Andersrum ist auch nicht besser Schwul ist das neue Cool

© Cattari Pons/photocase.de
Aus der Serie: Beziehungen

Es ist herrlich: Eingehakt und übermütig tollen wir durch die Stadt. Ein Mann hält uns die Tür auf. Die Menschen strahlen uns an, als wären sie kollektiv auf Ecstasy. Wir strahlen zurück – ein Paar, das jeder Immobilienhändler für zukunftsträchtige Kundschaft halten würde. Kinder, Einbauküche, Kreuzfahrt, das ganze Programm. Ist aber anders.

Der Auslöser für die mir ungewohnte Freundlichkeit hängt an meinem Arm und heißt Karsten. Karsten ist einsneunzig, weiß, heterosexuell, verheiratet, Dreitagebart – und bestes Relax-Material. Die Tage mit ihm haben etwas von Urlaub. Vielleicht, denke ich, sollte ich ihn auch an andere Lesben vermieten?


"Rent a Karsten – für eine garantiert diskriminierungsfreie Zeit." Das wird das nächste große Ding. Eine Wohltat für gestresste Lesbenseelen. Mimikri für Anfängerinnen. Einmal sein wie die anderen – einfach nur, weil ein Karsten seinen Arm unterschiebt, hin und wieder träge die Augenbraue hebt und einen in sein bassschweres Timbre hüllt. Auch für ihn wäre das eine Win-Win-Situation, denn er liebt starke Frauen mit Meinung und Power und auf soziologische Feldstudien steht er total. Von der Vermittlungsgebühr gehen wir dann fein essen.

Weil mir an einer gesamtgesellschaftlichen Win-Win-Situation gelegen ist, überlege ich, ob das neue Geschäftsmodell nicht auch andersrum funktioniert, Schwule und Lesben an Heteros zu vermieten, um denen die Vorteile der Homowelt nahezubringen.

Die Hetera dürfte endlich aufhören, ständig wegen imaginärer Problemzonen den Bauch einzuziehen und wäre trotzdem im hautengen Glitzertop die Königin einer queeren Party. Statt sich beim Haare-Auszupfen das Kinn wund zu waxen, könnte sie es mal andersrum versuchen und sich spaßeshalber einen Bart ankleben. Und der Alltagstest erst! Den obligatorischen Spuckattacken auszuweichen macht die Hüfte immens beweglich, ist effektiver als Yoga und gratis. Die Konter auf plumpe Sprüche, die zu jedem Bummel mit einer anderen Frau gehören, schulen Schlagfertigkeit und Durchsetzungskraft – beides für den beruflichen Aufstieg unersetzlich.

Natürlich hätte ich auch etwas für Hetero-Männer im Angebot: Ihnen vermittle ich Schwule für einen Test-Tag Händchenhalten. Nach mindestens drei Stunden Mann und Mann, Arm in Arm durch eine deutsche Innenstadt zur Abhärtung, gibt es als Belohnung einen Ausflug in einschlägige Schwulenbars. Endlich mal einen Blick in den Darkroom riskieren! Wenn der Neid abgeklungen ist, dürfen die Heteromänner alles tun, was sie sich im Alltag nie trauen. Mit überschlagenen Beinen Cocktails durch den Strohhalm schlürfen, Freundinnen fürs Leben finden und als Highlight bei einem Lagerfeuer ihre Baumwollboxershorts verbrennen. Und am Ende stellen sie sich alle im Kreis auf und rufen: "Das war voll schwul, ey." Weil sie gelernt haben: Schwul ist das neue Cool.

Die Idee könnte Potenzial haben, Selbsterfahrung ist schließlich die beste Lehrmeisterin. Gedanklich plane ich die Seminare erst mal in Deutschland, später in Russland, Uganda, der Welt. Titel: "Homo for a Day! Das stört doch heute keinen mehr. Die Wahrheit über die Toleranz unserer Gesellschaft". Alles ganz spielerisch, in schluckbaren Häppchen. Verdaut wird später.

Ich lasse mich auf das geblümte Sofa im Café fallen. Karsten geht zum Tresen und bestellt sich irgendwas mit Latte. "Und was darf es für Ihre Frau sein?", fragt die Bedienung ihn. Ich lächle das Ehefrauenlächeln. Die Frau am Tresen erwartet: Rosa Wölkchen. Fade Out in Herzform.
"Danke, nichts", rufe ich. Ich muss nach Hause. Karsten versteht das, Heteromänner neigen nicht zu Animositäten. Ein Kursplan für die Workshops muss erstellt, eine Crowdfunding-Aktion gestartet und Geld beantragt werden. Bei der Antidiskriminierungsstelle.

Kommentare

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Das erklär ich Ihnen gern. Es wird von Heteros, die nicht mit dem Thema belästigt werden möchten, immer so getan, als würden Homosexuelle nicht diskriminiert werden. Als gäbe es keine Probleme. Unter jedem Artikel über ein Coming-Out ist in den ersten zehn Kommentaren zu lesen, dass ein öffentliches Outing nicht nötig sei, Homosexualität sei nebensächlich und interessiert heute doch nun wirklich keinen mehr.

Dabei ist es eine große Angst dieser Leute selbst für schwul gehalten zu werden. Diese Leute brauchen keinen Mut Hand in Hand mit ihrem Partner durch die Stadt zu laufen, und erkennen auch nicht an, dass es dafür überhaupt Mut braucht und dass ein Hand-in Hand-Gehen nicht als Provokation oder Zur-Schaustellung zu werten ist, sondern als normaler zwischenmenschlicher Akt zwischen Partnern in einer Beziehung. Wir kriegen für sowas eins auf die Fresse, wenn wir solch alltägliche Dinge in der falschen Gegend tun.

Man könnte Ihren Kommentar auch so interpretieren, dass er genau in diese Richtung einschlägt. Ich interpretieren ihn freilich nicht so, sonst hätte ich nicht geantwortet *hust*.

Liebe Tanja,

Liebe Tanja,

gerne miete ich mir auch eine Lesbe um mit Ihr in Ruhe einen Nachmittag zu verbringen.

Ich wuerde mich auch mieten lassen.

Und jedesmal wenn mir Freunde bedeutungsvoll zuzwinkern mit dem "die legst heut noch flach" Blick, dann trinken wir einen und bruellen laut "Lesbenalarm".

Es wuerde ein grossartiger Abend werden.

Leider sind es diese Blicke die so viele Freundschaften zwischen Mann und Frau in der oeffentlichkeit torpedieren wenn man keine Les-Schwule Ausrede hat.

Lars