Andersrum ist auch nicht besser Nur ein Klick zu Lesbensex

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Aus der Serie: Beziehungen

Gut, dass wir die Schwulen haben. Schwule sind werberelevant und wirtschaftlich erfolgreich, sie moderieren launige Unterhaltungssendungen im Fernsehen, managen out and proud Großkonzerne, etablieren sich an Parteispitzen, suchen gelegentlich sogar den Schulterschluss mit populärrechten Kreisen und fühlen sich dadurch in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Einmal im Jahr marschieren alle zusammen durch die Städte – gerne halbnackt, eingeölt und multipel gepierct, was für große Aufregung sorgt. Kurzum: Viele schwulen Jungs spielen ihre Homosexualitätskarte mit Bravour. Lesben leider nicht.

Lesben sind langweilig, finden die Wirtschaftsbosse, finden die Medien, findet die Werbewelt. Lesbisch sein ist schlecht fürs Renommee, und sogar in der ehemaligen Lesbendomäne Fußball, unter den zweifachen Weltmeisterinnen, finden sich heutzutage offiziell maximal bisexuelle Frauen. Selbst in Talkrunden, in denen über "Feminismus" diskutiert wird, laden sie mittlerweile lieber Heteras ein. Ist sexyer, denken sie, verkauft sich besser.

Das schlechte Image der Lesben ist historisch begründet. Seit Beginn der Homobewegung standen Frauen für die politische Arbeit, Männer für die Sichtbarkeit. Die Lesben wirkten verbissen, die Schwulen affektiert. Diese Rollenklischees haften uns immer noch an. Deshalb käme noch heute vermutlich kein Durchschnittsheterosexueller auf die Idee, einer Lesbe eine Schwäche für Rolf-Benz-Sofas, kläffende Kleinsthunde oder Vivienne Westwood zu unterstellen. Oder eine Naturbegabung für Tango Argentino und japanische Blumensteckkunst. Und wer bitteschön denkt bei dem Satz "Ich brauch jetzt erst mal einen Prosecco!" an eine Lesbe? Eben.

Das einzige, was Menschen an Lesben zu interessieren scheint, ist Sex. Daran arbeiten sich gleich mehrere Generationen von Filmproduzenten ab, daraus speisen sich ungezählte Männerfantasien. Wie nur, wie haben zwei Frauen befriedigenden Sex? Ohne Mann? Ohne ein an einem Körper angewachsenes Sextoy? Selbst schwule Männer wundern sich gelegentlich gemeinsam mit ihren heterosexuellen Geschlechtsgenossen darüber, wie das funktionieren soll. Lesben verkneifen sich dann meist einen Kommentar über patriarchalen Phallozentrismus und lächeln milde.

An Interesse an Aufklärung mangelt es nicht. "Lesbenporno" und "Lesbensex" sind nach wie vor Top-Suchbegriffe in jeder Suchmaschine, nur ein Klick zu Lesbensex. Leider führt beinahe jeder Link auf eine falsche Fährte: zu von Männern für Männer gedrehten Filmen, zu weichgezeichnetem Streichelsex, rotlippigen Cunnilingi, gegenseitiger Masturbation mit langen lackierten Nägeln. Und final natürlich zu einem Mann, der die darbenden Frauen erlöst. In so einem Film eine echte Lesbe zu entdecken, käme einer blauen Mauritius auf dem Dachboden gleich. Die von Lesben für Lesben gedrehten Pornos interessieren nur die wenigsten. Könnte daran liegen, dass am Ende kein Mann auftaucht.

Besser gestellt  bei der Entschlüsselung des Mysteriums sind diejenigen, die persönlich eine lesbische Frau kennen. Vermutlich gibt es keine, die noch nicht gefragt wurde, auf welche Art und wie und mit wem sie Sex hat. Mal mehr, mal weniger direkt, aber mit der Präzision einer Atomuhr taucht die Frage nach dem Wie auf, sobald Heteros und Lesben aufeinandertreffen. Spätestens an einem weinseligen Abend in intimer Runde: Kennt man die Neugierigen weniger als fünf Minuten, hilft für den ersten Moment lesbische Unfreundlichkeit, bei Bekannten wirken Gegenfragen Wunder, bei guten Freunden gilt: Quid pro quo. Es ist ohnehin so: Wer ständig über Sex redet, ist entweder frisch verliebt oder hat keinen. Oder ist schwul.

Kommentare

59 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Ich (Hetero) kenne lesbische Frauen, habe noch nie danach gefragt, WIE sie Sex haben, quid pro quo wäre für mich selbstverständlich und ich habe auch noch nie einen Lesbenporno gesehen, bei dem am Ende ein Mann dazu kam. Geht also alles auch anders.

Nebenbei: Die Schwulen die ich kenne SIND im Durchschnitt extrovertierter als die Lesben, die ich kenne. Aus Durchschnittswerten gibt es natürlich keinen Rückschluss auf jeden Einzelfall, aber im Mittel treten Schwule halt anders auf – so what?