"Tatort"-Kritikerspiegel: Sie waren jung und angeschnallt

© MDR/​Andreas Wünschiers
Die jüngsten "Tatort"-Kommissare jagen in Erfurt einen Verräter. "Der Maulwurf" gibt nicht nur ihnen Rätsel auf. Unsere Kritiker sehnen sich nach Odenthal und Schimanski.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Die jungen Menschen in den neuen Bundesländern sind cool. Nach dem total vergurkten Tatort-Debüt des betont jugendlichen Erfurt-Teams letztes Jahr kommt die zweite Folge jetzt ein bisschen souveräner daher. Es gibt tatsächlich ein paar trockene Dialoge, die Krönung der Coolness ist es aber immer noch nicht.

Lars-Christian Daniels: Na gut. Die vielen Anglizismen und das ständige Energydrinkgeschlürfe im ersten Erfurter Tatort waren wirklich eine Schnapsidee. Haben wir deshalb gleich wieder abgeschafft.

Kurt Sagatz: Trau bei der Maulwurfsuche in den Reihen der Polizei nicht dem Rotlichtkönig und nicht dem entflohenen Knacki!

Wolfram Eilenberger: "Unser Verbrechen gegen Verbrecher besteht darin, daß wir sie wie Schufte behandeln." (Friedrich Nietzsche)

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 5 Punkte
Lars-Christian Daniels:
1 Punkt – Funck & Co. bleiben einfach die unglaubwürdigsten Kommissare der ganzen Krimireihe.
Kurt Sagatz:
6 Punkte – noch am besten: Ex-Kollege Konzack (Oliver Stokowski)
Wolfram Eilenberger:
6 Punkte  

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Einer der Kommissare schaut im Strip-Club einer Tänzerin zu. Die Bar-Dame bietet ihm an, dass er mit "Jacqueline" auf ein Zimmer gehen könne. Der Kommissar trocken: "Jacqueline heißt eigentlich Mandy und war ein paar Klassen unter mir."

Lars-Christian Daniels: Die einleitende Beerdigung, auf der Rotlichtkönig Lemke die Gelegenheit nutzt und sich zurück in die Freiheit ballert. Knackig inszeniert und um Längen spannender als die folgenden 85 Minuten.

Kurt Sagatz: Unfreiwillig komisch: Für Kommissarin Grewel ist der Komplize des Einbrechers wegen seines Stacheldraht-Tattoos so gut wie identifiziert. Wie gut, dass Pamela Anderson sich dieses Motiv gerade hat entfernen lassen.

Wolfram Eilenberger: Der kühle Formalismus der Kameraführung erzeugt zahlreiche gelungene Einstellungen.  

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Die Chefin zur Nachwuchskommissarin Johanna Grewel: "Dass ich hier sitze, habe ich nicht der Gleichstellungsbeauftragten zu verdanken." Eine Gleichstellungsbeauftragte sollte sich aber mal die Rolle der Grewel anschauen. Die muss im Auto immer angeschnallt hinten sitzen, während die beiden Ermittlerjungs vorne die Sau rauslassen.

Lars-Christian Daniels: Schaffert hockt in einem taghell erleuchteten Strip-Schuppen, in dem lange vor Einbruch der Dunkelheit bereits bemerkenswerter Betrieb herrscht. Während die lustlose Tänzerin an der Stange so viel Sex-Appeal versprüht wie Lena Odenthal beim Katze füttern, wirkt Schaffert an der Bar wie ein schüchterner Teenager vorm Tittenheft-Regal. Was bestellt er? Ein alkoholfreies Bier. Man stelle sich die gleiche Situation mit Horst Schimanski vor.

Kurt Sagatz: Verklemmt, übergewichtig, aber an der Tastatur ein echtes Genie: Wann sehen IT-Experten im Tatort endlich nicht mehr aus wie wandelnde Klischees?

Wolfram Eilenberger: Ein auswendig gelernter albanischer Gefängnisgruß – und schon ist das Eis gebrochen? 

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 3 Punkte
Lars-Christian Daniels: 3 Punkte
Kurt Sagatz: 7 PunkteWolfram Eilenberger: 6 Punkte

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Was soll das mit den Tatort Besprechungen vor der Sendung? Das ist doch kein Kinofilm, den man sich noch wochenlang anschauen kann, sondern ein eher singuläres Ereignis.
Danach ok, aber VORHER?

Alkoholfreies Bier ist nicht schlimm. Aber wieso kommt das immer so lächerlich rüber? Weil man das Gefühl hat, es sei mal wieder ein Statement im Pädagogikfernsehen.

Aber 3 Flüsse in Arte, wildes Rußland, 3* Sportschau, 2 Sendungen über Finanzmarkt und Lobbyisten, dazu Barnaby, Poliezei, Luther, Case Histories und die anfangs immer nervende, zum Schluss aber immer versöhnliche Dicte waren schon 17 Euro wert. Braucht also nichts mehr zu kommen in diesem Monat.

Jean-Anthelme Brillat-Savarin

#2.1  —  21. Dezember 2014, 21:20 Uhr

Alkoholfreies Bier ist wie ein BH an der Wäscheleine: Das beste ist raus ... ;-)

Jean-Anthelme Brillat-Savarin

#4  —  21. Dezember 2014, 21:21 Uhr

Schimmiii; verdammte Scheiße, komm endlich zurück! Aber zackig!!! Du mußt doch Thanner noch posthum aus dieser Verleumdungsgeschichte dieser Hamburger Schmieranten raushauen!