"Polizeiruf 110"-Kritikerspiegel Benennen Sie Ihr Kind nie nach einer Modezeitschrift!

© BR/Christian Schulz
Fabrikantin tot. Schoßhund tot. Exmann starrt auf Modelleisenbahn. Matthias Brand ermittelt im neuen "Polizeiruf" unter der Regie von Christian Petzold. Großes Krimikino.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Monologe im Krimi können aufregend sein. Stimmt! Wie Autorenfilmer Christian Petzold den Schauspieler Justus von Dohnányi in diesem Polizeiruf als verzagten Möbeldesigner Peter Michael Brauer über Gestaltung, Verrat und Ausverkauf philosophieren lässt, ist großes Krimikino.

Markus Ehrenberg: Erstens: Lasst uns einen Primetime-Krimi so wichtig und so ernst nehmen wie einen Autorenfilm. Vor allem, wenn wir einen Matthias Brandt als Kommissar Hanns von Meuffels haben. Zweitens, zum eigentlichen Fall: Das Leben ist kein Modellbaukasten. 

Kirstin Lopau: Mehrere Weisheiten können wir heute Abend lernen: Niemals das eigene Kind nach einer Modezeitschrift benennen! Niemals die eigene Firma nach dem Hund (und nicht nach dem Ehemann) benennen! Das kann tödlich enden! Und: "Fassen Sie niemals einen Polizisten oder einen Schiedsrichter an. Dann geht es sofort runter, entweder unter die Dusche oder in die Zelle."


Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 9 Punkte

Markus Ehrenberg: Sehr überzeugend. In seinem neunten Fall bekommt Hauptkommissar von Meuffels mit Barbara Auer als Kollegin Constanze Hermann endlich eine Schwester im Geiste an seine Seite: ähnlich verschlossen, feinsinnig, im Grunde einsam. Die neue Ermittlerin soll auch im nächsten Münchner Polizeiruf von Christian Petzold dabei sein.

Kirstin Lopau: Beide überzeugten mit ihrem ungewöhnlichen Stil, deshalb jeweils 9 Punkte.


Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Der Möbelbauer steht vor seiner Modelleisenbahn und referiert: "Die meisten Anlagen sind kreisförmig, und inmitten des Kreises baut man dann diese langweiligen Harmoniewelten, entsetzliche Klischees (...). Immer kreist derselbe Zug um dieselbe Welt. Nichts ändert sich, aber ich entwerfe, plane, ich suche nach neuen Möglichkeiten." Ist das weise oder irre? Irgendwie beides.

Markus Ehrenberg: Nachts im Polizeipräsidium. Meuffels und Hermann sichten Überwachungsvideos. Plötzlich ertönt überall laut klassische Musik – vom Nachtpförtner aufgelegt.

Kirstin Lopau: Ein Hoch auf den Erfinder des Autonavis, oder erinnern Sie sich nicht mehr an Situationen im Auto wie diese? Er fährt, sie liest die Karte. In der Realität ist alles ganz anders als auf der Karte, man ist mittendrin im Streit und dann, wie durch ein Wunder, ist doch alles so, wie es die Frau mit Karte gesagt hat ("Ich hab recht gehabt!"), und der Mann ist ein schlechter Verlierer, weil sie ja nun mal keine Karten lesen kann. Sie erinnern sich nicht mehr? Genau das passiert Hanns von Meuffels und Constanze Herrmann. Sehr amüsant. Ich mag überhaupt die Art, wie die beiden Kommissare miteinander umgehen. Schade, dass Barbara Auer anscheinend nicht bleibt. Ein großer Pluspunkt geht an von Meuffels neue mäandernde Fragetechnik bei Verhören, die er sich in australischen Krimis abgeguckt hat.


Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Es gibt hier keine peinlichen Szenen – es sei denn, man empfindet auch die plakativen Crossdresser-Szenen in den Krimis von Brian De Palma peinlich. Hier kommen sie als Zitat unter vielen anderen Filmzitaten vor.

Markus Ehrenberg: Nicht peinlich, aber doch irgendwie verwegen: die tschechische Transe, die unfreiwillig zur Aufklärung des Mordfalls beiträgt.

Kirstin Lopau: Der Polizeiruf kommt eher still und leise daher, was den einen oder die andere langweilen könnte. Ich mochte diesen poetischen Erzählstil hingegen sehr. Aber Vorsicht, Ohrwurm-Gefahr! Am besten halten Sie sich die Ohren zu, wenn die Kommissare im griechischen Restaurant sitzen, oder möchten Sie wie ich den ganzen Tag mit dem Schlager Ein Schiff wird kommen im Ohr verbringen müssen?


Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 9 Punkte

Markus Ehrenberg: 9 Punkte – viel Kunst, leidlich Spannung

Kirstin Lopau: 6-7 Punkte

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Wenn "großes Kino" nur das unkontrollierte Auftreten von diversen hyperagilen Panik-Orchestern sein soll, dann allerdings stimmt etwas nicht mit Ihrer Auffassung von "bewegten/bewegenden Bildern". Klar doch, es war ein Kammerstück, das da gespielt wurde - und Heavy Metal Fans haben gewiß sofort den Stecker gezogen, Banausen, diese (wie weiland Elvis, der mal einen Fernsehbildschirm erschossen hat). Die Komposition hieß "Rondo ferroviario" - für alle Rondo-Verächter: Das läuft thematisch so, A-B-A-C-A-D-A, und nennt sich "Kettenrondo", nicht aber Kettensägenrondo oder Superforator-Step. Die Transformator-Metaphorik im Stück trapste allerdings bisweilen etwas feuilletonistenhaft: "Das Leben als Modell" - fix it, Baby. Immerhin verstehe ich jetzt den amtierenden Oberbayeristen unter den Modelleisenbahnern und Politikern etwas besser: Immer, wenn MP (Modellpopulist?!) Seehofer in den Untergrund abtaucht, vollzieht er eine Trassen-Kehre und taucht an anderer Stelle wieder auf, in Gegenrichtung.

Ein wirklich guter Film mit drei Schauspielern, die zu den Besten gehören. Muss ja nicht immer peng-zack-bumm sein. Nur eines habe ich nicht verstanden? Wenn der Mörder ein Einnzeltäter war und mit dem roten Alpha davongebraust ist, wer fuhr dann seinen eigenen Wagen vom Tatort, wie in der Videoaufzeichnung zu sehen war? Da hab ich entweder etwas nicht kapiert, oder es handelt sich um einen Logikfehler.