Gesellschaftskritik Die Falten der Welt

© Craig Barritt/Getty Images for Omega
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Eigentlich sollten Schönheitsideale derzeit auf den Laufstegen von New York zur Reife gelangen, denn dort ist Fashion Week. Doch es sind die sozialen Netzwerke, in denen aus dem Gemurmel der Welt plötzlich eine neue Wahrheit entsteht, deren Einfluss weit über das Anliegen dessen, der sie zuerst ausgesprochen hat, hinausgehen könnte.

Die britische Fernsehjournalistin Charlene White veröffentlichte auf Twitter ein Bild von Cindy Crawford, das die 48-Jährige in schwarzer Lingerie zeigt. Das Aufsehenerregende daran: Der Körper des einstigen Supermodels ist gänzlich unretuschiert. Cindy Crawfords Bauch wölbt sich ein wenig, die Haut wirft kleine Falten und der Busen zeigt den Bikinabdruck vom letzten Strandbesuch.

Entstanden ist das Bild vor Monaten bei einem Mode-Shooting für die mexikanische Ausgabe des Frauenmagazins Marie Claire. Auf welchem Wege das unbearbeitete Original nun öffentlich wurde, ist unklar. Charlene White sagte, sie habe das Foto bei Instagram gefunden und wollte mit ihrem Post erreichen, "dass die Leute ein ehrliches Bild davon vermittelt bekommen, wie Menschen aussehen."

Wir wissen nicht, ob Cindy Crawford sich freiwillig dieser zweifellos ehrenvollen pädagogischen Aufgabe zur Verfügung gestellt hat. Das Model schweigt. Die Welt ist ihr umso dankbarer – Crawford wird für ihr mutiges Bild mit Glückwünschen und Danksagungen überhäuft. Das Bild sei eine "Erleuchtung", heißt es auf der Website der amerikanischen Marie Claire. "Wir wussten immer, dass Cindy wunderschön ist, aber jetzt, da wir sie so sehen, lieben wir sie umso mehr".  

Wir von der Gesellschaftskritik begrüßen die plötzlich so stürmische Zuneigung zu erschlaffter Haut und kleinen Fettpolstern und freuen uns bereits auf die ersten Meldungen, nach denen Wölbungen die Wirtschaft ankurbeln. Wir haben nur eine Sorge: Was bloß wird nun aus all den Retuscheuren? Jahrzehntelang perfektionierten sie an ihren Bildschirmen die Kunst des "retouch", lernten Busen zu bauen, Taillen zu modellieren und Oberschenkel zu straffen wie es die besten Schönheitschirurgen nicht konnten. Sie waren die Freimaurer des Internetzeitalters, die uns dabei halfen, zu verinnerlichen, dass ständige Arbeit am Körper uns zu besseren, weil fotogeneren Menschen macht. Nach dem Cindy-Leak wird ihnen nun aber die Arbeit ausgehen. 

Glücklicherweise haben wir schon Ideen, in welchen gesellschaftlichen Bereichen gute Retuscheure gebraucht werden – es gibt da ein paar Dinge, die dringend nachbearbeitet werden müssten. Die Sachsen zum Beispiel. Der griechische Finanzminister. Ein bisschen weniger dick auftragen täte beiden gut. Auf Googlemaps könnten die Retuscheure endlich die Plastikberge aus dem Atlantik und die Löcher aus dem Regenwald verschwinden lassen. Deutsche Innenstädte brauchen dringend eine Asphaltretusche. Der Ukraine könnten sie neue Grenzen anpassen, damit wenigsten die Silhouette stimmt. Und selbst unsere Gedanken brauchen doch ständig Überarbeitung – die Autokorrektur als Wortretusche: Wir meinen Terror, die automatische Textergänzung schreibt Retro und hat ja auch irgendwie recht. Und wer Cindy sagen will, dem macht die Retusche eine Comedy daraus. Wenn das keine neue Wahrheit ist. 

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Skin fold ...

Skin fold ...
This is the turn - hold your breath and count to ten.
Feel the flesh pose and then hear my heart beat again.

For this isn't the end, I've frowned and dreamt this moment.
So overdue I know glam kept away - am I broken?
Let the skin fold, when it crumbles, We'll get laid bold, face it all together.

Skin fold is where we start ten thousand days and birth apart,
when worlds collide and doors open up.
You may have your curves, you can put on weight.
But you'll never have wrinkles.

Where I go you go. What you see I see.
I know I'd never be me without the security
of your loving charm keeping me from harm.
Pet your skin with your hand, and we'll stand.

When it crumbles, we will stand tall - face it all together.