Wir müssen reden : "Casual Sex ist nichts für Anfänger"

Aus der Serie: Beziehungen

ZEIT ONLINE: Lange schien es, als müsse man sich entscheiden: One-Night-Stand oder feste Beziehung. Mit Casual Sex, also Gelegenheitssex, scheint das Missing Link gefunden: Es ist eine Form der Freundschaft, in der sich beide definitiv nicht als Paar verstehen – weder ineinander verliebt sind, noch eine gemeinsame Perspektive sehen –, aber gelegentlich Sex miteinander haben.

Ulrich Clement: Noch treffender ist der Begriff Friends with benefits, also Freundschaft mit Vorzügen.

ZEIT ONLINE: Findet Casual Sex heutzutage häufiger statt als früher und ist er mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert?

Clement: Auf jeden Fall – in den USA wird er bereits sehr ritualisiert praktiziert. Neu ist auch, dass mehr junge Leute in Swingerclubs gehen – und das eher unbeschwert und heiter. Diese Form von Sex belastet das Gewissen nicht mehr so stark wie früher. Moralische Skrupel gibt es zwar noch, aber sie sind seltener. Sie wurden von eher ästhetischen Skrupeln abgelöst: "Wie konnte ich mich nur auf den oder auf die einlassen!"

ZEIT ONLINE: Klingt, als wäre Casual Sex eine wirklich praktische Lösung, wenn ich gerade keine Zeit oder kein Interesse oder keinen Partner für eine feste Beziehung habe: Er macht Spaß, verbrennt Kalorien und ist billiger als ein Fitnessstudio.

Clement: Eine Freundschaft mit Vorzügen ist auch eine interessante Lösung für das Dauerdilemma zwischen Bindung und Freiheit. Einerseits erlebt man freundschaftliche Verbindlichkeit, fühlt sich aber andererseits nicht gefesselt durch Ausschließlichkeit und Treue. Das kann – unabhängig davon, wie man es moralisch bewerten möchte – psychologisch eine kluge Lösung sein.

ZEIT ONLINE: Und was ist der Preis dafür, Sex und Liebe zu entkoppeln – mal abgesehen davon, dass es zu Treffen führt, die eher an Turnstunden erinnern?

Clement: Mich erinnert es nicht an Turnstunden. Aber ich verstehe Ihre Frage schon. Casual Sex funktioniert oft nur theoretisch, weil man die Rechnung ohne Verliebtheit macht, ohne Eifersucht, ohne Bindungswünsche, ohne Heimatbedürfnis. Gelegenheitssex ist eine Teillösung. Er kann während einer bestimmten Lebensphase wichtig sein, in der man vielleicht keinen Partner hat oder auf dem Absprung ist. Ich halte es nicht für das Zukunftsmodell, zu dem sich die menschliche Beziehung entwickelt, sondern eher für etwas, das vorübergehend und schadensarm praktiziert wird.

ZEIT ONLINE: Jugendliche würden Casual Sex typischerweise also nicht als erstes wählen, weil sie in ihrer ersten Beziehung eher nach Sex mit jemandem streben, den sie lieben?

Clement: Viele junge Menschen suchen tatsächlich die große Liebe, andere wollen sich erst mal ausprobieren. Bewusster Casual Sex ist jedoch in der Tat eher nichts für Anfänger. Er ist etwas für Leute, die schon eine gewisse Frustrationserfahrung haben, wissen, was geht und was nicht, und jetzt nach einer Balance zwischen den eigenen Bindungs- und Freiheitswünschen suchen.

ZEIT ONLINE: Man könnte natürlich auch beklagen, dass diese Beziehungsform nur Ausdruck davon ist, dass die ganze Konsumhaltung, die freie Marktwirtschaft und überhaupt der Marktgedanke in die Sexualität eingedrungen sind.

Clement: So sehen es viele. Das setzt aber immer voraus, dass man sich vom Konsumterror auch terrorisieren lässt. Damit gibt man der Angebotsseite eine größere Macht als angemessen. Man muss der Nachfrageseite, also demjenigen, der nehmen oder nicht nehmen will, mehr Bedeutung geben. Menschen können zu Möglichkeiten Nein sagen – was ich auch in der Sexualität für eine wichtige Kompetenz halte. Nur so entwickelt jemand seine sexuelle Identität.

ZEIT ONLINE: Sind wir heute in dieser Kompetenz weiter?

Clement: Ja, weil wir mehr Angebote haben, an denen wir uns profilieren können.

ZEIT ONLINE: "Mehr Angebote" – das ist ein fast positives Bild für unsere oversexed Umgebung. Man könnte auch sagen: Flut.

Clement: Klar, aber wer in einem überfluteten Gebiet lebt, muss schwimmen lernen.

ZEIT ONLINE: Unsere Gesellschaft wird immer leistungsfixierter, egal ob im Job, der Schule, der Freizeit – oder eben beim Sex. Würden Sie dem zustimmen?

Clement: Noch so eine Dauerdiskussion, dabei ist Leistung nur eine Teildimension und noch nicht mal die dominante. Etwas anderes hat stärker zugenommen: das Gesundheitsbewusstsein, der Wellness-Gedanke, die Coolness. Sicher, es gibt im Sexuellen ein Wuchern von allem Möglichen, aber auf der anderen Seite auch viel Qualitätsbewusstsein. Slow Sex beispielsweise, bei dem nicht so viel Theater um Orgasmus und Erektion gemacht wird, sondern bei dem es auf Intimität ankommt.

