Gesellschaftskritik: Ich kann mich nicht mehr sehen

© Robin Marchant/​Getty Images
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Es scheint, dass Mary-Kate Olsen ihrer Zwillingsschwester Ashley Olsen nicht länger zum Verwechseln ähnlich sehen möchte. Auf einer Wohltätigkeitsgala Anfang der Woche traten die prominenten Schwestern wie gewohnt Seite an Seite auf, dabei wirkte das Gesicht von Mary-Kate allerdings deutlich länglicher als das eher runde Gesicht ihrer Schwester Ashley.

Nach der Veröffentlichung dieser Bilder zogen viele bunte Blätter schnell den Vergleich mit der Schauspielerin Renée Zellweger. Deren Gesichtszüge hatten sich vor wenigen Wochen auf einer Preisverleihung weniger angriffslustig-pausbackig als früher und mehr zenmäßig-entspannt gezeigt.

Um zu belegen, dass das nicht nur "das Alter" sein könne, durften Schönheitschirurgen viele Pfeile auf Vorher-Nachher-Bilder malen und erklären, wo da überall ja wohl etwas aufgespritzt und anderes weggeschnitten worden sei. Zellweger selbst sagte, sie lebe einfach ein "anderes, glückliches, erfüllenderes Leben".

Uns von der Gesellschaftskritik ist es egal, was davon stimmt. Uns behagt einzig der Vorwurf nicht, Renée Zellweger sehe nicht länger aus wie ihr früheres Selbst. Mary-Kate Olsen hatte ja das Problem, dass ihr Selbst immer neben ihr stand. Dass das ein bisschen gruselig gewesen sein muss – wer könnte das nicht verstehen? Wer will schon gern sich selbst sehen, außer vielleicht beim Augenbrauenzupfen im Bad? Helene Fischer und Florian Silbereisen konnten das ja irgendwann auch nicht mehr aushalten: Ihr gemeinsames goldenes Haartier wird jetzt – ganz unverwechselbar – nur noch von Helene getragen.

Nun, da das Tabu gebrochen ist, sich für alle Zeit selbst ähnlich sehen zu müssen, können auch wir endlich sagen, wie ungern wir mitunter in den Spiegel sehen. Der Spiegel, das sind in unserem Fall natürlich Sie, liebe Leser der Gesellschaftskritik.

Sie sagen zu uns, wir seien ein "Schulprojekt, das die Website zurzeit etwas auflockern soll", kümmerten uns um "möglichst wenig Gehalt und viele Fehler" und verträten "besonders abwegige Standpunkte". In vielen unserer Texte würde "mit keiner Zeile erwähnt, dass es sich hier um eine gedankliche Ausgeburt des Patriarchats handelt", wir gäben oft einen "etwas seltsamen Kommentar" ab. Dann wieder bitten Sie uns "diesen niederen Kram" einfach zu ignorieren. Ihr Lob klingt so: "Ein wichtiger Beitrag für die küchenpsychologische Weltanalyse!" – oder so: "Ich schwanke zwischen Entzücken und Entsetzen über die Belanglosigkeit dieses Artikels!" Ja, ist es da denn ein Skandal, dass auch wir uns manchmal gern loswerden wollen? Vielleicht denken Sie mal darüber nach. Wir suchen solange nach der Telefonnummer von Mary-Kate Olsens Schönheitschirurgen. Und summen dabei leise: "Alles was ich bin, teil’ ich mit Dir. Wir sind unzertrennlich, irgendwie unsterblich."

Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Hellen H.

#1  —  13. November 2014, 8:48 Uhr

Ihr letzter Absatz schreit geradezu danach, bestätigt zu werden. Ja, diese Kolumne muss nicht sein, auch wenn ich mich gelegentlich schon amüsiert habe. Danach suche ich denn auch immer wieder, heute wurde ich leider nicht fündig.

Konrektor Freese

#2  —  13. November 2014, 9:17 Uhr

Was wollten Sie denn zum Ausdruck bringen?

Sie klagen über Irritationen beim Leser.

Dem können Sie leicht begegnen, indem Sie klare und gehaltvolle Artikel publizieren.

Was ist eigentlich mit manchen Kommentatoren los?
Dieses scheinelitäre Naserümpfen über vermeintlich gehaltlose Artikel ist lächerlich. Ist Ihnen in den Sinn gekommen, dass der Plauderton dieser Kolumne gewollt ist und einen Selbstzweck hat? Dass eine Kolumne andere journalistische Ziele verfolgt als bspw. ein Kommentar?

Ich lese die Gesellschaftskritik sehr gerne. Sie ist kurzweilig und in ihrer Ironie tatsächlich sehr hintergründig.

Wenn Ihnen diese Rubrik nicht gefällt, dann lesen Sie sie nicht. Punkt.

"Wenn man nichts Gutes zu sagen hat, soll man den Mund halten." - wusste schon Klopfer.

Gelöschter Nutzer 10160

#3.1  —  13. November 2014, 10:29 Uhr

Sie schreiben
>Wenn Ihnen diese Rubrik nicht gefällt, dann lesen Sie sie nicht. Punkt.<

genau, deshalb gibt es immer noch kein zeitabo

zum artikel selbst

und den vorwurf des scheinelitären durften sie sich gern sparen, denn in ihrem vorwurft und ihrer begründungn steckt geradeb mehr schein als sein, übder den sie sich ja erheben.

zum artikel:

>>Ja, ist es da denn ein Skandal, dass auch wir uns manchmal gern loswerden wollen?<<

nein das ist kein Skandal, sondern wünschenswert ... natürlich nur hinsichtlich ihrer Artikel ...

aber vielleicht störe ich mich einfach "nur" an dem begriff "Gesellschaftskritik" ... oder ist dieser wiederum ein so genialer schachzug, dessen schein mir gerade nicht einleuchten will???

und der erwähnte plauderton hat gerade mit dem "Gehalt" ja wenig zu tun, bzw. rechtfertigt nicht sein fehlen...

plauder plauder

s.l

Ich kenne die hier glossierten Damen zwar nicht, möchte das auch nicht, bin aber erstaunt, dass solche Petitessen es bis in die ZEIT schaffen. Warum nicht ein paar Zeilen über mich, dessen einziger Spiegel die Augen meiner Frau sind? Der über sein Aussehen nie nachdachte und trotzdem ganz erstaunliche Dinge mitteilen könnte, wenn man ihn nur fragte.

Vare, Vare, redde lectiones! Könnte man auch im postaugusteischen Monumentum Quinctilianum so übersetzen: "Mensch, alter Centurio, nun laß sie doch schon los, deine Vor- und Nachlesen - auf uns, natürlich, deine ewig spöttelnden Ariminovarier".