"Tatort"-Kritikerspiegel Franken hat einen Dadord verdient

© BR/Olaf Tiedje
Wie man in Nürnbergs trübsten Ecken Licht ins Dunkel bringt, zeigt der neue Tatort: "Der Himmel ist ein Platz auf Erden". Aber wer wirft den ersten Knödel gen München?
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Nürnberg? Gibt es die Stadt überhaupt noch? An einer Stelle des Franken-Tatort heißt es mit Verweis auf ein örtliches Gewerbegebiet: "Quelle, Adler, AEG, lauter untergegangene Weltunternehmen". Dass Autor und Regisseur Max Färberböck und seine beiden Ermittlerdarsteller Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs aus diesem trüben Ort dann doch noch eine Bühne fürs große menschliche Drama machen, lässt das neue TV-Revier dann umso glanzvoller erscheinen.

Lars-Christian Daniels: Franken hat seinen eigenen Dadord verdient. Finden Sie nicht auch?

Sabine Oberpriller: Auch in Nürnberg gibt es Mörder, Kommissare, das SEK – und drum herum sehr viele Landstraßen.

Kurt Sagatz: Wie heißt es so schön in Nieder- und Oberbayern: "Man muss Gott für alles danken, selbst für Schwaben oder Franken". Nun also haben auch die Franken einen eigenen Tatort in Nürnberg. Das Team ist ausgezeichnet besetzt. Dagmar Manzel als Kommissarin Paula Ringelhahn und Fabian Hinrichs als ihr neuer Kollege Felix Voss sind sowohl auf der Bühne als auch auf dem Bildschirm zu Hause. Matthias Egersdörfer als Spurensicherer Michael Schatz sorgt für Lokalkolorit. Und mit Max Färberböck als Autor des Drehbuchs und mehrfach ausgezeichnetem Regisseur für die Auftaktfolge "Der Himmel ist ein Platz auf Erden" konnte der Bayerische Rundfunk es kaum besser machen. Am Ende ist sogar eine echte bayerische Moritat über die Folgen eines sexuell ausschweifenden Lebens daraus geworden. Passt schon, wie man in Bayern sagt. 

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: Beide Kommissare – 8 Punkte

Lars-Christian Daniels: Voss – 6 Punkte, Ringelhahn – 7 Punkte. Ein sympathisches, bodenständiges Duo. Die anderen Kommissare bleiben beim Auftakt leider ein wenig blass.

Sabine Oberpriller: Beide Kommissare – 6 Punkte

Kurt Sagatz: Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs legen einen famosen Auftakt hin. Mehr davon. 9 Punkte

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Der Polizeichef wettert gegen die verhassten und verachteten Kollegen aus München: "Hier waren die Kaiser, da haben die sich noch mit Knödeln beworfen." Trotzdem hat er Schiss, sobald eine Münchner Nummer auf dem Display erscheint. Stolzes, ängstliches Nürnberg.

Lars-Christian Daniels: Ganz klar der Auftritt des finsteren Waldschrats, der Voss und Ringelhahn eine gefühlte Ewigkeit den Rücken zudreht und danach irgendetwas Unverständliches in seinen Rauschebart grummelt. Das einzige Wort, das ich verstand, war "Schuppenflechte".

Sabine Oberpriller: Das SEK "rettet" zwei vermeintlich gefährdete Kinder mit Blendlicht und voller Bewaffnung aus der gut besuchten Vorstellung eines Kinofilms. So absurd. Es geht nicht anders, man muss lachen.

Kurt Sagatz: Mit Herstellern von Streubomben kennt die aus Guben stammende Kommissarin Ringelhahn kein Erbarmen. Der verbale Schlagabtausch mit dem Stiefbruder des Ermordeten ist dabei äußerst unterhaltsam, genauso wie der Rüffel, den sie dafür bekommt. 

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: So richtig peinlich ist eigentlich keine Szene. Zwar holpert das Drehbuch zuweilen, aber die kunstvolle Inszenierung und die grandiosen Darsteller machen das wett.

Lars-Christian Daniels: Das sind die etwa zwei Dutzend Nürnberg-Panoramen, mit denen Filmemacher Max Färberböck seinen Franken-Tatort förmlich zukleistert. Nürnberg von oben, Nürnberg bei Tag, Nürnberg bei Nacht – wir haben es ja begriffen! Eine schöne Stadt, die man offenbar gar nicht häufig genug zeigen kann.

Sabine Oberpriller: Die Kommissare fahren Auto, Paula Ringelhahn schnalzt mit der Zunge. Der Dialog geht ungefähr so: Kollege Voss: "Oh, toll, das kann ich nicht. Machen Sie es noch mal, bitte, bitte. Ich frage sonst immer wieder. Ich kenne mich." Kollegin Ringelhahn schnalzt also noch einmal. Kollege Voss: "Aaah, wie schön! Da geht’s mir gleich gut. Sehen Sie, so leicht macht man mich glücklich."

Kurt Sagatz: Etwas übertrieben: Ein Mobiles Einsatzkommando "befreit" zwei Kinder, die sich gerade einen harmlosen Film im Kino anschauen, in voller Kampfmontur. Nicht nur, dass die Aktion gar nicht nötig war, weil sich die beiden nicht in Gefahr befanden. In der Realität schickt man hoffentlich erst einmal einen unauffälliger gekleideten Beamten zum Erkunden des Terrains vor.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 7 Punkte

Lars-Christian Daniels: 5 Punkte – da geht noch mehr.

Sabine Oberpriller: 3 Punkte

Kurt Sagatz: Mit viel Tempogefühl erzählt, tolle Bilder, leichte Logikschwächen: 8 Punkte

Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren
IdlerBln
#4  —  12. April 2015, 23:43 Uhr

Nun ja. Im deutschen Krimi schreien die Komissare immer hysterisch rum. Das soll unterhaltsam sein, wirkt auf mich aber eher unrealistisch und aufgesetzt. Der Film hatte eine schöne Ästhetik, ganz gute Schauspieler und eine halbwegs gut erzählte Handlung. Allerdings war die Auflösung nicht gerade überwältigend, da hat man einfach irgendwann den eifersüchtigen Babysitter aus dem Hut gezaubert. Und irgendwie musste natürlich auch eine Spur zu einer bösen Industrie gelegt werden, man hat ja schließlich einen Bildungsauftrag.