"Tatort"-Kritikerspiegel Sie war doch nur ein Muli

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Das neue "Tatort"-Team aus Berlin, gespielt von Meret Becker und Mark Waschke, provoziert mit Sex, Drugs and Ehekrach. Der Sonntagskrimi im Kritikerspiegel
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Was Berlin hat, sollte man zeigen. Nach den eher beschaulichen, immer etwas unwirklichen Stadtrundfahrten von Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) gibt es nach der Rundumrenovierung des Berliner Tatortmit Meret Becker und Mark Waschke jetzt das volle Programm: Kreuzberg, Wedding, SM-Sex, Koks-Schmuggel, grausame Mafia-Hinrichtungen. Das alles ist wild geschnitten. Ja ja, wir haben es verstanden: Berlin, Alter!

Lars-Christian Daniels: Ritter und Stark waren ihnen nicht berlinerisch genug? Bitte schön: Wir verpassen dem Berliner Tatort Lokalkolorit. Auch wenn Meret Becker (noch) nicht aus jedem "ich" ein "icke" macht.

Maria Fiedler: Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) haben beim Lösen des Falls offenbar unterschiedliche Motive. Damit wird die Frage aufgeworfen: Ist es legitim, ein einzelnes Leben zu opfern, um dafür ein Netz organisierter Kriminalität zu zerschlagen? Oder ist jedes Schicksal entscheidend?

Kirstin Lopau: Menschen zählen (im Drogenmilieu), wenn es um das große Geld geht, gar nichts. Deshalb ist es egal, ob eine 13-Jährige beim Drogenschmuggel an den geschluckten Kondomen mit Kokain krepiert: "Das ist doch nur ein Muli!" Und auch der Kommissar zögert nicht, das Leben der 13-Jährigen aufs Spiel zu setzen, um an die Hintermänner heranzukommen.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 7 Punkte

Lars-Christian Daniels: Rubin: 7 Punkte, Karow: 8 Punkte

Maria Fiedler: Beide sind sehr authentisch. Robert Karow – angelegt als sympathisches Arschloch – scheint seiner Kollegin immer um mehrere Schritte voraus zu sein. Das wirkt sehr lässig. 9 Punkte dafür. Bei Nina Rubin brodelt es unter der Oberfläche. Im Job immer professionell, privat dagegen völlig überfordert. Ebenfalls ein vielschichtiger Charakter – 8 Punkte.

Kirstin Lopau: Nina Rubin 6 Punkte mit Tendenzen nach oben, Robert Karow 7 Punkte.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Der Mafioso, der einer Frau bei lebendigem Leibe den Magen aufgeritzt hat, ist mit seinen Töchtern im Ballettstress.

Lars-Christian Daniels: Karow knöpft sich eine junge Drogenkäuferin vor: "Wenn ich dich noch mal hier sehe, ziehst du dich aus, ich mach' ne Leibesvisitation und stell' die Fotos auf deine Facebook-Seite!" Das sitzt. Nett aber auch, wie der neue Berliner Hauptkommissar die junge Hospitantin Anna Feil (Carolyn Genzkow) zur Schnecke macht. Erinnert oft an den launischen Dortmunder Kollegen Faber (Jörg Hartmann), wenn auch weniger abgewrackt.

Maria Fiedler: Spannende Szenen gibt es viele. Zum Schmunzeln ist aber diese: Die Hospitantin, die von Karow ständig von oben herab behandelt wird, hat es faustdick hinter den Ohren. Sie kommt von einer Recherche zurück, für die Karow ihr sein Auto geliehen hat. "Ist noch was?", fragt er sie. Sie schaut betreten. Er fragt: "Der Wagen?" Sie: "Ach ja, das wollt' ich Ihnen noch sagen. Die rechte Tür…", sie zögert, "… klemmt." Da muss selbst Karow lachen.

