Gesellschaftskritik des Jahres Heldentaten, Heulsusen, Hochzeiten – Hurra!

© Julian Finney/Getty Images
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Willkommen in jenem Vakuum zwischen den Jahren, das einst der Besinnung diente, und das viele Menschen heute zum Geschenkeumtauschen, Pornogucken oder Computerspielen nutzen. Es ist eine besondere Zeit, in der die Weihnachtsgans und das vergangene Jahr noch bleiern im Magen liegen.

Wir von der Gesellschaftskritik grasen ja das ganze Jahr auf der Bullshit-Weide irgendeines Dschungelcamps. Für Sie. Und das löst natürlich Emotionen aus, nicht nur bei Ihnen. Katharsis ist ja nun kein neues Automodell von Toyota, sondern die Läuterung unserer Seelen von den üblen Leidenschaften, denen wir täglich medial begegnen. Im Fernsehen heißt das auch Jahresrückblick, und die TV-Anstalten haben bis hierher bereits Dutzende davon in deutsche Wohnzimmer gesendet. Was für ein Jahr: Heldentaten, Heulsusen, Hochzeiten – Hurra! Emotionen pur.

Nun ist die Realität, das weiß jedes Kind, eine Illusion, die sich durch Fernsehen einstellt. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass sich die Realität nach den bereits verfassten Jahresrückblicken für das kommende Jahr richten muss. Wir von der Gesellschaftskritik sind wie immer tipptopp informiert und haben – viel investigativer als die Gala – bereits die ersten Sendekonzepte gehackt. Das haben wir gefunden:

Die emotionalsten Momente des Jahres

Herzogin Kate bringt im April ein Mädchen zur Welt. Um die Erziehung und Thronfolge gendergerecht zu gestalten, nennen sie und Prinz William das Kind Alfred Edward Mortimer, Duchess of Cambridge.

Nach langem Hin und Her macht Mandy Capristo während der Bambi-Verleihung Mesut Özil einen Heiratsantrag. Er sagt Nein, obwohl sie gerade zur Goldenen Henne des Jahres gekürt wurde.

Ein Moment für die Fernsehgeschichte: Unter Tränen übergibt Günther Jauch seine Sonntagabend-Talkshow an Thomas Gottschalk mit den Worten: "Ich hoffe, ich darf als Gast wiederkommen."

George Clooney wird Vater. Allerdings heißt die Mutter von George Clooney Junior nicht Amal Alamuddin, sondern Angelina Jolie. Die beiden hatten sich am Set zu Heiraten ist nichts für Anfänger (Regie: Ben Affleck) kennengelernt.

Ja auf dem Elfmeterpunkt: Der erste Nationalspieler heiratet seinen langjährigen Lebenspartner aus der dritten Liga in der Allianz Arena. München weint.

Die skurrilsten Momente des Jahres

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan erklärt die Pizza zum türkischen Weltkulturerbe, weil das Gericht von Muslimen erfunden wurde. Eine von ihm eingerichtete Kommission untersucht auch die Herkunftsgeschichte des Cheeseburgers.

Justin Bieber und Miley Cyrus performen beim Superbowl ihr Duett It's hard to be young. Während des Auftritts brechen sie in einen lautstarken Streit aus, wer die schlimmere Kindheit hatte. Beide verlassen die Bühne, Amerika schaltet ab.

Nach einem spannenden Kopf-an-Kopf-Rennen mit Xavier Naidoo wird Akif Pirinçci Dschungelkönig.

Bushido entschuldigt sich im Musikantenstadl öffentlich für seine "schlampenverachtende Wortwahl" und singt mit Andrea Berg einen Disstrack gegen alle Schlampenverachter.

Der Oscar für die beste weibliche Hauptrolle geht an Angela Merkel. Sie war die Hauptfigur der Langzeit-Dokumentation Eine Frau, eine Raute.

