"Tatort"-Kritikerspiegel Hihi, höhö, hehe

© WDR/Martin Valentin Menke
Ein bisschen schwul muss sein: Ist das noch "Charleys Tante" oder schon Homo-Ehe? Unsere Kritiker stöhnen und staunen über "Erkläre Chimäre", den "Tatort" aus Münster.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Was haben wir damals als Kinder beim Tunten-Ulk Charleys Tante gekichert. Warum also nicht, hihi, die Geschichte von der reichen Erbtante zeitgemäß mit schwulem Erbonkel erzählen. Professor Boerne will dessen Villa in Florida erben und glaubt deshalb so tun zu müssen, als ob er mit, höhö, Kommissar Thiel verheiratet sei. Platz für reichlich Pointen. Und der schwule Onkel wird dann auch noch, hehe, vom biederen Schmonzettenstar Christian Kohlund gespielt.

Lars-Christian Daniels: Ihnen hat der ausgedehnte Krankenhausaufenthalt von Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) im letzten Tatort aus Münster gefallen? Bitte schön: Diesmal liefern wir Frank Thiel (Axel Prahl) mit aufgeschlitzer Luftröhre und Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) zur Straffung der weiblichen Problemzonen ein. Und schicken noch Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) mit gebrochener Nase hinterher.

Kurt Sagatz: Stefan Cantz und Jan Hinter haben vor 13 Jahren die Idee für den Münster-Tatort entwickelt und freuen sich seitdem über jede neue Folge, in der sie als Drehbuchautoren die Abenteuer von Karl-Friedrich Boerne und Frank Thiel noch mehr auf die Spitze treiben können. Dieses Mal dürfen sie den Gerichtsmediziner und den Kommissar sogar als gleichgeschlechtliches Ehepaar präsentieren.

Kirstin Lopau: Diesmal machen Boerne und Thiel es einem aber auch schwer. Ich finde den Fall seltsam ambivalent. Was die Drehbuchautoren sagen möchten, außer, dass sie Medizinerdeutsch beherrschen, weiß ich nicht. Vielleicht, dass sie für gleichgeschlechtliche Ehen sind?

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 3 Punkte

Lars-Christian Daniels: Beide 7 Punkte. Wobei, Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) ist jetzt ja auch Kommissarin: Solide 6 Punkte fürs Debüt. Etwas übereifrig.

Kurt Sagatz: Ein angesäuselter Boerne und Thiel mit Reibeisenstimme – Jan Josef Liefers und Axel Prahl in hervorragender Form: 8 Punkte

Kirstin Lopau: Boerne und Thiel, beide 6 Punkte. Silke Haller (Christine Urspruch), Boernes "Heinzelfräulein", war diesmal irgendwie mürrisch, auch 6 Punkte. Nadeshda Krusenstern frisch befördert und immer noch eloquent, 7 Punkte.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Boerne muss bei Thiel spontan einen Luftröhrenschnitt durchführen, weil der Vielfraß sich beim Brotrunterschlingen verschluckt hat. Er macht gekonnt den Schnitt – mit einem Kugelschreiber mit der Aufschrift "Luftkurort Davos".

Lars-Christian Daniels: Der erste gemeinsame Abend des scheinverheirateten Paares Thiel (Axel Prahl) und Boerne (Jan Josef Liefers): Dessen ebenso steinreicher wie schwuler Erbonkel Gustav von Elst (Christian Kohlund) ist aus Florida angereist und findet die beiden ganz schnuckelig. Sind sie ja irgendwie auch.

Kurt Sagatz: Normalerweise ist es eine ernste Angelegenheit, wenn ein Erstickender nur durch einen Luftröhrenschnitt gerettet werden kann. Doch dem Münster-Tatort ist nichts heilig, hier rettet der Pathologe dem Polizisten mit einem Kugelschreiber das Leben. Die Aufschrift darauf: "Luftkurort Davos". 

Kirstin Lopau: Ein stark alkoholisierter Boerne rettet Thiel, der sich an einem Stück Salamibrot verschluckt hat, mit einem Luftröhrenschnitt das Leben: mit Salamibrot-Messer und Kugelschreiber. Die Szene erinnert ein bisschen an die Adrenalin-Spritze in das Herz von Mia Wallace in Pulp Fiction. Ganz amüsant ist auch die vorgetäuschte Ehe zwischen Thiel und Boerne mit ihren "Schatzis" und "Herzchens". Als völlig verworren hingegen empfand ich den Fall.

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Der Erbonkel zwickt Boerne und Thiel in die Wangen und säuselt: "Süß seid ihr miteinander!" So stellt sich der WDR wohl einen älteren schwulen Herrn vor.

Lars-Christian Daniels: Silke "Alberich" Haller (Christine Urspruch) wirkt diesmal seltsam teilnahmslos – muss am Seziertisch aber auch einstecken wie selten. Zu allem Überfluss steckt man sie in der letzten Szene dann auch noch in ein ziemlich witzloses Schneewittchen-Kostüm. Boerne: "Wo haben Sie denn die anderen sechs Zwerge gelassen?"

Kurt Sagatz: Die Anti-Münster-Fraktion unter den Tatort-Zuschauern findet an diesem Team ohnehin alles peinlich. Alle anderen dürfen sich ein wenig darüber wundern, warum schon wieder ein sehr alter Tropfen eine Rolle spielt. 

