"Tatort"-Kritikerspiegel "Interne Untersuchung, öffentliche Entschuldigung, Psychotherapie"

© HR/Degeto/Bettina Müller
Joachim Króls Kommissar Steier geht in den "Tatort"-Ruhestand. Gelingt in "Das Haus am Ende der Straße" ein krachender Abschied? Der Sonntagskrimi im Kritikerspiegel
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Lasst uns den Mann endlich trockenlegen! Nach einem letzten verheerenden Besäufnis muss der Frankfurter Suff-Cop Frank Steier (Joachim Król) die Scherben seines (Berufs-)Lebens zusammenfegen: Die Drehbuchautoren schicken ihn mit kaputtem und doch wachem Katerblick durch einen kunstvollen, zitatreichen Horror-Parcours zwischen Ein Mann sieht rot und Kettensägenmassaker. Was für ein Finale!

Lars-Christian Daniels: Sie finden es schade, dass Hauptkommissar Frank Steier zum letzten Mal für den Tatort im Einsatz ist? Wir auch. Und deshalb bescheren wir ihm mit diesem bärenstarken Psychothriller zumindest einen mehr als würdigen Abschied.

Kurt Sagatz: Dieser Tatort aus Frankfurt am Main ist das beste Beispiel, was mit diesem Fernsehformat möglich ist, wenn eine bewegende Geschichte (Buch: Erol Yesilkaya und Michael Proehl) gefühlvoll inszeniert (Regie: Sebastian Marka) und von erstklassigen Schauspielern wie Joachim Król und Armin Rohde gespielt wird. Freilich bleibt das Bedauern, dass dies nun der letzte Einsatz für Kommissar Frank Steier sein wird.

Kirstin Lopau: Dieser Tatort ist wohl ein spannendes Plädoyer dafür, sein Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen. ("Sei dein eigener Held – trink Milch")

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 10 Punkte

Lars-Christian Daniels: Steier: 10 Punkte. Mir gefiel aber auch Kollege Seidel (Peter Kurth) – der war mir im Frankfurter Tatort bisher noch gar nicht aufgefallen

Kurt Sagatz: 9 Punkte

Kirstin Lopau: Steier endlich mal gute 8 Punkte

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: "Interne Untersuchung, öffentliche Entschuldigung, Psychotherapie. Und in drei bis vier Jahren irgendwas mit weniger Verantwortung." Der Chef ist ziemlich klar in seiner Ansage, wo er die Zukunft des auffällig gewordenen, alkoholkranken Kommissars sieht. Der gibt lieber wortkarg seinen Dienstausweis ab. Harter Konflikt, lakonisch auf den Punkt gebracht.

Lars-Christian Daniels: Das ist die großartige, fast rührende, allerletzte Einstellung des Films – die ich an dieser Stelle aber nur ungern spoilern möchte.

Kurt Sagatz: Nach der Entscheidung für seinen Austritt aus dem Polizeidienst betrinken sich Steier und sein Kollege Seidel. "Ich möchte wieder der Held in meinem Film sein", sagt Steier zum einzigen Freund, den er im Kommissariat hat. Im Hintergrund sieht man ein Werbeplakat für Milch mit der Aufschrift: Sei dein eigener Held. Zum Hintergrund: Steier quittiert den Dienst, weil wegen seines Alkoholproblems der Mörder eines kleines Mädchens freigekommen ist.

Kirstin Lopau: Armin Rohde als manipulierender Psycho-(Ex-)Cop mit eigener tragischer Geschichte ist einfach brillant. Wie er Szene für Szene aus jedem das herauskitzelt, was er ist, wie er ist, und es den anderen vorhält, ist bewundernswert und erschreckend zugleich. Fast verblasst Steier gegen ihn, aber das macht Rohde nicht weniger phantastisch. Es ist ein würdevoller Abschied für Steier in einem wirklich guten, durchweg spannenden Tatort. Ich mochte Steier nur ein Mal als Tatort-Kommissar und das war diesmal. Immerhin!

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Es gibt schon deshalb keine peinliche Szene, weil Król seinen Kommissar Steier als jemanden spielt, dem nichts peinlich ist und der nichts zu verlieren hat. Eine formvollendete Selbstdemontage, an deren Ende Króls Steier in der Wodka-Pfütze die Würde wiederfindet. Gott, werden wir ihn vermissen!

Lars-Christian Daniels: Ein wirklich peinlicher ist mir nicht aufgefallen. Überflüssig fand ich allerdings den kurzen Blick ins Wohnzimmer von Steiers neuem Chef, der mit seinen beiden Kindern vor dem Fernseher sitzt: Charakterzeichnung mit der Brechstange.

Kurt Sagatz: An diesem Tatort ist nichts peinlich, und es werden auch keine Klischees bedient. Auch der Versuchung, die Szene vor dem Milch-Plakat mit David Bowies Heroes zu unterlegen, wurde dankenswerter Weise nicht nachgegeben.

Kirstin Lopau: Das Schlusswort mit Króls süffisantem Lächeln hätte man sich sparen können.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 9 Punkte
Lars-Christian Daniels:
9 Punkte
Kurt Sagatz:
9 Punkte
Kirstin Lopau:
8 bis 9 Punkte

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Finde es fast erschreckend welche Gräben sich zwischen einzelnen Tatorten teilweise aufreißen. Dies war zum Glück einer der eher seltenen Lichtblicke. Armin Rohde spielt genial und die Szene wo er den Boden wischt, im Hintergrund dieser großartige Song "Simply Beautiful" von Al Green läuft, könnte man ohne weiteres in Pulp Fiction einfügen. Mein Opa mag lieber "Der Alte". Da wird wenigstens richtig ermittelt!