Die traurigsten Momente des Jahres

Kim Kardashian zieht blank und zeigt auf dem Mai-Cover der Vogue ihr Gaumenzäpfchen. Jetzt will keiner mehr ihre Selfies sehen.

Nach ihrer Farbenspiel-Welttournee verkündet Helene Fischer ihren Abschied aus der Musikbranche. Nach ihrem großen Einsatz beim Tatort möchte sie fortan ausschließlich Schwarz-Weiß-Stummfilme drehen.

Robbie Williams möchte die Geburt seines dritten Kindes per Google Glass live ins Internet streamen. Erst im Kreißsaal bemerkt er, dass er versehentlich die Sonnenbrille aufgesetzt hat.

Modern Talking feiert beim Eurovision Song Contest in Wien mit dem Lied United forever Wiedervereinigung und gewinnt. Drei Wochen später wird bekannt, dass das Duo gar nicht selbst singt, sondern der Gesang vom Schlagerduo Die Amigos stammt, und durch das Umhängekeyboard von Dieter Bohlen abgespielt wurde.

Heidi Klum schließt ihren Instagram-Account.

Sie finden, 2015 war keine rechte Überraschung? Sie werden sehen, im Rückblick sieht das völlig anders aus.

Kommentare

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„Im Himmel ist Jahrmarkt.“ antwortete meine Großmutter, wenn ich ihr als Kind eine Geschichte erzählte, die sich nicht glauben mochte.
Dabei findet der Himmelsjahrmarkt auf der Erde statt, jeden Tag und ohne Pause. Um das zu erkennen, musste ich allerdings noch ein wenig älter werden.
Nun saß ich also vorgestern bei meiner Mutter im Wohnzimmer, neben mir meine Tochter und mein Enkel. Mama holte ein Fotoalbum heraus, so eins mit klitzekleinen Schwarzweißbildern, die man heute einscannt und auf A4 ausdruckt, um was zu erkennen. Mama als Kleinkind mit ihren Eltern. Die Eltern als Kinder mit deren Eltern. Schließlich tauchte noch ihre Urgroßmutter auf einem braun gefärbten Foto auf, postkartengroß. Fotoplatte.
Meinem schulpflichtigen Enkel versuchte ich zu erklären, dass darauf seine Ur-Ur-Ur-Ur-Großmutter zu sehen sei. Der nickte höflich. Mir wurde in diesem Moment klar, dass mein Leben nicht mehr ist, als ein Bild auf einer langen Filmrolle. Ich bin nicht der Regisseur, nicht mal ein Schauspieler, nur ein einziges winziges Foto. Meine ach so wichtigen Erlebnisse bilden kaum mehr als Pixel oder Silberbromidkörnchen.
Was bleibt; wo ist die „Essenz“?
In mir steigt ein Bild auf. Gott sitzt neben einem ratternden Filmprojektor in einem dieser Großvatersessel mit Ohren. Er raucht eine dicke Zigarre, starrt auf die verqualmte Leinwand und lacht und lacht und lacht. Neben ihm liegen weitere Rollen. Das Bild zoomt auf, überall Filmrollen, ganze Gebirge, nichts als Rollen…

Gute Göttin, nein - sie räumt auf: Besonders vergammelte Filmrollen kommen in den Memory-Müllschlucker. Und wie können Sie sich dagegen retten?! Ganz einfach - Sie sollten Ihrem Enkel ein Märchen aus der Familie Ihrer Ur-Ur-Ur-Ur-Großmutter erzählen, es dürfen auch ruhig historische Wahrheiten drin stecken. Hauptsache, Ihr Enkel lacht und merkt sich die Geschichte. Die alte Dame wußte z.B. noch, daß Jesus einen Bruder namens Owi ... halt, halt. Das ist überhaupt nicht korrekt: "OWI" war die Schwester - man nannte sie deshalb so, weil sich die Familie "Ottilie Walburga Iphigenie" so schlecht merken konnte. Wenn Ihr aufgeweckter Enkel dann meint: "Opa, jetzt erzählst Du einen vom Pferd" - dann geben Sie ihm natürlich recht, machen ihn aber zugleich auf einige Dinge von Belang aufmerksam, die auch in solchen Schoten stecken.