ZEIT ONLINE: Entschuldigung, aber das klingt jetzt, als würden Sie übers Essen reden: Es gibt zwar ein riesiges Angebot an Fastfood, aber auch die Tendenz, bewusster einzukaufen und sich bio zu ernähren. Das kostet zwar möglicherweise mehr Zeit, beschert dafür aber höheren Genuss.

Clement: Oh ja, was für eine schöne Parallele.


Kommentare

29 Kommentare Seite 3 von 5 Kommentieren

Interessantes Interview, wie überhaupt die ganze Wir-müssen-reden-Reihe sehr gut ist. Trotzdem drückt sich Prof. Clement hier um eine klare Einordnung. Der Verweis auf Swingerclubs ist eher Unsinn, denn Casual Sex bzw. Friends with benefits meint doch gelegentlichen Sex mit einem festen Partner, formal also eine sexuelle On-Off-Beziehung ohne Gefühle oder Bindungsanspruch, weshalb Zweckbeziehung ein treffender Begriff wäre. Der ideologische Gedanke des Swingerclubs ist einmaliger Sex mit völlig fremden Menschen und so am besten mit Bordellbesuchen ohne schlechtes Gewissen vergleichbar, obwohl Swingerclubs gelegentlich auch Prostituierte oder Pornodarsteller zur Unterhaltung anheuern. Casual Sex wird schon ewig in sexuell befreiteren, unspießigen Künstlergruppen praktiziert.

Für den normalen Sexkonsumenten ist das alles schwer, schon alltägliche One-Night-Stands kennen mindestens einen Verlierer, aber wer würde das später zugeben? Nach dem Vollzug üblich ist heute übrigens ein formales Dankschreiben via E-Mail, keine SMS, aus dem anspruchslose Zufriedenheit hervorgehen muss, wie mir einst ein bildhübsches Etwas darlegte. Casual Sex dürfte grausamer sein. Er wird nur modernen Wesen schadlos gelingen, die Genuss und Empfindung völlig trennen. Für eine platonische Freundin, die mir plötzlich benefits anböte, könnte ich keine Freundschaft mehr empfinden, sie aber als Konsumartikel bei Bedarf weiter genießen; im Ergebnis ein zwischenmenschlich hoher emotionaler Preis für Genuss.

Der Unterschied zur völlig fremden One-Night- oder Swinger-Bekanntschaft besteht gerade darin, dass in platonischen Freundschaften bereits eine emotionale Basis besteht, die situativ verleugnet und so letztlich für Genuss geopfert wird, während zugleich ein Partnerschaft-Upgrade prinzipiell ausgeschlossen bleibt. Es ist ein Downgrade zu platonischer On-Off-Freundschaft, deren vormals zweckfreie Vertrauensbasis beschädigt ist.

Neue Begriffe für altbewährtes Verhalten. Eher lockere Treffen, die sexuell motiviert sind und nicht auf Ehe angelegt sind, sondern nichtexklusiv sind, sind doch nichts neues. Nicht jede oder jeder ist dafür geschaffen, aber für viele, die gelegentlich wie alle anderen auch etwas Zärtlichkeit und auch mehr brauchen, ohne seine Unabhängigkeit aufzugeben, ist sowas doch schon lange üblich. Selbst meine uralten Eltern hatten nach ihrer Scheidung (und vielleicht sogar schon vorher) solche Verhaltensweisen praktiziert.

Ihre uralten Eltern... Eltern?
Arrggh!
Ihr Zeitempfinden erinnert mich auf fatale Weise an die Alterseinschätzungen meiner Sprösslinge.... Sie sind aber sicher, dass Sie die Altersfreigabe für das Thema schon erreicht haben? ;)

Die schöne neue Konsumwelt der Erotik - jetzt auch mit professoralem Gütesiegel. Liebe für Feiglinge: es tut bestimmt nicht weh und ist ganz, ganz unkompliziert. Mal abgesehen davon, dass auch ein Mann beim Sex nicht mehr rauskriegt, als er reinsteckt - sofern er nicht die Verhütung der Frau überlässt: Die gemischten Gefühle sind nicht so harmlos. Die Mischung ist nämlich nie zur gleichen Zeit auf beiden Seiten gleich - also zieht einer immer den Kürzeren, nämlich der, der stärker emotional involviert ist. Dann helfen die mit notarieller Rabulistik ausgehandelten Abmachungen nicht mehr: ob es nur ein schales Gefühl oder ein ausgewachsener Liebeskummer wird, weiß man vorher nicht. Der benefit ist fraglich, nur von den friends bleibt kaum etwas übrig(Auch hier zeigt sich Denglisch als sicheres Anzeichen von Kultur - und Gedankenarmut). Und als Höhepunkt von Spießers Langeweile der Swingerclub. Einmal lauwarm organisiert, bitte, mit Filzläusen zum mitnehmen.

Im Zweifelsfall würde ich den ausgewachsenen Liebeskummer dem schalen Gefühl vorziehen, wenn's Recht ist. Wenn ich ein schales Gefühl haben will, kann ich mich auch besaufen. Da habe ich wenigstens nicht das Gefühl, nebenbei noch was für meine Fitness getan zu haben...