Andersrum ist auch nicht besser Voll unschwul

© Edgard Garrido/Reuters
Aus der Serie: Beziehungen

Komplimente sind eine heikle Sache. Wer nur mit Supermodels oder Nobelpreisträgern abhängt, hat vielleicht kein Problem, das treffende nette Wort zu finden. Alle anderen wissen: Ein Kompliment ist immer auch eine kleine Lüge. Manchmal würde ich mir größere Lügen wünschen. Als schwuler Mann hört man Dinge wie: "Deine Wohnung ist so liebevoll eingerichtet!" Oder: "Du siehst viel jünger aus!" Oder auch: "Mit dir kann ich über alles reden."

Komplimente wie diese richten zwar keinen Schaden an. Aber es geht besser. Auch wenn es kaum einer zugeben möchte, fast jeder Schwule freut sich über den folgenden Satz: "Man merkt dir gar nicht an, dass du schwul bist."

Wie paradox. Es würde schließlich niemand auf die Idee kommen, einem Herzchirurgen zu versichern, er wirke so gar nicht wie ein Herzchirurg. Oder dass man einer Dame aus Ostwestfalen eine Freude macht, indem man behauptet, sie sei besonders unostwestfälisch. Warum ist das bei homosexuellen Männern andersrum?

Mir geht es da wie dem amerikanischen Schriftsteller David Sedaris. Er sagt, wenn andere denken, er sei hetero, fühle er sich gut – und kurz darauf schlecht. Denn, sagt Sedaris: "Ich dachte, ich sei darüber hinweg."

Das kurze Glücksgefühl hat auch damit zu tun, was Schwule attraktiv finden. Sie begehren natürlich Jake Gyllenhaal und nicht Bruce Darnell. Die meisten stehen eben doch eher auf lässige Coolness als auf flamboyantes Geflatter. Und das nicht erst, seit der Metrosexuelle vom bärtigen Lumbersexual im Holzfäller-Look abgelöst wurde.

Heteros haben hier vielleicht Nachhilfebedarf. Einmal stöckelte meiner Arbeitskollegin und mir auf der Straße ein sehr femininer Mann entgegen. Er hatte die Haare blondiert, die Augenbrauen gezupft und trug ein knallenges T-Shirt. Die Kollegin sagte zu mir: "Der gefällt dir doch bestimmt!"

Ich kenne heterosexuelle Menschen schon seit meiner Geburt. Trotzdem gelingt es ihnen immer wieder, mich zu überraschen. Dachte meine Kollegin allen Ernstes, nur weil man schwul ist, findet man automatisch tuckige Männer attraktiv?

Würden Heteros mal ins schwule Internet gehen, wüssten sie es besser. Auf Dating-Seiten wie Gayromeo oder Grindr taucht immer wieder derselbe Begriff auf: Straight-Acting. Es bezeichnet ein Verhalten, das besonders normal wirken soll. Die Männer suchen Männer, die sich wie Heteros benehmen. Und sie wollen zeigen: Ich bin selbst total unschwul.

Ich frage mich, wie das gehen soll. Die Heterosexualität eines Mannes zeichnet sich vor allem durch eines aus: Dass er mit Frauen Sex hat. Das Wort deutet es schon an. Doch so weit möchten die Straight-Acting-Männer natürlich nicht gehen.

Sie machen es sich leicht und setzen eine Base-Cap auf. Falsch herum. Beim Selfie strecken sie das Kinn nach oben, das soll männlicher wirken. Sie üben, wie ein Hetero zu laufen und haben nach zwei Jahren einen Gang wie ein besoffener Orang-Utan. Sie lächeln nicht. Nach zwei Drinks fällt die Fassade und die Stimmung ist heiter wie auf einem Tupperabend.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass acting auch schauspielern heißt.

Die Straight-Actors tun mir ein bisschen leid. Helfen können ihnen vielleicht die Frauen. Sie sollten die Heteromänner dazu animieren, sich schwuler zu verhalten. Man hört doch immer, dass Frauen Schwule so toll finden. Also, liebe Frauen: Fordert Gay-Acting! Damit meine ich nicht eine Steigerung des Kosmetikkonsums oder die Epilation der Brust – das ist im Jahr 2015 total unschwul. Bringt euren Männern bei, dass sich die Wahl der Kleidung nach allem, nur nicht nach dem Wetter richtet. Dass man mit einer schönen Wohnung und einem gepflegten Äußeren einen hässlichen Charakter kaschieren kann. Und zeigt ihnen, wie sie mit zwei gebrochenen Handgelenken immer noch elegant am Bartresen lehnen können. Das macht den Schwulen das Straight-Acting wesentlich leichter.


Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Neee... jetzt hört ihr mal auf damit!
Über 50% Frauenquote, metrosexuelle well shaved, Oberkörper shaped, sensible fashion victim Hetero Typen und wenn jetzt auch die schwulen die Tunte rauslassen...
Das ist jetzt schon eine gewisse Östrogen Übersättigung da.

Ich verkriech mich ja schon zu den weißen Mittelstandsmännern in den Keller. Beim Hausmeister und Sicherheitspersonal kann man sich wenigstens noch gepflegt misslaunig anschweigen und rammschige Klamotten tragen. Und ich bin schwul.

Schwule, die sich betont männlich verhalten (es also schauspielerisch darstellen), denen merkt man es meistens sofort an. Straight-Acting ist für mich ein unpräziser Begriff: Man spielt eigentlich nicht hetero, man spielt maskulin. Ich mache das nicht und trotzdem fällt keinem auf, dass ich schwul bin. Warum? Es ist gibt einen Unterschied zwischen betont maskulin wirken zu wollen oder einfach nur nicht exaltiert zu wirken.
Die meisten Straight-Actor, die sich auf Romeo selbst auch so bezeichnen bzw anpreisen, sind mir am Ende meistens immer noch zu exaltiert und extrovertiert und...schwul^^. Da wird zwar die zu große Hose bis in die Kniekehle gezogen und die typische Ansprache ist "Yo Alder, was geht?", aber in den Details fällt's dafür umso mehr auf ("Ich hätte gern ein Bananenweizen").
Das man es mir schneller anmerkt, wenn ich getrunken habe, das stimmt allerdings. Weniger weil mein Verhalten "weibisch" wird, sondern weil meine Anmachen unverschämter werden ("Hey, Andy, als ich dich reinkommen sah bekam ich sofort Lust Deepthroat auf'm Autorücksitz zu üben...")

#3  —  4. Februar 2015, 9:42 Uhr
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"Man merkt dir gar nicht an,

"Man merkt dir gar nicht an, dass du schwul bist.” empfinde ich tatsächlich als Beleidigung, gerade weil es als Kompliment gedacht ist. Gemeint ist natürlich “männlich”, als sei ein schwuler Mann natürlich tuckig. Ich bin 2 Meter groß und sehr muskulös und verdammt stolz auf das Leben, welches ich mir als schwuler Mann geschaffen habe, inklusive meiner Freunde, meines Partners, meiner Freiheit und meiner Sexualität. Wer mir sagt, dass ich nicht schwul wirke, hat im Grunde überhaupt nicht hin geguckt.

Am meisten ärgert mich aber, dass Leute – hetero und homo – überhaupt in solchen Kategorien denken. Als wäre es nicht ganz selbstverständlich, dass ein Mann auch tuckig oder eine Frau burschikos auftreten könnten. Solche Sprüche sagen wohl mehr über die unreflektierten Stereotypen im Kopf des Sprechers als über die so Kommentierten.