne tot, doch schon vor vier! Und ich Tatorttöter habe ihm zum medienkritisch begründeten Ableben verholfen. Aber doch nicht bei diesem Drehbuch (auf Dorothee Schön lasse ich nach wie vor nichts kommen): Da können die Krimi-Kritiker kriminell kritteln, was das Skalpell hält. Nach der Biopsie (und nochmaligem Anschauen der Probe) werden die Pointen (und die subtil gesetzten Übergänge, Wiederaufnahmen etc.) noch deutlicher. Das Klischee des Klamauks wird heftig bedient, so what - aber, liebe Kritiker - gleichzeitig dekonstruiert, die "Nummern-Revue" ist hervorragend durchkomponiert. Sollten da einige Arroganzlinge des schreibenden Gewerbes ihr Handwerk, das genaue Durchleuchten (Boerne at its best!), nicht beherzigt haben?! Wenn schon Attitüde, dann bitte doch mehrbödig (ganz recht, immer noch ein Stockwerk rauf oder runter) - und nicht so eine Plattfedergebrauchslyrikerhatz am proktologischen Genius loci vorbei."

Diese Zeilen haben mich wirklich berührt. Eigentlich hätten Sie doch gestern einen Hochgenuß verspüren müssen.
Oder verstehe ich die Kunst nicht? Liegt das dann an mir, oder der Kunst? Ist das Kunst- oder kann das weg?

Nach dem Tatort letzte Woche, der an Peinlichkeit und Fremdschäm-Momenten nicht zu übertreffen war, dieses edle Werk. Ich bin begeistert und hoffe ebenso wie Estorien, dass wir davon mehr zu sehen bekommen. Habe vor kurzem die Serien "true detective" und "fargo" gesehen und hätte mir nicht in meinsten kühnsten Träumen vorstellen können, dass ein Tatort an deren Qualität ein wenig anküpfen könnte.