Endlich Vintage! Der Flaum einer Ahnung

Aus der Serie: Beziehungen

Wie schütter die Bäume aussehen, goldenes Geflirre der letzten Blätter, dahinter schon der kahle Himmel. Erinnert an diesen Flaum, den alte Leute über einer erstaunlich kalkigen Kopfhaut entwickeln, man möchte ja gar nicht hinsehen, früher, weil man das irgendwie zu intim fand, dass alte Leute so ihren nackten Schädel zeigen, heute, weil man sofort denkt: Wann ist es soweit?

Totensonntag ist jedenfalls nächste Woche. Will man ja gar nicht dran denken. Nicht jetzt, wo man gerade in Vintage-Stimmung gerät, so ein hübsches Petticoat-Feeling, mal testen, wie hoch die Stimmung noch fliegt, wenn man sich nur schnell genug dreht und Spaß hat. Tut man aber. Man denkt also an Totensonntag. Auch wenn das verboten ist. So wie man nicht auf die Seiten mit den Todesanzeigen gucken soll, und es trotzdem tut, und merkt, wie nah das einem geht. Man guckt und liest: "Du wirst uns fehlen, liebe Susi." Wie bitte? Man möchte schreien: Halt, ich lebe aber noch! Man merkt, dass man kleine Listen anlegt, wenn man am Wochenende die schamhaft so genannten Familienanzeigen überfliegt. Sich festliest. Memoriert.

Liste 1: Tote, so alt wie ich. Dr. Werner Friedrich Fassing *1950. Irmgard B. *1954. Sylvia N. *1952. Timo M. *1955. Dieter B. *1956. Susanne T. *1955 . Götz D. *1959. Willi W. *1954. Norbert S. *1952. Der Wahnsinn. So alt wie ich und tot.

Liste 2: Die zehn Jahre Älteren. Sagen wir, alle mit 194+. Ganz schön viele. Dr. Hans B. * 1943. Edgar U. *1946. Marianne M. *1946. Clara P. *1943. Monika Sch-S *1944. Karl-Ernst A. *1940. Börris K. *1944. Rosemarie M. *1940. Jan S. *1948. Rolf Otto S. *1944. Ilse M. 1940. Wolfgang B. *1941. Marlene E. *1941. Klaus-B. R. *1945. Karl-Heinz W. *1942. Hatten ja noch zehn Jahre. Aber wer will in zehn Jahren tot sein?

Früher hat man solche Anzeigen gescannt, um sich zu beruhigen. Herr Baudirektor Hans-Georg W., *1921. So alt wie Mama! Die ja schon Jahre tot ist. Klaus B., Staatssekretär a. D., immerhin fast 86 Jahre geworden. Eva-Maria Hagen, *1924, kein Nachruf, nein, ein Geburtstagsgruß, Eva-Maria lebt noch, mit 80, wenn auch sie schon ein wenig Kopfhaut zeigt. Corinna Harfouch, auch auf der Gedenkgrußseite, 60 Jahre alt, und alle Haare noch da, ein brauner Wuschelbob. Corinna, sag ich jetzt mal, weil man sich ja generationsmäßig immer so verbunden fühlt, sieht jünger aus als 60, aber was heißt das schon? Wie lange kann man jünger aussehen, als man ist, und wohin führt das?

Auch wenn man mit 60 wie 50 aussieht, sieht man irgendwann doch wie 60 aus, wenn auch erst mit 70. Und wenn auch wie jemand, der eigentlich schon 70 ist und nicht so aussieht. Oder wie 70 aussieht und eigentlich 80 ist. Ich las gerade von diesem Typen, auch Schauspieler natürlich, vermutlich haben sie in diesen Dingen die Nase vorn, weil Schauspieler ja ständig aussehen müssen wie jemand, der sie nicht sind, das trainiert sicher auch für das private Leben. Der Typ also, aus Chicago, ist 90 Jahre alt (*1924), steht noch als 90-Jähriger auf einer Bühne. Da spielt er mit seinen 90 Jahren einen 77-Jährigen, der kaum noch die auf der Bühne zu diesem Zweck eingebaute Treppe hochkommt – um wenige Momente später dann dieselbe Treppe einfach mal so hochzusprinten, zack, wie ein gut trainierter 50-Jähriger es vielleicht tun könnte, aber dieser Typ kann es auch noch mit seinen 90 Jahren.

Alles sehr verwirrend. Für Leute, die in Mathe sowieso Versager sind. Bitte – der Hund ist fünf, und auf Menschen umgerechnet heißt es schon 35, und in nochmal 5 Jahren wird der Hund schon 10 sein und das wäre, menschenmäßig betrachtet, schon ein 70 Jahre altes Wesen, und dann wird es schon ernst. Obwohl die Leute heute immerzu denken, der Hund ist ein wilder Welpe, weil sie nicht sehen, dass er neuerdings um die Nase so einen weißen Hauch hat. Aber noch hautbedeckend!

Vivienne Westwood (*1941), die uns allen ja nicht nur in Modefragen, sondern auch in Altersfragen vorangeht, hat die Situation für sich so gelöst, dass sie sich ihren Flaum kurzerhand abrasiert hat, ein Asian Monk Look. Dazu trägt sie, wenn sich die Gelegenheit ergibt, ein kleines Band mit Federn, was dem Nonnenhaften einen Hauch von Winnetou gibt. Ich hingegen experimentiere mit meinen Tüchern – um den Kopf wickeln, dramatischer Turban mit Geknote. Ziemlich vintage, irgendwas zwischen Schiaparelli und Trümmermutti, was heute, eine Woche vor Totensonntag, meine Gefühlslage ganz gut trifft.

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