Andersrum ist auch nicht besser: Wie out ist das denn?

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Für Heteros ist es bedauerlich, dass sie sich nicht outen können. Denn ist es ein verbindendes Erlebnis. Leider ist das Coming-out für Schwule nun vom Aussterben bedroht. Von
Aus der Serie: Beziehungen

Es gibt Sätze, die können die Welt verändern: "I have a dream", zum Beispiel. Oder auch "Mr. Gorbatschow, tear down this wall!" Es existiert aber auch ein Satz, der innerhalb von Sekunden das eigene Leben komplett ändern kann. Es sind gerade mal drei Worte: "Ich bin schwul."

Das Schöne an dem Satz ist, dass seine Wirkung nicht nur den Mächtigen und Personen im Rampenlicht vorbehalten ist. Mir selbst wurde zwar nach dessen Aussprache nicht von der Bundeskanzlerin gratuliert wie bei Thomas Hitzlsperger. Und es kam auch nicht die Weltpresse vorbei wie bei Klaus Wowereit. Aber von zu viel Rummel wäre ich auch überfordert gewesen. Allein die Worte herauszubringen, hatte mich schon genug Überwindung gekostet. Denn es gibt einen Satz, der mächtiger, wirkungsvoller und krasser ist, als "Ich bin schwul". Der Satz lautet: "Mama, ich bin schwul."

Ich weiß nicht, ob es das klassische Coming-out bei Teenagern heute noch gibt. Wahrscheinlich haben sie ein Profil bei einem Facebook-Nachfolger, von dem ich noch nie gehört habe. Dort machen sie bei der Frage nach ihrer sexuellen Orientierung ein Häkchen hinter "unentschieden". Damit hat sich das erledigt.

Auch Vater und Mutter zu überraschen, wird immer schwieriger. Heute fragen sich die Eltern, ob ihr Kind homosexuell ist, noch bevor es selbst drauf kommt. Dann überlegen sie, wie sie das Kind am geschicktesten outen. Kommt es in die Pubertät, haben die Eltern schon viele Ratgeber-Bücher gelesen. Andauernd muss sich das Kind beim Abendessen rechtfertigen: "Papa! Ich bin nicht schwul! Der Taylor-Swift-Download auf deiner Kreditkarte hat nichts zu bedeuten."

Eine Frage, die sich aufdrängt: Ist Outen out? Für ordentlichen Wirbel sorgt ein Coming-out nur noch, wenn man ein schwuler Fußballer ist oder transsexuell wie Bruce Jenner, die heute Caitlyn Jenner heißt. Oder wenn sich die schwarze Identität als Fake erweist wie bei der Aktivistin Rachel Dolezal.

Jetzt, da sich schon manche Politiker der CDU für die Homo-Ehe einsetzen, ist das Coming-out vielleicht sogar vom Aussterben bedroht. Das wäre sehr schade um diese Kulturtechnik. "Auf jeden Fall war es der wichtigste Satz in meinem Leben", hat Berlins ehemaliger Bürgermeister Wowereit neulich über sein öffentliches Outing gesagt. Ohne zu zögern, würde ich das auch sagen. Wem fällt denn sonst noch auf Anhieb der wichtigste Satz seines Lebens ein? Pythagoras vielleicht. Die meisten müssten grübeln.

Für Heteros ist es natürlich sehr bedauerlich, dass sie sich nicht outen können. Aber vielleicht irre ich mich auch, denn jeder trägt eine Lebenslüge mit sich herum, die unbedingt mal raus sollte. So wie: "Ich hätte lieber die dicke Tanja geheiratet. Die war wenigstens nett zu mir." Oder: "Ich schlafe bei amerikanische Serien immer ein." Oder: "Ich gehe überhaupt nicht im Biomarkt einkaufen, sondern bei Lidl."

Dann würde jeder feststellen: So ein Coming-out ist ein wahnsinnig verbindendes Erlebnis. Wie das erste Besäufnis. Oder der Renteneintritt. Schwule sind ja in ihren Interessen so unterschiedlich wie die meisten anderen Menschen. Aber wenn zwei an einem Tisch sitzen und sich wirklich gar nichts zu sagen haben, können sie den anderen wenigstens fragen, wie sein Outing so war. Ich behaupte sogar, das Coming-out eignet sich für den lockeren Small Talk mindestens so gut wie die Themen "Fußball" oder "Wetter".

Um das Outing zu retten, sollte ein nationaler Coming-out-Tag eingeführt werden. Hierfür stünden folgende Bekenntnisse auf meiner prominenten Outing-Wunschliste: Reiner Calmund outet sich als Veganer. Wolfgang Schäuble hat griechische Vorfahren. Und Uschi Glas war bei der RAF.

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