Kirstin Lopau: Wieder ein Crystal-Meth-Abhängiger im Tatort (scheint ein neues Lieblingsthema zu sein), nur diesmal wirklich sehr schlecht dargestellt ("Digger"). Ein konfuser Fall, das kann Münster eindeutig besser.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 1 Punkt

Lars-Christian Daniels: 5 Punkte

Kurt Sagatz: Als Krimi abenteuerlich, als Komödie spritzig, dafür ebenfalls 8 Punkte

Kirstin Lopau: 7 Punkte

Kommentare

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Das "Tatort"-Konzept ist

Das "Tatort"-Konzept ist inzwischen so verstaubt wie seine Geschichten. Man sollte die Reihe endlich einstellen und den Weg für etwas Neues öffnen. Aber da liegt vermutlich das Problem: Es fehlt den Öffentlich-Rechtlichen an guten Ideen und Leuten, die sie umsetzen könnten. Etwas Herausragendes, Innovatives wie zum Beispiel "Sherlock Holmes" mit Benedict Cumberbatch wäre hier kaum denkbar. Lieber hält man am Verschnarchten fest, zudem lebt die Tatort-Familie aus Drehbuchautoren, Redakteuren und Regisseuren ganz gut davon. Parallelen zu anderen Familien, etwa einem Verein in Zürich, drängen sich wohl nur zufällig auf.

@SethusC.

@SethusC.

"Vergleichen Sie doch mal die Einschaltquoten von Tatort und Sherlock Holmes."

Die Qualität einer TV-Produktion messe ich nicht an den Einschaltquoten, sondern daran, ob sie mich packt. Der Tatort packt mich schon lange nicht mehr. Vergleichen Sie doch mal den Aufbau eines Tatorts mit einem Sherlock Holmes; der war übrigens nur als Beispiel gedacht. Sie können gern "House of Cards", "Big Bang Theory", "30 Rock", "Boston Legal" oder Ähnliches nehmen. Nichts, aber auch gar nichts aus deutscher Feder kommt da mit.

Der Hinweis auf die ÖRs ist so zu verstehen, dass die im Gegensatz zu den Privaten den weitaus höheren Etat haben und einen ebensolchen Personal-Apparat. Und was kommt dabei heraus? Die Kopie der Privaten - Talk-, Quiz- und Koch-Shows. Das Ganze verfielfacht über Regionalsender (neun Dritte Programme, dazu Lokalfenster) und digitale Ableger (ARD- und ZDF-Spartenprogramme). Ein wachsender, gebührenverschlingender Moloch mit vielfach bequemen, saturierten Beamtenseelen, die dem Fortschritt im Wege stehen.

Der Tatort ist die Seuche.

Ich mache nicht die Qualität einer Sendung an der Einschaltquote fest, aber ich weise Sie darauf hin, dass Woche für Woche Millionen diese Sendung sehen. Von daher ist Ihre Forderung, die Sendereihe einzustellen, nur weil sie Ihnen nicht gefällt, nur anmaßend.

Ihre Kritik an den Strukturen der ÖRn ist ja zum Teil berechtigt, allerdings beweisen die Privaten ja eindrucksvoll, dass eman es ohne diese Strukturen noch schlechter machen kann.

Und Ihr Schlussatz ist, sorry, einfach nur doof.

@SethusC.: „Ihre Kritik an den Strukturen der ÖRn ist ja zum Teil berechtigt, allerdings beweisen die Privaten ja eindrucksvoll, dass (e)man es ohne diese Strukturen noch schlechter machen kann.“

Diese Aussage ist erstens undifferenziert, zweitens trifft sie überhaupt nicht zu, und drittens lässt sie sich prima umdrehen: Beweisen die ÖRs doch ihrerseits, dass sie Unterhaltung nicht drauf haben. Deren Kernkompetenz liegt bei Dokustoffen, wenn auch der Ton sich meist am links-grünen Mainstream orientiert und damit die gebotene Ausgewogenheit vermissen lässt. Also auch hier wenig Klasse.

Da erscheint es immerhin ehrlich, dass die Privaten sich auf diesem Feld erst gar nicht versuchen, falls doch („Mario Barth deckt auf“), vergessen Sie’s. Im Unterhaltungsbereich bringen sie immerhin im Ansatz so innovative Formate zustande wie „Switch Reloaded“, „Stromberg“, „Pastewka“ und die leider völlig zu Unrecht untergegangene „Anke“. Wenn zum Beispiel das ZDF mal komisch und so richtig hip sein möchte, kommen „Lerchenberg“ oder „Eichwald“ dabei heraus. Ansonsten beschränken sie sich darauf, lustige Quizformate zu produzieren oder eben die volkstümliche Musikschiene zu bedienen.

Dann passt auch wieder Ihre Aussage: „… ich weise Sie darauf hin, dass Woche für Woche Millionen diese Sendung sehen.“

Wie schon gesagt: Die Quote ist kein Maßstab für Qualität; gleichfalls taugt sie auch nicht als Argument für lebenserhaltende Maßnahmen.

Was ist daran anmaßend?

Dass jemand, der hier mit Sprüchen wie "Der Tatort ist die Seuche" kommt, anderen undifferenzierte Äußerungen vorwirft, entbehrt nicht einer gewissen Komik.

Und, wie schon gesagt: Offensichtlich wollen Millionen von Fernsehzuschauern am Sonntagabend einen Tatort sehen. Wenn Sie trotzdem aufgrund Ihrer eigenen Einschätzung fordern, diese Sendung einzustellen, wie anders als "anmaßend" soll man das bezeichnen?