"Tatort"-Kritikerspiegel: Auch Haifische haben Gefühle

© Radio Bremen/​Jörg Landsberg
"Nur wer gegen den Strom schwimmt, gelangt auch zur Quelle." Dieser Satz wird im Bremer "Tatort" immer wieder wiederholt. Selbstironie? Der Sonntagskrimi in der Kritik

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Ökos sind auch nur Menschen. Also: eitel, egoistisch, manipulierbar. Im Speziellen geht es hier um einen ehemaligen Umweltaktivisten, der nun auf Windenergie macht und den Manager gibt. Bestechungsversuche inklusive. Bisschen flach.

 

Lars-Christian Daniels: Sie stehen auf Phrasen, Plakatsprüche und Binsenweisheiten? Bitte schön: Wir feuern damit aus allen Rohren. Einen Satz finden wir ganz besonders pfiffig: "Nur wer gegen den Strom schwimmt, gelangt auch zur Quelle." Deswegen wiederholen wir ihn einfach – immer und immer wieder.

Markus Ehrenberg: Gute Energiewende, schlechte Energiewende. Gutes Windrad, böses Windrad. Es kommt immer auf die Perspektive an.  

Kirstin Lopau: Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, Gut und Böse, nette Umweltschützer und böse Industrielle. In Wahrheit muss man wohl das kleinste Übel wählen und Kompromisse eingehen, auch wenn es schwer fällt. Wie im richtigen Leben.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 4 Punkte

Lars-Christian Daniels: Beide jeweils 5 Punkte

Markus Ehrenberg: Sachlich, herzlich, schnörkellos, wenn nötig, auch betroffen: Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) sind das zuverlässigste "Tatort"-Ermittlerteam. Ihr Credo: Keine privaten Mätzchen, sondern aufklären! Erst recht, wenn es um Umweltschutz und Hedgefonds geht. Gut so.

Kirstin Lopau: Beide jeweils 8 Punkte. Ihr Zusammenspiel, zum Beispiel bei Verhören, war nie besser.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Ein Hedgefonds-Manager tätigt die fiesesten Geschäfte – und skypt nebenbei ganz rührend mit seiner Oma. Auch Haifische haben Gefühle.

Lars-Christian Daniels: Hauptkommissar Stedefreund trifft auf der Straße einen Dreikäsehoch (Jaden Lee Akil), der sich als Sheriff verkleidet hat. Knuffig. Er zeigt ihm ein paar Täterfotos und siehe da: Der mit Cowboyhut und Spielzeugrevolver ausgerüstete Knirps erkennt den Gesuchten auf den ersten Blick wieder. Befördern, den Mann!

Markus Ehrenberg: Meine Lieblingsbesetzung in diesem Tatort: Thomas Heinze als verdächtig-alerter Windparkbetreiber Lars Overbeck. Herrlich liebenswert und unsympathisch zugleich. Das kann sonst nur Tim Robbins (siehe The Player).

Kirstin Lopau: Das schwierige Thema ist sehr mitreißend und anschaulich inszeniert: Aus dem ehemaligen Umweltaktivisten Lars Overbeck (toll und vielschichtig gespielt) wird ein Industrieller, der in Windenergie investiert. Er sagt selbst: "Ich will nur eins: Ich will die Welt verbessern", und das nimmt man ihm ab. Bis zu dem Punkt, an dem er emotionslos tote Vögel von seinem Windrad klaubt. Denn Hochseewindräder sind "kein Pappenstiel", nein, sie sorgen für sterbende Schweinswale und Massentode von Zug- und Seevögeln. "Hier draußen gibt es keinen grünen Strom. Hier ist der Strom blutrot." Dass es aber noch schlimmer geht, zeigt das Beispiel Milan Berger, ein ebenso schmieriger wie windiger Broker, dem alles andere als sein Profit und seine Oma egal sind. Ist sein Kontrahent, der Umweltschützer Kilian Hardenhof (Lukas Prisor), der über Leichen geht, um sein Ziel zu erreichen, wirklich ein Guter? Gute Szenen gab es diesmal viele. Gefallen hat mir besonders Overbeck beim Verhör, wie er das Mikro checkt ("eins, zwei, eins, zwei") und das Kameradisplay zu sich dreht. Oder auch sein Anstandsbesuch bei Exfreundin und Tochter des Toten mit Zitronenbäumchen und Plüschkoala unterm Arm, der in einer Prügelei und der Verwüstung des Wohnzimmers endet – alles in Abwesenheit der Hausherrin. Sein Humor gefiel mir sehr: Auf die Anschuldigung, er habe einen Umweltschützer umgebracht, antwortet er: "Klar, Kennedy und Barschel, die hab ich auch noch auf dem Gewissen." Endlich sind diese Tode auch mal aufgeklärt!

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Peinlich sind eigentlich alle Momente, in denen die Absurditäten der Energiewende erklärt werden. Wie aus einem Zeitungstext zitiert. Wieder was gelernt? Na ja.

Lars-Christian Daniels: Ein halbes Dutzend Fondsmanager befindet sich in der Gewalt eines schwer bewaffneten Geiselnehmers. Als eine der Geiseln mit vorgehaltener Knarre zum Aufklappen ihres Laptops gezwungen wird, funkt plötzlich die Oma per Skype-Anruf dazwischen. "Ich muss da jetzt rangehen, die ruft sonst immer wieder an." Nerven wie Drahtseile, hätte ich auch gerne. Andererseits: Im Gegensatz zur Geisel lebe ich noch.

Markus Ehrenberg: Fehlanzeige. "Hinsetzen, ihr scheiß Kapitalistenschweine!" Ein Krimi, in dem dieser Satz fällt, ist nichts peinlich.

Kirstin Lopau: Der schmierige Broker schwitzt bei Situps, während er mit seiner Oma skypt. Sehr seltsam.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 2 Punkte

Lars-Christian Daniels: 3 Punkte

Markus Ehrenberg: 8 Punkte

Kirstin Lopau: 8-9 Punkte. Endlich mal wieder eine gelungene Folge!

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren