Gesellschaftskritik: Liebe in Zeiten der Selbstvermarktung

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Vor ein paar Tagen wehte ein Seufzer der Erleichterung durch die bunten Blätter. Er hat es endlich getan! Vito Schnabel, der Freund von Heidi Klum, hat eine Liebesbotschaft auf Instagram gepostet. Vito und Heidis Liebe ist zwar kein Geheimnis mehr, er hat sich mittlerweile auch schon oft an Heidis Seite gezeigt, es kam sogar zu sichtbaren Zärtlichkeiten – aber heutzutage ist ja eine Beziehung erst amtlich und beglaubigt, wenn sie in den sozialen Netzwerken mit Herz- und Küsschen besiegelt wurde.

Wir von der Gesellschaftskritik hätten Vitos Botschaft wahrscheinlich gar nicht als solche dechiffriert, wenn wir nicht auf einen investigativen Artikel in der Gala gestoßen wären. Vito mag es geheimnisvoll, er postete ein Bild von Herzluftballons, und dazu schrieb er nur "ILY". Doch derGalagelang es, die als supergeheimer, privater Code getarnte Abkürzung zu knacken: "ILY ist die Abkürzung für das englische 'Ich liebe dich', das höchstwahrscheinlich seiner Supermodel-Freundin Heidi Klum galt." Heidi antwortete darauf mit "ILYM", auch das für die Gala kein Problem: "I love you more."

Nun stellt sich die Frage: Warum muss die Welt das wissen? Dass Vito Heidi liebt und Heidi Vito? Warum lassen uns Promipaare mit getwitterten und geposteten Liebesschwüren und Knutschfotos, die sie sonst verbieten lassen, an ihrer Liebe teilhaben?

Das öffentliche Liebesgeständnis hat Konjunktur. Heiratsanträge und Liebesgeständnisse im Fernsehen – wie am vergangenen Samstag bei Wetten, dass..? – sind Alltag, Fußballer zeigen ihre Liebe mit Fingerherzen nach erzielten Toren, Schauspieler bei Dankesreden auf Preisverleihungen. Ganz so als wäre das öffentliche Geständnis die höchste Form der Liebeserklärung, das Meisterstück. Wer vor Zeugen seine Liebe gesteht, gilt als irrsinnig mutig. Und obwohl das alles sehr nach Selbsthilfegruppe klingt, wird es trotzdem als romantisch empfunden.

Dabei ist es überhaupt nicht mutig, öffentlich seine Liebe zu verkünden. Schließlich hat der Bekenner das Publikum immer auf seiner Seite. Unser Verdacht: Da will sich einer vor allem für seinen vermeintlichen Mut gut finden und gut finden lassen. Und das passt doch zu Promis: Die Liebeserklärung als Teil der eigenen Selbstvermarktung, sozusagen. Klar, mit den gegenseitigen ILY’S und ILYM’s feiert man sich auch als Paar. Aber vor allem feiert man sich selbst.

Wie schön wäre da ein bisschen mehr Zurückhaltung in Sachen Liebe. Neulich zum Beispiel lasen wir nicht auf Twitter, nicht auf Instagram und nicht auf Facebook, sondern in einer Spalte der Londoner Times, wo traditionell Hochzeiten angekündigt werden: "Hiermit wird die Verlobung von Benedict, Sohn von Wanda und Timothy Cumberbatch aus London, und Sophie, Tochter von Katherine Hunter aus Edinburgh und Charles Hunter aus London, bekannt gegeben." Keine Herzchen, keine Küsschen, nichts.

Da möchte man sofort auf Instagram posten: Benedict Cumberbatch, WLY!

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