Gesellschaftskritik Woo-hoo die Erde weint

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Auch Spaßvögel wie wir, denen aus Mitleid diese Rubrik überlassen wurde, in der wir uns von Drittmitteln des Gelächters und der Klatschspalten ernähren, wünschten sich manchmal, dass es auf der Welt gerechter zuginge. Auf unserem Wunschzettel steht zum Beispiel seit Langem, dass, wenn wir uns vereinsamt durch den Alltag hangeln, uns wenigstens eine Gruppe von Pinguinen hinterherliefe als seelischer Beistand. Außerdem sähe es ganz gut aus. Wir wissen allerdings nicht, bei wem wir das beantragen sollten, für Pinguine im Großstadtalltag fühlt sich keiner zuständig, ebensowenig für den Backgroundchor, der, wenn schon keine Pinguine verfügbar sind, jede unserer Lebensäußerungen mit einem silbrigen "Woo-hoo" veredelt. Die Welt, das müssen wir einsehen, ist nicht gerecht. Da helfen keine Wohlanständigkeit und keine besenreine Schufa-Auskunft.

Nun kann man in manchen Belangen immer noch eine Quote fordern, und hoffen, dass die Welt zuhört – besonders, wenn sie sonst das falsche hört. Das glaubt zumindest Franz-Robert Liskow, Vorsitzender der Jungen Union in Mecklenburg-Vorpommern, wo der Wind durch Schilf und Hose bläst und die Erde bisweilen weint, wie kein andrer Planet. Liskow möchte eine Quote für den deutschen Schlager im Radio; und aus Erfahrung wissen wir, dass dieser Vorschlag seit dem Pleistozän in einem Bunker herumstaubt, gleich neben den Zusammenlegungsplänen von Berlin und Brandenburg (Arbeitstitel: Preußen) und der Originalquittung für die Elbphilharmonie.

Also: 35 Prozent mehr Flippers, mehr Rosenberg, vor allem mehr Helene Fischer, weswegen Liskows Vorstoß bereits als "Fischer-Quote" berühmt wurde. Weil die Menschen nicht immer nur gemeinsam Exportschlager singen sollen, sondern der Liedgutbürger sich wieder an seiner Sprache erfreuen soll, an einer Musik, die uns unvergessliche Zeilen schenkte, wie etwa "Das Telefon schweigt wie gefrorenes Holz". Wer das nämlich noch kennt, nimmt heute Kukident. Das könnte sich ändern!

Und wäre es nicht auch angenehm, zumal in ländlichen Gegenden: Wenn in Mecklenburg wieder mehr Züge ins Nirgendwo fahren, statt immer nur gar keine. Wenn dort Männer wieder Cowboys sind, statt pausenlos in der Eckkneipe. Wenn es wieder Himbeereis zum Frühstück gibt, griechischen Wein und weiße Rosen aus Athen und nicht immer nur das runtergesetzte Zeug aus dem Kaufland. Wenn sich Liebeskummer wieder lohnt. Mitunter nämlich läutet die Musik wie die Sprache eines versunkenen Zeitalters in eine erstaunte und neue Welt hinein. Sagt immerhin Nietzsche. Und es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass er damit auch den Schlager gemeint hat. Falls ja: Na gut. Aber wir hätten dann jetzt wirklich gerne unsere Pinguine.

Kommentare

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Die Glosse gibt implizit auch eine Antwort auf die Frage, warum die Musikbranche (nur hierzulande?) quasi flächendeckend auf englische Texte setzt. Das ist nicht nur der "Export". Die "Musik" im Radio, und hinter den Ohrstöpseln des iphones steht für mögliche, aber garantiert nicht für das gesungene -und verstandene- Wort.
Der Autor zieht über etwas her, was beim "englischen" Gegenüber seiner Wahrnehmung wohl entzogen ist. Und ich vermute: das ist auch gut so. Er führt eine Stildebatte und teilt dabei ungleich aus.
Zwei Fragen:
Wie wird das Thema bei unseren Nachbarn gehandhabt? Also wie sieht es mit polnischer, französischer, tschechischer oder dänischer Populärmusik aus?
Und ggf. sollte man vielleicht überhaupt mal über die soziale Funktion des Singens nachdenken. Liedgut vom Typ "We shall overcome" oder "yellow submarine" ist ja auch im Nebel der Vergangenheit verschwunden, ohne daß was entsprechendes nachgerückt wäre.
Ich find, das Thema insgersamt ist nicht lustig.

Die Antwort ist immer schnell da. Ich glaube sie aber mittlerweile nicht mehr.
Die, die im Englischen nicht zuhören, hören auch im Deutschen nicht zu und wer Wert auf die Texte legt, achtet auch im Englischen darauf.

Nicht lustig finde ich die Quoten-Idee eher deswegen, weil Schlager, so er nicht selbstironisch ala Dieter Thomas Kuhn daher kommt, einfach nur weh tut, sowohl körperlich als auch seelisch.
Eine Schlager-Quote würde bei mir lediglich dazu führen, dass ich das Radio ganz abschalte und Beschallungsräume meide oder nur noch mit Micky Mäusen betrete.

Es wäre mal interessant, herauszufinden, wie es der Schlager eigentlich schafft, so unmittelbar schmerzerzeugend zu funktionieren.
Es ist in jedem Fall nicht der Text, wenn auch der manchmal unmittelbaren Würgereiz ("Manchmal möchte ich gern mit Dir") oder Kopfschmerz ("Atemlos") auslöst. Es ist eine unsägliche Treffsicherheit, Rhythmus, Instrument und Stimme so zu kombinieren, dass es garantiert nicht passt. Dazu eine Penetranz aufzubauen, die Fluchtreflexe auslöst.
Das schafft bei mir zumindest keine andere Art von Musik.
Und das sag ich als jemand, der so ziemlich jeder Musikrichtung offen steht.

Ich denke, allein der technische Fortschritt durch Mp3, Internetradio etc führt die Quoten-Idee schon ad absurdum. Wer ist denn noch gezwungen, ein quotiertes öffentliches Radioprogramm zu hören?

Im übrigen ist auch "Helene-Fischer-Quote" kein sehr passender Begriff, da in einschlägigen Schlager-Sendern sowieso hauptsächlich deutsche Musik gespielt wird. Die Quote hätte wohl eher Auswirkungen auf die "jüngeren" Sender, wo dann mehr deutsche Popmusik, Rock, Hip Hop etc gespielt würde.

Von mir aus können es 90% sein, das letzte mal das ich bewusst Radio angemacht und gehört habe da war ich vielleicht 13. Seit im Grunde gar kein Radio mehr gehört. Die Werbung, Moderation und Musik war einfach zu nervig.
Allerdings würde es in der Schlagerkasse klingen und die meisten machen doch nur Schlager weil sich damit gut Geld verdienen lässt selbst bei mittelmäßiger Qulität, daher lieber nicht.