"Tatort"-Kritikerspiegel Revierpflege in Kiel

© NDR/Christine Schroeder
Der "Tatort" erobert das Problemviertel Kiel-Gaarden. Mit Kampfhund-Klischees und leicht zu beeindruckenden Zeugen. Nur Mops Pico überzeugt. Der Krimi im Kritikerspiegel
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Die Verantwortlichen dieses Tatorts versuchen ihre Geschichte über Hartz IV und Missbrauchsverdacht im Problemviertel Kiel-Gaarden mit Western-Elementen aufzupeppen. Funktioniert leider nur so halb. Warum von Sozialhilfeempfängern und Kinderverwahrlosung immer nur im öden Problemfilm-Look erzählen? 

Lars-Christian Daniels: Sie wohnen in Gaarden und möchten irgendwann mal Karriere machen? Ziehen Sie weg. Besser heute als morgen.

Tatjana Kerschbaumer: Kiel-Gaarden ist definitiv kein guter Ort, um Kinder großzuziehen.

Kirstin Lopau: In Problemvierteln können verurteilte Pädophile quasi untertauchen und ihre Tage mit den Kindern aus dem Viertel bei Wodka und Pornos verbringen. Ach ja, und jeder weiß es und keiner sagt was.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: Beide: 4 Punkte

Lars-Christian Daniels: Borowski: 7 Punkte; Brandt: 4 Punkte

Tatjana Kerschbaumer: Borowski: 8 Punkte; Brandt: 6 Punkte

Kirstin Lopau: Der enervierende Borowski nervt diesmal nicht ganz so stark: 6 Punkte; Frau Brandt dafür umso mehr: 3 Punkte

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Fast alle Szenen mit dem aus Game of Thrones bekannten Darsteller Tom Wlaschiha, der hier breitbeinig den Sheriff des Problemviertels gibt. Dagegen können Borowski und Brandt nicht anstinken.

Lars-Christian Daniels: Borowski trifft im sozialen Brennpunkt Kiels nicht nur auf abgehalfterte Hundeliebhaberinnen, sondern auch auf aufmüpfige Halbstarke. Beste Szene ist die Befragung des 15-jährigen Hauptverdächtigen: "Wie heißt Deine Freundin? SHERYL? Das ist ein… ähm… interessanter Name."

Tatjana Kerschbaumer: Borowskis Chef Schladitz tätschelt Fritz, dem Sohn der Gerichtsmedizinerin, wohlmeinend-schleimig den Kopf: "Und, was habt Ihr jetzt noch Schönes vor?" Gerichtsmedizinerin: "Fritz hat Kopfläuse. Kinderarzt."

Kirstin Lopau: Mal wieder geht's im Tatort um Kindesmissbrauch. In einem Problemviertel. Gähn. Einzig die Verstrickung des "Platzhirsches" Polizeihauptmeister Rausch, von Brandt liebevoll Rauschi genannt, da sie ihn aus Kindertagen kennt, ist einigermaßen interessant. Wenn auch die Auflösung beim Trinkspiel zwischen der "kleinen Nachbarin" und Rauschi hanebüchener nicht sein kann. Ansonsten viel Borowski und viel Gaarden. Nee, das war mal wieder nichts aus meiner Heimatstadt, sorry. Der heimliche Star dieser Folge, weil süß, gänzlich unbeteiligt und dadurch überflüssig, ist der Gaardener Mops Pico.

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Weil die harten Jungs aus Kiel-Gaarden nicht mit ihm sprechen wollen, schließt sie Borowski auf einem Fußballplatz ein, und schon singen die kaputten Typen wie Kanarienvögel. Unglaubwürdig.

Lars-Christian Daniels: Borowski lässt sich selbst und vier "Kinder von Gaarden" auf einem Bolzplatz einschließen, klaut ihnen den Fußball und bittet sie zum Gespräch. Siehe da: Kaum ist der erste Zorn verraucht, sind die Teenager plötzlich redselig. So einfach ist das also.

Tatjana Kerschbaumer: Polizist Rauschi legt mindestens eine Hausfrau in seinem Viertel flach – natürlich während er im Dienst ist. In Rauschis Jargon heißt das "Revierpflege". So kann man's auch sagen.

Kirstin Lopau: Gaarden ist ein Kieler Problemviertel. So ist die erste Einführung des Kiezes mit Pennern, Kampfhunden, Alkoholikern und herumlungernden Jugendlichen sicherlich okay. Leider entwickeln die Drehbuchautoren dieses Bild nicht weiter und das ist schade. Völlig bekloppt und für Ortsansässige sofort als falsch zu erkennen, sind die Hamburgisch sprechenden Kieler, wie zum Beispiel der Kollege von Rausch – der spricht, als wäre er aus dem Ohnsorg-Theater entsprungen.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 5 Punkte

Lars-Christian Daniels: 6 Punkte – ein schwacher Kieler Tatort ist schließlich immer noch guter Durchschnitt.

Tatjana Kerschbaumer: 6 Punkte

Kirstin Lopau: 6 Punkte

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