"Tatort"-Kritikerspiegel Crystal Meth ist Mainstream

© NDR/Christine Schröder
In Kiel verfallen Jugendliche, Polizisten und Geschäftsleute dem Sog von Crystal Meth. Wird daraus ein Spitzen-"Tatort"? Unsere Kritiker haben eine klare Empfehlung.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Dieser Tatort zeigt die unterschiedlichen Milieus, in denen Crystal Meth konsumiert wird, von Disco-Kids bis zu Dorfbewohnern – und verzichtet auf den Wink mit dem pädagogischen Zaunpfahl. Entfesselte Rauschszenen wie diese hat man im deutschen Fernsehen noch nicht gesehen.

Lars-Christian Daniels: Klirrende Kälte, finstere Wälder, verschrobene Verdächtige und brutale Axtmorde: Sie stehen auf Skandinavien-Krimis? Bitteschön. Wir liefern Ihnen zudem noch einen Schuss Breaking Bad und Trainspotting frei Haus.

Nikolaus von Festenberg: Drehbuchautor Rolf Bassedow gelingt es, den Breaking-Bad-Schrecken um die Droge Chrystal Meth ins norddeutsche Tatort-Format zu übersetzen. Ohne Mystifizierung und theatralischen Donner bleibt das Erschrecken über die relativ neue Droge – dank geschickt gewählter filmischer Metaphern.

Kirstin Lopau: Keine Macht den Drogen. Wenn der Verfall dieser jungen Menschen kein Beweis dafür ist, dann weiß ich auch nicht.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 6 Punkte

Lars-Christian Daniels: Borowski: 9 Punkte; Brandt: 7 Punkte

Nikolaus von Festenberg: Borowski: 8 Punkte; Brandt: 7 Punkte

Kirstin Lopau: Ein spezieller Borowski (Axel Milberg), diesmal nicht ganz so unerträglich selbstverliebt, bekommt 5 Punkte. Sarah Brandt (Sibel Kekilli), wie immer eher farblos und nur an einer Stelle sympathisch ("Herr Borowski, ich finde das nicht gut."): 4 Punkte

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Die junge Protagonistin (grandios: Elisa Schlott) raucht zum ersten Mal Crystal Meth und verfällt einem euphorischen Aktionismus. 24-Hour-Party-People – der Zuschauer bekommt eine Ahnung von der verführerischen Kraft dieser zerstörerischen Substanz.

Lars-Christian Daniels: So ziemlich jede mit der großartig aufspielenden Elisa Schlott, die facettenreich zwischen verzweifeltem Druffi, liebevoller Schwester, lüsternem Party-Girl und nach Halt suchender Heranwachsender hin- und herwechselt. Stark!

Nikolaus von Festenberg: Wie Borowski beim Verhör der drogenabhängigen Hauptzeugin ins Nachdenken über seine eigene Tochter gerät, zu der er seit Langem den Kontakt verloren hat. Ein Moment zarter Trauer inmitten harter Polizeiarbeit.

Kirstin Lopau: Von Anfang an überzeugend und sehr eindringlich gespielt hat die junge Elisa Schlott, die Freundin des Opfers. Chapeau vor dieser Leistung! Ansonsten gefiel mir die Szene in einem kleinen fiktiven Dorf bei Kiel, angelehnt an eine Bierwerbung und nicht minder witzig. Sarah Brandt fragt: "Zum Fluss?" Einwohner: "Zurück." Da ist doch alles gesagt! Dabei sind wir Fischköppe gar nicht so. Ansonsten resultiert die gute Bewertung mit Sicherheit aus Lokalpatriotismus, schließlich wurde in meiner Stammdisko aus der Studentenzeit gedreht: der "Hinterhof" lebt! Einer der Polizisten wurde außerdem von Marius Borghoff, Ensemblemitglied des Kieler Schauspielhauses, gespielt. Das macht doch den Tatort aus: Orte und Leute wiederzuerkennen!

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Kommissar Borowski nimmt sich des Drogenmädchens an und wird natürlich sofort an die eigene Tochter erinnert – die ihn allerdings die letzten zehn Folgen lang kein bisschen interessiert hat. Der einzige rührselige Ausfall in diesem rigoros genauen Drogen-Trip.

