Gesellschaftskritik: Generation Glotz

© dpa
Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Winnetou, so erfuhren wir am Wochenende, kehrt zurück, als Mehrteiler neu verfilmt für RTL. Ein paar Tage zuvor war bereits das Comeback von Timm Thaler verkündet worden, dem Jungen, der 1979 so um Weihnachten rum im ZDF sein Lachen verkaufte: Regisseur Andreas Dresen dreht ein Remake fürs Kino. Und dann das: Margarethe Schreinemakers verhandelt mit RTL über eine neue Talkshow, was uns sofort zum Weinen brachte. Vor Glück, natürlich.

Wir glauben, dass das alles kein Zufall sein kann: Die Film- und Fernsehindustrie setzt jetzt offenbar gezielt auf die Nostalgie der 35- bis 45-Jährigen. Vermutlich bastelt irgendwo irgendjemand längst an einer Superserie, in der ein Peter-Weck-Lookalike diese Drombuschs heiratet, die dann in ein Haus neben die Wicherts ziehen, bei jedem Zipperlein in die Schwarzwaldklinik rennen und in Verbrechen verstrickt werden, die dann Derrick und Harry aufklären dürfen. 

Das Kalkül der Fernsehmacher liegt auf der Hand: Wir, die wir in den 1970ern und 1980ern Kind waren, schauen heute wieder häufiger fern statt weiterhin durch die Clubs zu tanzen. Kennen noch das gemeinschaftsstiftende Lagerfeuerfernsehen mit seinen Weihnachtsserien und vermissen es vielleicht. Haben eventuell Kinder, denen wir gern zeigen wollen, was früher alles besser war, sogar im Fernsehen. Sind im besten Alter für eine Midlife-Crisis, beäugen also die nähere Zukunft und die nähere Vergangenheit misstrauisch und lassen uns nur allzu gern in das behagliche Sofa der Nostalgie fallen. Entsprechend dazu steht dieses Sofa ja heute in unseren Wohnzimmern voller Retrodesign.  

Wir sind die letzte Generation, deren Kindheit analog war. Die Zukunft wird immer digitaler, und Retro beruhigt. Dass wir uns, wenn wir eine futuristische Lampe aus den 1970ern ins Wohnzimmer stellen, nach einer Vergangenheit sehnen, die sich selbst nach der Zukunft gesehnt hat, ist fast ein bisschen komisch. Oder traurig. Aber egal, sieht nämlich gut aus. Vor allem, wenn man beim Fotografieren mit dem Smartphone noch so einen 1970er-Jahre-Farbfilter drüberlegt.

Es ist zwar mutlos, was sich die Fernsehmacher da ausdenken, könnte aber funktionieren. Und in 30 Jahren, wenn Wetten, dass..? wöchentlich ausgestrahlt wird und die Hornbach-Werbung als Serie im Fernsehen läuft, kommt irgendwann auch das YouTube-Video mit dem niesenden Panda in Spielfilmlänge ins Kino.

Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren