Gesellschaftskritik: Schuld war nur das Chupacabra

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Schuld ist ja etwas, das man gerne von sich weist und das dementsprechend auch immer die anderen tragen. Oder zumindest eine im weitesten Sinne als höhere Gewalt empfundene Instanz verursacht hat. Man kennt das: Wintereinbruch, Hand Gottes, Weichenstörung, Migräne, Bossa Nova.

Wenn also Sarah Palin bei einem "Gipfel für konservative Führungskräfte" in Iowa von ihrer Tochter in einer knappen Lederkluft spricht, aber eigentlich das Geschirr des Hundes meint, dann war selbstredend der Teleprompter kaputt. Oder betrunken. Tom Waits hat Probleme dieser Art bereits vor Jahren in seinem Lied The Piano Has Been Drinking (Not Me) beschrieben. 

Bei Verfehlungen, die selbst mit größtmöglicher Fantasie nicht von der Hand zu weisen sind, berufen sich Prominente auf eine moralisch besonders verwegene Art der Unschuldsvermutung. "Das wird man ja wohl nicht wissen müssen" ist gewissermaßen die kleine Schwester von "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen". Damit lässt sich auch entschuldigen, dass man Koks für Kaugummi hält, wie Paris Hilton es behauptete, als man ein Päckchen der Droge in ihrer Handtasche fand. Unwissen ist leider nicht nur für Hotelerbinnen so etwas Ähnliches wie höhere Gewalt.

Der zurzeit etwas aus dem stützenden Piraten-Mieder geratene Schauspieler Johnny Depp hat nun den Reigen des Entschuldbaren erweitert. Zu Beginn der Woche fehlte er in Tokyo unentschuldigt bei einer Pressekonferenz, während der er seinen neuen Film bewerben sollte. Am Tag darauf erklärte er: "Ich wurde gestern Morgen von einem seltenen und unerforschten Wesen angegriffen, man nennt es Chupacabra. Ich habe stundenlang mit ihm gekämpft. Dieses Tier ist sehr zäh und gemein. Es hat sich schließlich in meinem Koffer versteckt, ich habe ihn dann aus dem 23. Stock geworfen. Wir werden es also nie wieder sehen. Danke für Ihr Verständnis."

Das Chupacabra ist ein vampirähnliches Fabelwesen aus Südamerika, das sich von Schaf- und Ziegenblut nährt. Eigentlich hatte Johnny Depp eine Erkältung. Eine Erkältung wird man ja wohl noch haben dürfen! Das stimmt zwar. Aber das hätte ihm ja niemand geglaubt.

Kommentare

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Nightmare on Depp Street ... oder: Die mystische Ermordung des John F. Deppedy. (Sie wissen schon, Kennedy wurde in der Elm Street erschossen - aber nicht von Freddy Krueger). Nein, der Große Jack wollte serienmäßig voll auf der Höhe sein ("Bones" und South Park" sind ja noch nicht ganz out - und dort wütet das Chupacabra ebenfalls). Außerdem weiß er natürlich: Der Westen (und Japan dazu) fühlt sich wieder im Kalten Krieg; d.h. alles, was von der Gegenseite kommt, ist Desinformation. Und wenn dann Ria Novosti einen Tag zuvor Moskau offiziell zur Chupacabra-freien Zone erklärt hat, denkt sich Mr. Sparrow spaßesspatzenhaft: In der freien Welt braucht es Helden, die den Nachtmahr mit eigener Hand einpacken und entsorgen. Q.e.d.

'Tschulli, liebe Kolumnistin,

'Tschulli, liebe Kolumnistin, darf ich mal gerade?! Johnny ist ja verhindert. "Zur Entschuldigung mancher Schuld. — Das unablässige Schaffen-Wollen und Nach-außen-Spähen des Künstlers hält ihn davon ab, als Person schöner und besser zu werden, also sich selber zu schaffen — es sei denn, dass seine Ehrsucht groß genug ist, um ihn zu zwingen, dass er sich auch im Leben mit andern der wachsenden Schönheit und Größe seiner Werke immer entsprechend gewachsen zeige. In allen Fällen hat er nur ein bestimmtes Maß von Kraft: was er davon auf sich verwendet — wie könnte dies noch seinem Werke zugute kommen? — Und umgekehrt." (F. Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches II. Ein Buch für Freie Geister, 1879, c. 102). Host mi, Mitforist, sinnsuchender App-aratschik?!