Lars-Christian Daniels: Die Überführung des Dorfbullen, der wie alle anderen Einwohner bis zum Hals im Drogensumpf steckt und reumütig Besserung gelobt. Platte Figuren und dörfliche Mikrokosmen passen doch viel besser zur NDR-Kollegin Charlotte Lindholm.

Nikolaus von Festenberg: Wenn Borowski und ein männlicher Kollege ein Hühnchen genussvoll verspeisen und im Kochshow-Sprech über den gebratenen Vogel schwärmen. Nicht nur Kommissarin Brandt (Kekilli) setzt sich nicht mit an den Tisch. Der Zuschauer würde sich auch am liebsten abwenden.

Kirstin Lopau: Borowski imitiert den Balzruf einer Saatkrähe. (Warum nur?)

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 9 Punkte

Lars-Christian Daniels: 8 Punkte – Kiel in Normalform

Nikolaus von Festenberg: 7 Punkte

Kirstin Lopau: Für einen Kieler Tatort nicht schlecht: 7 Punkte

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Kirstin Lopau: Keine Macht den Drogen. Wenn der Verfall dieser jungen Menschen kein Beweis dafür ist, dann weiß ich auch nicht.

--- 'Keine Macht den Drogen', geht es noch etwas platter, Frau Lopau? Wer kommentiert, sollte sich vielleicht erstmal ein differenziertes Bild machen, statt den Tatort als alleinige Informationsquelle zu nutzen. Alle wirksamen Substanzen in einen Topf zu schmeißen ist einfach schwach. Hätten sie gesagt: 'Keine Macht Crystal Meth', OK. Dann ist aber immer noch die Frage wie man mit dem Problem umgeht und ob strafrechtliche Verfolgung der richtige Weg ist.

http://blogs.taz.de/droge...

http://www.schildower-kre...

http://blogs.taz.de/droge...

http://www.drogenkult.net...

..., aber ja, scheiß Crystal Meth, scheiß Crack, scheiß Koks, solange Regierungen weltweit allen Rausch auf Alk und Niktotin begrenzen wollen, werden die illegalen Substanzen, die unsere Mitmenschen nehmen immer billiger und schädlicher werden. Es ist Zeit die ideologisch verbrämte Drogenpolitik zu überdenken!

Ähm,Verzeihung bitte: Tatort - Kritikerspiegel?

Ebenfalls Verzeihung für meine "Weltfremdheit" - nach etwa 18 Jahren freiwilliger Fernsehabstinenz bin ich wahrscheinlich nicht sonderlich up to date, aber eine Frage hätte ich doch.

Da gibt es als Kritiker vier sicherlich nicht gerade unintelligente Menschen, die nach jeder Folge darüber disputieren, was die Drehbuchautoren sagen wollten, wie überzeugend die Darsteller waren oder was sie (die Kritiker) für ihre Lieblingsszene hielten?
Und meine von mir seit über 20 Jahren hochgeschätzte Wochenzeitung gibt dem ganzen ein Forum (welches ich zum ersten und letzten Male gerade gelesen habe und hier auch kommentiere?)

Ich kann mich noch erinnern, den "Tatort" früher gesehen zu haben. Da gab's am nächsten Morgen entweder zu hören: "War der spannend!!!" oder aber "Was für ein Müll!!!" und das war's dann auch schon an Kritik bis zur nächsten Folge.

Seziert wurde das Ganze glücklicherweise nicht.

Vielen Dank für Ihre Zeit für's Lesen.

kann mich auch nur wundern über die Ansprüche an einen Tatort.
mir fällt da eher die imdb-Kategorie facts we learned from.... ein

1. Meth-Dealer sehen aus wie Jürgen Klopp
2. Die Polizei und Zeugenschutz passt nicht so gut in die Dramaturgie
3. Meth-Süchtige grinsen und fuchteln mit den Armen wie Jürgen Klopp
4. Vergewaltigung und Rückfall der Hauptrolle kurz vor Schluss stehen einem Happy End nicht im Weg
5. Für die Ortung eines Handybesitzers eignet sich am besten eine Razzia in einer Disco

Der Tatort war spannend, die Schauspieler in Form.