Gesellschaftskritik Hinter allen Hecken ist Ruh

© Reuters/Steve Marcus
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Ein kleiner Nachruf auf die Paparazzi. Bald wird man das Wort eher einer Eissorte zuordnen als jenen Fotografen, die Prominenten überall auflauern, bevorzugt hinter den Hecken vor deren Villen in Malibu. Dort warten sie, bis ihr Motiv aus der Deckung kommt, um mit ihren Superteleobjektiven einzufangen, was von Interesse sein könnte: Wer zu Besuch kommt, ob sie oder er noch den neuen Verlobungsring trägt oder die Haare anders hat. 

Diese Fotografen waren immer schlimmes Geschmeiß für die Celebrities, aber anderseits: Man brauchte sie auch. Schließlich konnte sich kaum prominent fühlen, wer nicht jedes Detail seines Lebens dokumentiert wusste. Und manchmal benötigte man sie für dramatische Inszenierungen. Etwa, als Britney Spears in einer ihrer vielen Krisen, als alle glaubten, sie sei ganz unten angelangt, zeigen wollte, dass es noch weiter runter ging und sich in einem Friseursalon die Haare abrasieren ließ. Ohne Paparazzi hätte das keiner mitbekommen.

Heute sorgen Stars selbst für das nötige Bildmaterial, indem sie ständig neue Fotos von sich auf Twitter oder Instagram veröffentlichen. Ob ein Star sich verlobt hat, gerade Kinder bekommt oder Sushi isst – alles ist dort zu erfahren. Warum sollte irgendein Magazin noch teures Paparazzi-Material einkaufen? Allerdings gibt es noch immer jene Szenen eines Lebens, die ein Star lieber nicht veröffentlicht sehen will. Die dunklen Momente, die so gar nicht für Instagram geeignet sind. Doch auch die sind kein Betätigungsfeld für Paparazzi mehr. So auch neulich bei Britney Spears' kleiner Schwester, Jamie Lynn Spears. Jamie Lynn war mit ihrer Freundin Brandie im Sandwich-Shop Pita Pit im kleinen Örtchen Hammond in Louisiana, als Brandie aus unbekannten Gründen in ein Handgemenge geriet. Jamie Lynn schnappte sich kurzerhand ein Brotmesser und bedrohte damit den Angreifer ihrer Freundin. Das wissen wir nicht von einem Paparazzo, sondern von der Überwachungskamera von Pita Pit. Diese Apparate zeichnen heute all das auf, was auf einem Selfie nicht zu sehen ist. Auch zu erkennen: Jamie Lynn hat die Haare irgendwie anders.

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"Wenn die Sintflut nahe sein

"Wenn die Sintflut nahe sein sollte" - wer zweifelt noch daran - brauchte es früher die "Fresken Goyas" (I. Montanelli über Fellinis "La Dolce Vita" 1960), heute reichen Überwachungskameras. Und der gute alte Paparazzo legt sich einen Kompagnon zu, um mit ihm gemeinsam Promi-Opfer zu spielen. Applaus, Applaus! "Der sowjetische Botschafter dankte dem Regisseur für die Schilderung bourgeoiser Sittenverwilderung mit einem Wangenkuß" (SPIEGEL 8/1960). In Zeiten von YouTube müßte wenigstens ein Femen-Auftritt dabei sein - und die Selfie-Sticks schwankten im Schilf der Dekadenz.