Neues aus der "Kommission für

Neues aus der "Kommission für die Herkunftsgeschichte des Cheeseburgers" (Trojaner-Stick rein und wieder rausgeschmuggelt, ha!):
Unstrittig ist mittlerweile, daß der ChB aus der kappadokischen Stadt Kayseri kommt und benannt ist: Vgl. archäologischen Zufallsfund unweit des Berges Kültepe, wo schon Bronzezeitliche und Hethiter gehaust haben. Das burgartige (altgriech. Pyrgos) "Gebilde" besteht aus zwei Tetradrachmen (oben und unten) Alexanders des Großen - dazwischen ein Hartkäserest Chester (lat. castrum), der aus dem keltischen Galatien stammt, vermutlich aus Ankyra, und eine krümelartige Masse Koprolith (mit Pferdefleischanteil). Das "Gebilde" diente wohl als Weihegeschenk für Stadtgott Retsepeios (im Stadtnamen zu "Eusebeia" verunstaltet), der die Rest-Hethiter vertrat, nachdem Auswanderer nach Ägypten (und zurück bis Palästina) den alten Namen "Mazaka" für Sauerteig "Mazze" entlehnt hatten. Stadt und "Gebilde" gefielen Cäsar Tiberius später so gut, daß er seinen Namen dafür hergab: Caesarea und Caesa-Burgus. Ende 11. Jh. übernahmen Turkmenen (Danischmenden, die Erfinder des "Danish Dynamite") Kayseri, hielten Retsepeios für den Stadgründer und benannten Söhne nach ihm - gegen den Protest der rivalisierenden Rum-Seldschuken, die den turkmenischen Spottnamen "Held, du bist zu spät gekommen" umwandelten in "Held, du bist früh gekommen" (alttürk. Erdogan). Als sie sich endlich vertrugen, aßen sie gemeinsam "Ciesebürgler".

Emmy for Rautenrap ...

Emmy for Rautenrap ...
Wer rautet so spät durch Bild und Wort?
Es ist nur Mutti, sie treibt Denksport.
Sie hat Probleme wohl in dem Amt, sie ist sich nicht sicher, doch insgesamt.

"Hey, Chefin, was knautschst du so bang dein Gesicht?"
"Seht Wähler, ihr, den Vladimir nicht?
Den Russenzaren mit Thron und Zensur?" "Nee, Mutti, es ist sein Forum nur".

"Du deutsches Volk, komm, geh mit mir!
Gar schöne Einsicht spiel vor ich dir.
Manch bunte Blüten treibt mein Gaukelstrauch;
merkelbefreit geh bald ich zum Jauch".

"Mein Wähler, mein Wähler, und hörest du nicht,
was Wutbürger polternd dir verspricht?"
"Sei ruhig, Mutti, jetzt mach kein' Sch....
Auf kalten Plätzen marschier'n sie im Kreis."

"Entrechtete aller Stuben, motzt! Was ihr jetzt wollt, das wird ertrotzt!
Euro-Banken führ'n uns an der Nase herum -
und biegen und trügen und machen euch dumm!"

"Null Traute der Raute - denn siehst du nicht dort
Finanzkönigs Töchter am düstern Ort?"

"Ich liebe dich nicht; mich reizen deine Bilanzen.
Und bist du nicht willig, so laß ich dich tanzen."

"Die Krise heißt Mutti - verrautet mein Haben.
Finanzboss hat mir ein Loch gegraben!"

Die Mutti grauset's, sie rautet geschwinder -
Europa fällt ächzend unter die Sünder -,
erreicht den Rat mit Mühe und Not; in ihren Armen Europa war tot.