"Tatort"-Kritikerspiegel: Bitte nicht lachen!

© ARD Degeto / SRF / Daniel Winkler
Selten war ein "Tatort" so aktuell: "Schutzlos" zeigt den menschenunwürdigen Umgang mit Flüchtlingen. Ob der Schweizer Krimi gelungen ist, wissen unsere Kritiker.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Die Schweiz ist ein ungerechtes Land, und die Schweizer wollen das so. Dieser Tatort nimmt das verschärfte Asylrecht des Landes ins Visier, für das die Schweizer in einem Referendum gestimmt haben und wodurch Flüchtlinge pauschal kriminalisiert werden. Ein Politkrimi mit Botschaft gegen einen großen Teil der Zuschauer, schwer in Ordnung.

Lars-Christian Daniels: Sie fanden die Idee mit dem Hirntumor, der dem Wiesbadener Tatort-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) in der großartigen Krimi-Groteske Das Dorf surreale Visionen bescherte, ganz pfiffig? Wir auch. Also lassen wir Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) etwas ganz Ähnliches durchmachen – aber kriegen dabei irgendwie nicht die Handbremse gelöst.

Kurt Sagatz: Die Einwanderungspolitik der Schweiz ist noch restriktiver als die der EU, so haben es die Eidgenossen entschieden. Welche Folgen das hat und wie diese Politik schnurstracks in die Kriminalität führen kann, zeigt dieser Tatort aus der Feder von Josy Meier und Manuel Flurin Hendry (auch Regie) auf ungeschönte Weise. Unbedingt sehenswert. 

Kirstin Lopau: Dieser Tatort beschäftigt sich einfühlsam mit der Asylfrage, mit Abschiebung, Diskriminierung, Unterdrückung und Kriminalität von Flüchtlingen. Auf politischer Ebene sind diese Fragen sehr schnell geklärt, das zeigen die Mitarbeiter der Asylbehörde und der Chef des Kommissariats. Auf der emotionalen Ebene hingegen haben wir ein komplexes Problem vor uns, das bereits mit der Ausbeutung des afrikanischen Kontinents beginnt. Man möchte wie Kommissarin Ritschard am Ende heulend um sich schlagen wegen dieser Ungerechtigkeit.


Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 6 Punkte

Lars-Christian Daniels: Beide 3 Punkte

Kurt Sagatz: Reto Flückiger (Stefan Gubser) 7 Punkte, Liz Ritschard (Delia Mayer) 8 Punkte und für die Marie-Helene Boyd als Nigerianerin Jola West 9 Punkte

Kirstin Lopau: Flückiger steht im Vordergrund, aber Ritschard holt am Ende grandios auf, deshalb beide 8 Punkte.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Ein junger nigerianischer Flüchtling wird von der Behörde fotografiert. "Please don't smile!" Eine Szene, die wehtut.

Lars-Christian Daniels: Das ist so ziemlich jede mit der wunderbaren Nebendarstellerin Mona Petri, die ein heruntergekommenes Drogenwrack mimt: Ihr Auftritt ist eines der wenigen Highlights in diesem durchwachsenen Tatort aus Luzern, der es nicht nur angesichts der sommerlichen Außentemperaturen in Sachen Einschaltquote sehr schwer haben wird.

Kurt Sagatz: "Besonders feinfühlig waren Sie bei der Befragung nicht", sagt Reto Flückiger zum dem Mann von der Einwanderungsbehörde. "Ich bin Beamter", antwortet dieser und betet die Paragraphen des Asylgesetzes vor. Im Film geht es übrigens um UMAs – unbegleitete minderjährige Asylsuchende.

Kirstin Lopau: Emotionslos und abschreckend zugleich ist bereits die erste Szene, die ärztliche Untersuchung des 16-jährigen Asylantragstellenden. "Please don't smile" heißt es beim Polizeifotoshooting und dann knallt auch schon der Einmalhandschuh am Handgelenk des Amtsarztes vor der rektalen Untersuchung. Schutzlos als Titel ist sehr passend und begleitet den Zuschauer durch die gesamte Handlung. Die Flüchtlinge sind den Behörden ausgeliefert und auch den Kriminellen vor Ort, die mit ihnen umgehen wie mit Tieren. Die absolute Resignation der Asyl-Behörden, die Abgestumpftheit ob des Elends, das diese Menschen auf ihrer Flucht erlebt haben, war sehr berührend. Selten war ein Tatort so aktuell.


Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: In ihrem emotionalen Furor ist Ermittlerin Ritschard dann doch auch für den Zuschauer ein wenig erschöpfend.

Lars-Christian Daniels: Das Peinlichste am Schweizer Tatort bleibt weiterhin der grässlich überzeichnete Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu): Der frisch beförderte Vorgesetzte wirft seinen Kommissaren grundlos Knüppel zwischen die Beine und erweist sich einmal mehr als blitzlichtgeil und vollkommen instinktfrei. Viel zu konstruiert, viel zu bemüht und in jeder Szene unglaubwürdig.

Kurt Sagatz: Das hat zwar nichts mit peinlich zu tun, aber die nüchterne Haltung, die Polizeichef Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu) in diesem Film zugedacht wurde, kann durchaus als menschenverachtend bezeichnet werden.

Kirstin Lopau: Flückigers Visionen während seiner Migräneanfälle oder was immer er da zu haben scheint sind ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Sein Chef spricht von einem "Dachschaden", mir kam der Mann manchmal wie die Heilige Brigitta vor. Und warum tragen so viele Figuren eine Stedefreund-Gedächtnis-Lederjacke?


Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 7 Punkte

Lars-Christian Daniels: 4 Punkte

Kurt Sagatz: 8 Punkte vor allem für Anspruch, auch wenn sich die Spannung in Grenzen hält

Kirstin Lopau: 7 - 8 Punkte

Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren
karolachristiane
#3  —  5. Juli 2015, 20:53 Uhr

Hoffentlich gelingt es den Zuschauern zu realisieren, daß dieser Tatort in der Schweiz spielt und daß die rechtliche Situation Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtlinge und ihre Versorgung und Betreuung in Deutschland eine deutlich andere ist!
https://de.wikipedia.org/...

Vielleicht nehmen die Zuschauer ja den Film zum Anlaß um sich über die Situation der "UMFs" zu informieren. Grund dazu hätten Sie!
"München - Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die nach München kommen, geht durch die Decke. Die neueste Prognose des Sozialreferats: Bis zu 10.000 neue junge Flüchtlinge werden allein in diesem Jahr erwartet."
http://www.merkur.de/loka...