Kirstin Lopau: Meret Becker polarisiert. Im neuen Tatort-Team aus Berlin übernimmt das Polarisieren allerdings ihr Partner Karow. Er ist dubios, hat eine kriminelle Vergangenheit und ist immer noch ins Drogenmilieu verstrickt. Er benimmt sich seinen Kollegen gegenüber wie die Axt im Walde, der Hospitantin gegenüber wie ein Chauvi und bis zum Schluss ist nicht klar, ob er nun das Leck im Polizeiapparat ist oder nicht. Herrlich ambivalent spielt diese Rolle Mark Waschke, mal zum Reinschlagen, mal zum in den Arm nehmen. Kommissarin Rubin tritt als harte Chefin auf ("Ich arbeite jetzt seit 6 Jahren bei der Mordkommission. Wie lange Sie?" Karow: "Seit 2 Stunden und 16 Minuten."), steht aber zu Hause vor einem Scherbenhaufen. Leider wird ihr Familienleben so ausführlich thematisiert, dass es von der Story ablenkt. Eine schöne Szene: Der Gangsterboss bekommt einen Anruf von seiner Frau und wird gebeten, die Kinder vom Ballett abzuholen und auf dem Weg noch Mineralwasser zu kaufen, "das französische". Dieser Tatort mit neuem Ermittlerteam ist bedrückend, schwierig, schmutzig und harte Kost – das Team hat Potenzial.

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Die ewigen Scheidungsgespräche am Esstisch der Kommissarin. Nun trennt Euch doch endlich!

Lars-Christian Daniels: Drogenhändler Mehmet Erdem (Kida Khodr Ramadan) gibt auf der Straße den harten Mann, aber wer hat in den heimischen vier Wänden die Hosen an? Na klar, seine deutsche Ehefrau, die ihn regelmäßig auf dem Handy anruft und an den Geburtstag seiner Tochter erinnert. Zum Beispiel, wenn der Gatte gerade Dealer in leerstehenden Fabrikhallen umnietet.

Maria Fiedler: Zumindest sehr unangenehm ist der Moment, in dem Kommissarin Rubin im Fahrstuhl eine vertrauliche Akte von einem Kollegen bekommen will. Sie hatte mit ihm offenbar ein Techtelmechtel. Bevor er die Akte herausrückt, kommt er deshalb ganz nah und fragt: "Wann sehen wir uns wieder?"

Kirstin Lopau: Diese gewalttätige Sexszene am Anfang. Mir ist nicht klar, wozu wir sie brauchen. Schön war sie nicht.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 7 Punkte

Lars-Christian Daniels: 7 Punkte – guter Einstand, der Lust auf mehr macht

Maria Fiedler: Einer der besten Tatorte seit Langem. Spannend und authentisch: 9 Punkte

Kirstin Lopau: 6 Punkte

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

Der Tatort war ja wohl grottig! Mal von der neuerdings herrschenden Vorliebe für kaputte Typen im Öffentlich-Rechtlichen abgesehen:

Da sitzen zwei Kommissare in einem Büro und haben einen ganzen Stab an Mitarbeitern, der nach Belieben hochherrschaftlich herumkommandiert wird. Gnädigerweise werden ab und zu ein paar Informationshäppchen zugeworfen. Das ist ja fast wie in schlechten Spielfilmen der 50er!

Karow: versucht sich als James Bond für Arme. Hauptsache cool. Ganz schön pubertär. Rubin: bekommt privat nichts auf die Kette, aber im Job gut organisiert? Sowas gibt es nicht. Beamtenhaushalte sehen anders aus.

Weitere Folgen mit den beiden werde ich mir wohl ersparen.

Von den vielen Klischees, dem unnötigen Sex uns der ebenfalls unnötig plastischen Brutalität abgesehen: Es wurde so großes Augenmerk auf das horizontale Erzählen gelegt, dass der aktuelle Fall darob zu kurz kam. Er war nicht spannend. Da hilft es mir nicht, dass der Herr Kommissar ein zwielichtiger Charakter ist, dessen wahre Motive in Folge 4 aufgelöst werden; so viele Berliner Tatorte dieser Qualität werde ich nicht mehr schaffen anzusehen.